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machte. Während dieses kurzen Stillschweigens erwachte in ihr der plötzliche Wunsch, diesem Männe Dinge anzu­vertrauen, die sie noch niemand anvertraut hatte.

Sagen Sie, haben Sie noch nie ein unverständliches Angstgefühl, eine unbegreifliche böse Ahnung empfunden?" fragte sie mit einem müden Lächeln.

Ein unverständliches Angstgefühl?" wiederholte Stein­metz.Nein. Freilich müssen Sie wissen, daß ich keine Nerven habe."

Sind es die Nerven, oder "äst es Petersburg? Ich glaube, Petersburg trägt die Schuld; ich hasse es."

Warum ist Ihnen Petersburg verhaßter als Moskau, oder Nischni-Nowgorod, oder Twer?"

Sie holte lange und tief Atem, während sie ihn von der Seite von oben bis unten betrachtete.

Ich weiß nicht", antwortete sie gefaßt.Es wird die Feuchtigkeit sein. Die Häuser sind Wohl alle auf Meer­boden gebaut, nicht wahr?"

Er gab darauf keine Antwort, sie schien auch keiue zu erwarten, sondern blinzelte über den Rand feiner goldenen Brille hinweg in das Feuer, während sie ihn verstohlen aus den Augenwinkeln betrachtete; ihre geöff­neten Lippen waren wie vertrocknet, ihr Gesicht bleich wie der Tod. Ein paar Augenblicke zuvor hatte sie beteuert, daß ihr seine Freundschaft erwünscht wäre; jetzt wußte sie, daß sie seiner Feindschaft nicht trotzen könne. Das einzige WortTwer" hatte das beivirkt, die bloße Erwähnung einer unbekannten, schmutzigen Stadt am oberen Laufe der mächtigen Wolga!

Während dieser wenigen Augenblicke wurde sie sich plötzlich ihrer Lage vollständig bewußt. Was hatte sie diesem Manne zu bieten? Sie sah ihn an, wie er so dick, gelassen und undurchdringlich vor ihr stand. Das war kein gewöhnlicher Abenteurer, der nach Frauengunst strebte, kein Bettler, der mit Geld zu kaufen war; sie besaß nicht die Macht, sich Gewißheit zu schaffen, wie viel er wußte, wieviel er ahnte. Sie hatte einen Mann vor sich, der die besten Karten in der Hand hielt und sie nicht aus­spielen wollte. Auf ihrem Wege durchs Leben war sie zumeist mit Schurken znsammengetroffen, und ein Schurke ist kein besonders gefährlicher Feind, denn er kämpft stets auf schlüpfrigem Boden. Mit Ausnahme Pauls hatte sie es noch nie mit einem wirklich ehrlichen, anständigen und furchtlosen Manne zu tun gehabt und war dadurch in den häufigen Fehler verfallen, anzunehmen, daß ehrliche Menschen einfältig, gläubig und ein bißchen dumm sein müssen.

Während dieser kurzen Zeit durchlebte sie Jahre tät­licher Angst und erkannte, daß sie hilflos, mit gebundenen Händen und Füßen in die Macht dieses Mannes gegeben war.

(Fortsetzung folgt.)

Hessische Räuberbanden im achtzehnten Jahrhundert.

Von Dr. Arthur Bechtold.

Original-Aufsatz für die Gießener Familienblätter.

(Fortsetzung.)

Tie durch den Tod Emeraners erledigte Stelle eines Landlieutenants hatte der dem Tode entronnene Kräcker erhalten. Am 31. Januar 1726 meldete er nach Gießen, daß ^it Fauerbach im Gräflich Solms-Assenheimschen ein starker Zigeunertrupp sich habe seheu lassen. Die fürstliche Regierung beriet sich daraufhin sofort in aller Stille mit dem Stadtkommandanten, Obrist von Schenck; damit der Zer,, nickst verraten werde, wurden die Festungstore ge- iaa ""d istät abends der Kapitän von Lehrbach mit 100 Mann, außerdem eine Anzahl Freiwillige und Mus- ketrere, dre man beritten gemacht hatte, zum Tor hiuaus- gelassen. Das Kommando hatte Glück; es gelang ihm, 12 Zigeuner und eine Weibsperson, des berüchtigten Galantheo Tochter, die Cron genannt, gefangen zu nehmen. Der Zi­geuner Kemperla hatte sich in einem Backofen versteckt, wurde entdeckt, nn den Füßen herausgezogen uub eben« tallS nach Greßen gebracht, wio natürlich über beit alück- r 71" MB' der am nächsten Morgen bekannt wurde, un- beschreibüche Freude herrschte.

