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er doch nicht mithin sollen — er war arg in die Kreide geraten — wo sollte er nur.das Geld aufbringen, um alle die Spielschulden abzutragen? Seinem Vater konnte er's nicht sagen, zumal jetzt, wo er krank war, aber auch sonst ging es nicht. Der Alte hatte zu viel Respekt vordem „sauer Erworbenen". „Zu Nichtsnutzigkeiten habe ich nichts übrig" pflegte er zu sagen. — Ob er sich an seine Schwester Anna wandte? Sie schien ja jetzt länger im Elternhause zu weilen. Wenn nur der Schwager, dieser pedantische, tugendhafte Pfennigpsuscher nicht auch da war! Anna war ja eigentlich gutmütig, — sie hatte ihm schon manchen Groschen zugesteckt — vielleicht würde sie jetzt auch helfen! Freilich, die Summe war groß — am Gide hätte er doch nicht mitspielen dürfen. Aber was hätte das für einen Eindruck auf den Prinzen gemacht, der den flotten Forstadjunkten sichtlich ausgezeichnet hatte?
„Sollte er ihm etwa sagen: „ich bin ein armer Amt- mannssobn, mein Vater hat redlich gekämpft, um seinen acht Kindern eine Existenz zu schaffen, ich habe nichts als mein bischen Gehalt.
Ja, das würden sein Schwager und die älteren Brüder von ihm verlangen — diese Philister mit ihren engherzigen Ideen, mit ihrem begrenzten Horizonte.
Aber verstanden beim die was vorn Leben? „Jedes redliche Streben erhält seinen Lohn", pflegte der Schwager zu predigen; ja schön, aber der Lohn ist auch darnach! Günstige Gelegenheit soll man nützen, philosophierte Karl — man kommt doch nicht alle Tage mit Prinzen zusammen. Ta muß man schon ein Opfer bringen! — der Prinz wird Fürst — er sammelt seine Freunde um sich, dazu gehört auch der flotte Forstadjunkt — es kann gar nicht fehlen — Karl macht glänzende (Karriere — eine Forstmeisterstelle ist das wenigste, was für ihn abfällt. Tas wird ein Leben! Tann kommen alle die vornehmen Herren als Gäste zu ihm und er lacht über die Philister und ihre grillenhafte Weisheit.
Bums! Karl ist mit dem Kopfe gegen einen vorspringenden Ast gerannt und hat eine ganze Ladung Schnee ins Gesicht und in den Nacken bekommen. Tas wirkt ernüchternd auf den Erbauer kühner Luftschlösser. ^Verdammt", knirschte er, „wenn ich nur erst glücklich das Geld zusammen hatte!"
Aber bald wendet sich seine rastws arbeitende Phantasie freundlicheren Widern zu. „Bin doch schon immer ein gutherziger Kerl gewesen", denkt er, „ganz anders als hie andern alle. Ihm füllt ein Vorfall ein aus der Kinderzeit. Mit kaum acht Jahren hat er einmal an den König geschrieben:
„Lieber Herr König!
Ich möchte auch gern König werden, aber ich weiß nicht, tote man es macht. Hol mich, bitte, auf Dein Schloß. Wh Will a.uch ganz artig sein. Tein lieber
Karl Thieß."
Er mußte breit lachen, als er sich des Sturmes erinnerte, per im Elternhause ausgebrochen ivar, als der verschmitzte alle Briefbote, der ihm heilig und fest versprochen hatte, den Brief richtig beim König abzugeben, denselben statt dessen dem Vater i« die Hande gespielt hatte. Tie Mutter hatte genug zu tun gehabt, um den Vater zu besänftigen, der Ulte hatte gewettert, aus solchen „Obenhinaus" würde nie etwas Rechtes; der dumme Junge solle lieber seine Lektion in der Schule lernen, statt aus Allotria zu sinnen. ,^Verflixter Bengel", hatte er endlich, schon wieder beruhigt, gebrummt, wo er nur all so Dummheiten her hat.
Schon früher einmal hatte der ®ater ihn erwischt, als jir ganz glücklich eine Mäusefamilie vom Felde hereinbrachte und gerade dabei war, derselben aus einem alten Nähkorbe seiner Mutter auf dem Kornspeicher eine Mäuse- hütte zu errichten. Eine unangenehme Kopsnuß hatte ihn belehrt, daß die Mäuse schon ohne dergleichen Unterstützung genügend für sich zu sorgen wissen und an das traurige Geschick seiner armen Lieblinge hatte er lange Zeit nur Mit Schrecken denken können.
