Ausgabe 
5.1.1903
 
Einzelbild herunterladen

11

Liedern Gritzners an Teilnahme nicht fehlen. Denn sie enthalten durchweg, was man bei gar manchem modernen Erzeugnis der Gattung so schmerzlich vermißt:Melodie", leicht fließende, ansprechende, warm empfundene Melodie, die aber stets getvählt bleibt und Trivialitäten sorgsam aus dem Wege geht. Da auch die jeweilige Stimmung meist glücklich getroffen ist, ohne daß vom Interpreten und fernen Hörern ein Hinab steigen in allzu große Tiefen gefordert wird, so kennzeichnen sich diese Lieder als eine Gabe, an der namentlich, der Durchschnitt der musikalisch Gebildeten Freude haben wird.

Ueber Gritzner selbst wird uns von Freunden des Komponisten folgendes mitgeteilt:

Schon während der in Heidelberg verlebten Knaben­jahre bekundete Rud. Gritzner innige Freude zur Musik und bei Aufführungen in Kirche und Konzertsaal war er ein eifriger Sopransänger des Chors. Doch mehr Neigung zeigte er nach und nach zur Technik. Werkstätten mit ihrem regen Treiben interessierten ihn besonders und als ihm die Wahl eines Berufes oblag, wandte er sich dem Maschinenbau zu. Nun kamen Lehrjahre und der Besuch des Polytechnikums, nebenbei betrieb Gritzner am Konservatorium zu Stuttgart unter Leitung Ludwig Starks eifrige Gesangstudien, durch deren Erfolg ihm die Freude wurde, an den musikalischen Veranstaltungen teilzunehmen, die in Julius Stockhausens Heim in Cannstadt stattfanden. Clara Schumann, Johannes Brahms, Edmund Singer und viele andere Künstler aus nah und fern kamen zu Gast. Die tiefsten Eindrücke machte aber Julius Stockhausens Gesang auf Rud. Gritzner. Alsdann widmete er sich ernsteren beruflichen Arbeiten. Er war eine Zeit lang Direktor der von seinem Vater begründeten Maschinen­fabrik und hat nun erst seit vier Jahren, nach Aufgabe dieses Amtes, sich mit musikalischen Aufgaben beschäftigt.

verbrachtes.

In einer nachgelassenen Arbeit über Epilepsie vvn Wolf Kußmaul findet sich eine interessante Ab­weisung der Behauptung, die sich durch die Handbücher der Pathologie zieht und ost nachgesprochen wird, daß viele der größten Männer der Weltgeschichte an Epilepsie ge­litten Hütten. Als merkwürdigste Beispiele werden immer Julius Cäsar, Napoleon I., der Apostel Paulus und Mohammed genannt; Cesare Lombroso hat diesen noch eine ganze Reihe klangvoller Namen, wie K a r l V., P e t e r den Großen, Petrarca, Händel, Dickens, Dosto­jewsky u. a. hinzugesügt, ja er erklärt sogar die Epilepsie, die bisher für eine besonders wirksame Ursache der Ver­blödung galt, für eine Hauptgrundlage der Genia­lität. Wenn ihm schon eine vorübergehende Trübung des Bewußtseins namentlich in Begleitung von Krämpfen ohne weiteres genügt, um den Befallenen zum Epileptiker zu stempeln, so wird, meint Kußmaul, die wissenschaftliche Pathologie strengere Anforderungen an die Diagnose der Epilepsie ~ stellen müssen. Tie Epilepsie eines Peter des Großen läßt sich allerdings nicht bestreiten, aber die geniale Anlage des Reformators Rußlands ging der Epilepsie voraus. Trv»tz feiner glänzenden Begabung wurde er epi­leptisch, da er, ausgewachsen in der rohesten Barbarei und gewohnt, seine Launen zügellos zu befriedigen, sein Nerven­system durch furchtbare Trinkgelage und Ausschweifungen zerrüttete. Tie dürftigen ttnb unsicheren Auszeichnungen, die über die angeblichen epileptischen Anfälle Julius Cäsars, Napoleons I., des heiligen Paulus und Mohammeds er­halten sind, reichen dagegen nach Kußmauls Meinung nicht aus, um ihre Natur festzustellen. Bei Mohammed scheint es sich um ekstatische, nicht um epileptische Nervenzustände gehandelt zu haben; er diktierte aus seinen Anfällen heraus die Suren des Korans, was mit der Natur epileptischer Anfälle unvereinbar ist. Bei den drei anderen wird nur von vereinzelten Anfällen berichtet, die als epileptische gebeutet, werden Jönnten; aber es fehlt die Periodizität der Anfälle, die zu dem Begriffe diesew Krankheit gehört; nur wenn sie sich ohne äußeren Anlaß wiederholen, haben sie Anspruch auf diese Bedeutung. Tas Hauptbeispiel für Lombroso ist Napoleon I., der nach ihm mit allen Merk­malen erblicher Entartung und des epileptischen Verbrechers behaftet gewesen sein soll. Im russischen Feldzug, bei Leipzig und Waterloo soll er Fehler gemacht haben, die sich aus einem epileptischen Geisteszustände erklärten, und