Am 11. Februar fielen bei Schwickartshausen einem Kommando von 60 Mann unter Führung eines Lieutenants

und eines Fähnrichs abermals 6 Zigeuner mit 3 Weibern in die Hände. Die Zigeuner hatten sich dabei zur Wehr gesetzt und auf die Soldaten geschossen.

Bei Homburg v. d. H. wurden drei männliche Zigeuner, außerdem die Mutter uud die Frau des Hemperla von einem Unteroffizier mit einigen Mann gefangen.

Tie Gefangenen, ohne die Kinder 28 Köpfe stark, wurden in das Stockhaus, welches sich imHeidenturm" des alten Schlosses befand, gesperrt und gegen alle der peinliche Prozeß eröffnet.

Tie Jnkulpaten leugneten zunächst alle ihnen zur Last gelegten Tiebstähle und Mordtaten, doch sprach schon der Umstand gegen sie, daß man seit ihrer Gefangennahme in der Umgegend nichts mehr von räuberischen Ueber- fällen vernahm. Durch verschiedene Zufälle gelang es, sie nicht nur der angeschuldigten, sondern einer ganzen Reihe weiterer Verbrechen zu überführen.

Der Pfarrer Nebel von Wallenfels, der während der Ermordung des Landleutnants Eemeraner in der Nähe gewesen war, kam zufällig nach Gießen, sah die einge- brachten Zigeuner und erkannte in ihnen mit Bestimmtheit die Mörder Emeraners wieder.

In Großlinden wurden im Oktober 1725 einige Spitz­buben, Friedrich Daniel Steiger, vulgo Rübelhans, der sogenannte Siebenbündelbub und noch einige ihrer Spieß­gesellen eingefangen; da sie in Großlinden sich überworfen hatten, suchte jetzt jeder den anderen an den Strick zu reden. Es stellte sich heraus, daß der Kübelhans bei der Ermordung des Pfarrers Heinsius dabei gewesen war; durch Rundschreiben der fürstlichen Regierung zu Gießen an die gräfliche Kanzlei zu Jttstein, an die kurfürstlichen Regierungen zu Trier und Mainz, wo ebenfalls Zigeuner eingebracht worden waren, erfuhr man alle Teilnehmer an den einzelnen Mordtaten der letzten Jahre; die Zigeu­ner verrieten sich gegenseitig.

1) Seyen sie gegen die Fürstl. Verordnung, in specie aber gegen die Poenal-Sanktion, sowol in denen Fürstlichen als angräntzenden Grässlichen Landen, in einer großen Anzahl herumvagiret, hätten mit Rauben, Morden und Stehlen sich ernähret, Ober- und Untergewehr bey sich gehabt, denen Unter- thanen Obst, Hüner, Gänse und dergleichen gcraubet, und wann die Unterthanen ihnen sich widersetzen wollen, solche todt zu schiessen sich betrohentlich vernehmen lassen.

2) Wären sie öffters untereinander selbst uneinig wor­den, und hätten sich ohngescheut mit Schiessen und Hauen ums Leben gebracht.

3) Hätten sie den Land-Lieutenant Emeraner auf der Hütten jämmerlich ermordet, vorhero aber zu Hirtzenhayn seinen Knecht, Rahmens Hempel, elendig­lich zugerichtet.

4) Hätten einige von ihrer Bande den Pfarrer Heinsius, nebst seiner Frau, zu Dörsdorfs, auf eine Barbarische Weise erschossen.

5) Auch den Müller zu Hahnstätten, sodann den Heim­berger zu Mühlen, ohnweit Limburg, bestehlen Helsfen. Jngleichen hätten

6) einige von dieser Bande den Diebstahl und Mord auf der Mühle bey Königstein begehen Helffen. Wie denn auch

7) der Unter-Offizier Trauth zu Weilburg von dem Jnquisito Hamperla und dessen Mord-Cammeraden soll erschossen worden seyn.

8) Wurde ihnen die Mordthat zu Gelßhausen im Lon- dorfer Grund impütiret.

9) Ter Geißmarische Diebstahl zu Blofeld, und

10) der Diebstahl, so in Anno 1722 zu Griedel, im Gräss­lich Braunfelsischen, in das Land-Commissarii Meders Hauß verrichtet worden, zu Schulden gelegt, und

11) denenselben die Mordthat, so zu Burggemünden aus- geiibet worden, impütiret.

12) Sölten sie den Schwein-Hirten, ohnweit Dauerheimb, in der sogenannten Au, mörderischer Weise ange­griffen, und mit einer Kugel durch und durch ge­schossen haben.

13) Wurde ihnen der Diebstahl und die Mordthat zu Saassen, im Ambt Grünberg, wie auch der nächtliche Einfall zu Ostheim, im Ambt Butzbach, aufgebürdrt, 14) Käme deuen Jnquisito zur Last, daß sie rm uechp- vorigen Winter auf dem Hof Hayna und Zu Rodt-.