infolgedessen habe er zuweilen an unüberwindlicher Schlaf­sucht gelitten. Kußmaul meint, daß sich seine Fehler, sein Schlafbedürfnis auch aus seiner unregelmäßigen Lebens­weise, dem Durchwachen ganzer Nächte bei strenger geistiger Arbeit, dem hastigen Verschlingen der Nahrung mit nach­folgender Verdauungsstörung, der Erschöpfung durch die riesigen, ihm gestellten Aufgaben genügend erklären lassen. Im Herbst 1805 soll Napoleon vor seinem Abgang zur Armee nach Teutschland einen epileptischen Anfall erlitten haben, über den zwei sehr verschieden lautende Berichte vorliegen. Nach der Erzählung Talleyrands ereignete sich der Vorfall in Straßburg. Napoleon hatte mit ihm gespeist, war von der Tafel allein zur Kaiserin gegangen und kam nach einigen Minuten zurück. Er nahm Talleyrand beim Arm und führte ihn in fein Schlafzimmer. Remusat folgte, um noch einige Befehle zu erbitten. Kaum waren sie drinnen, da fiel der Kaiser zur Erde. Er fand nur noch Zeit, zu sagen, man solle die Thür zumachen, stöhnte, geiferte und drohte zu ersticken. Talleyrand riß ihm die Halsbinde ab, übergoß ihn mit Kölnischem Wasser, Romuset gab ihm Wasser zu trinken. Er hatte verschiedene Konvulsionen, die nach einer Viertelstunde aufhörten. In einem Lehnstuhl gehoben, fing er an zu sprechen, ordnete seine Kleider, empfahl den beiden Zeugen Geheimhaltung und war eine halbe Stunde später auf dem Wege nach Karlsruhe. Diese Schilderung, schreibt Kußmaul dazu, entspricht dem Bilde eines epilep­tischen Anfalls eher und weicht davon nur darin ab, daß Napoleon, wie es scheint, im Anfall Wasser zu trinken ver­mochte und so rasch sich davon erholte.

Hochmut und Fall. Die nachsichtigen Freunde hatten seine Versuche im Malen und Zeichnen so sehr gerühmt, daß der junge Mann sich wirklich für ein Genie hielt. Seine wohlhabenden Bekannten kauften sogar seine Bilder,um ihn zu ermutigen", wie sie sagten.

Als er kürzlich an einer Gemüldehandlung vorüber­ging, war er hocherfreut, eins seiner Bilder schön ein­gerahmt im Schaufenster zu sehen, besonders da er in Begleitung einer hübschen Dame war, vor der er sich gern im bestmöglichen Lichte zeigen wollte.

Die Ausmerksamkeit der Dame auf das Bild lenkend, sagte er:

^Entschuldigen Sie, aber ich bin ein wenig neu­gierig, zu erfahren, wie hoch meine Gemälde im Preise stehen."

Und sie betraten zusammen den Laden.

Mein guter Mann", sagte er zu dem Kunsthändler, was kostet jenes Gemälde im Fenster bort?"

Drei Mark."

Großer Gott!" schrie der Künstler, zurückprallend.

Der Kunsthändler, welcher glaubte, es sei ein Aus­ruf des Staunens über den hohen Preis, fügte begütigend hinzu:

Einschließlich des Rahmens natürlich" Tit-BitL.

Endlich einmal ein angenehmer Mensch. Hausherr nach Tisch zum Gast:Wissen Sie etwas über Literatur?* 92eiti/z

Etwas über Kunst?"

Nichts."

Verstehen Sie sich auf Musik?"

Keine Spur."

Schön, dann wollen wir uns in mein Zimmer zurück ziehen. Bringen Sie sich eine Pfeife mit, wir wollen ein bischen gemütlich plaudern." (Tit-Bits.)

Geistesgegenwart. In einem sehr ernsten Drama mußte ein Gefangener einen Brief, den ihm der Gefängnis­wärter brachte, laut vorlesen. Um die Mühe des Memo­rierens sich zu ersparen, pflegte der Schauspieler den Text des Brieses abzulesen.

Eines Abends wollte der den Gefängniswärter spielende Schauspieler sich einen Scherz machen, und gab dem Ge­fangenen nur ein Blatt unbeschriebenen Papiers. Als Der Gefangene mit dem Lesen beginnen wollte, wäre es beinahe um feine Fassung geschehen gewesen, doch mit schnell wiedergewonnener Geistesgegenwart tief er mit heiterer Ruhe:

Wärter!"

Ja"

Ich muß Ihnen ein Geständnis machen. Von armen Eltern abstammend, habe ich nicht lesen gelernt und muK Sie daher bitten, mir den Inhalt des Briefes vorzulesen."