Schlimmer wäre beinahe ein anderes Abenteuer ab gelaufen, zu dem er durch die schaurig-schönen Erzählungen ieines alten Fischers unten im Torfe angestiftet worden war. Er war eines Tages mit einem unternehmungslustigenKckme- raden an den Strand gegangen, hatte ein Boot losgelöst, lohne den Eigentümer um Erlaubnis zu fragen und war kühn mit dem kleinen Freunde hinaus aufs Meer gerudert, weil sie „Seeräuber" werden wollten. GelegenheiL Ar Raub und Plünderung Ware« ihnen freiwillig nicht geworden;
ihr Heldenmut war im Gegenteil bald in Angst und Schrecken umgeschlagen. Tie See war stürmisch, die gewaltigen Wellen schaukelten das Boot wie eine Nußschale und die beiden kleinen Insassen saßen zitternd wie Espenlaub, legten sich angstvoll auf den Boden des Bootes und llammerten sich fest an die Ruderbänke. Stundenlang waren sie so aus und ab schaukelnd auf dem Meere Herumgetrieben, als endlich ein paar biedere Fischer, die auf Fischfang ausgezogen waren, das herrenlose Boot entdeckten, sich seiner bemächtigten und die beiden vor Angst und Kälte und Nässe halbtoten Jungen retteten und ans Land brachten.
Karl Thieß verweilte nicht gern bei der Geschichte. Tas Gesicht von Vater und Mutter, als das vermißte und überall angstvoll gesuchte Kind ihnen wie leblos ins Haus gebrächt wurde, hatte sich ihm trotz seiner Schwäche damals fest eingeprägt — und als er völlig wieder zur Besinnung kam, wäre es ihm viel lieber gewesen, der Vater hätte gewettert und geschimpft, als haß er so traurig und still am Bette seines Jungen saß.
Eigentümlich schienen Gegenwart und Vergangenheit! sich mit einander zu verquicken. Kurl war aus dem Walde herausgetreten — vor ihm unten im Tale lag langgestreckt fein Heimatdorf, feierlich und ernst klangen gerade jetzt die Glocken des Kirchleins zu ihm herüber — halb klang es wie Sterbeglocken, halb wie Festgeläute — ein Schauer über-- riefelte den munteren Gesellen und zog ihm, wie in banger Vorahnung, das Herz zusammen.
Aber die Glocken mußten ja läuten und den Sylvesterabend einleiten; gewiß strömten jetzt die Torfbewohner zum nächtlichen Gottesdienst zusammen, um feierlich den Abschied des alten Jahres zu begehen.
Ihr Schall wurde bald übertönt von einem gewaltigen Rauschen und Brausen! Tas war das Meer! Tas waren echteste Heimatsklänge! Alles Gute in Karl Thieß wurde bei diesen gewaltigen Tönen lebendig — der Leichtsinn trat zurück, Kraft und Ernst drängten sich vor. Er war daheim; schon winkte das Licht des Elternhauses - — oh! er wollte alles wieder gut machen! Wenn nur der Vater wieder gesund war — er wollte ihm schon beweisen, haß er könne, was er ernstlich wolle — vielleicht sagte er ihm doch alles offen heraus und dann wollte er von vorn an- sangen — er wollte ein ganzer Mann werden, stark und tüchtig, geachtet und geehrt wie der Vater.
Er stand vor seinem Vaterhause; nur seitwärts drang ein Licht aus dem Wohnzimmer, sonst lag alles dunkel vor ihm. Vielleicht stand des Vaters Bett im geräumigen Wohngemach--ach ja--er hatte sich lästigen Ge
danken hingegeben und der Vater Ivar krank. Angst scquarten ihm plötzlich die Kehle zusammen, so beklommen wurde ihm zu Sinn, daß er meinte, jeden Herzschlag zu Horen. Leise hatte er die Haustür aufgeklingt, er wollte nicht gleich zu dem Kranke« — rechts vom Flur lag das groge Amtszimmer, wo der Vater immer die Tagelöhner abzulohnen pfegte, dort wollte er eintreten, sich erst sammeln und dann zum Vater gehen. ,
Er öffnete die Türe und prallte entsetzt zurück — er trat ein, stand tote erstarrt, stürzte vorwärts unb brach erschüttert zusammen: O Gott, Water, metn Vater! schluchzte er Vor ihm stand ein schlichter Sarg; zu Haupten und zu Füßen brannten enift und feierlich vier hohe Wachslichter und von den weißen Kissen hob sich das Antlitz des alten Amtmannes ab, streng, ernst, voll hoheitcholler abweisender Ruhe. i
Mbolf GniMr.*)
Ein weiteren Kreisen bisher wohl gänzlich unbekannter Komponist tritt zum erstenmal, und zwar sogleich mit etwa einhuvdMsüufzig Liedern, an die 'Oeffentlichkeit. Soll die qnaniitattBs Fülle des Gebotenen die allgemeine Au,- merksamkeit vor anderen gleichartigen Produktionen aus sich lenken? Das wäre kaum sehr glücklich spekuliert; erscheinen doch gerade in der Gegenwart neue Lieder in solcher Massenhaftigkeit auf dem Musikalienmarkte, daß selbst ein und ein halbes Hundert mehr oder weniger nicht allzu schwer ins Gewicht fällt. Trotzdem dürfte es den
*) Gritzuer, Rudolf, Lieder und Gesänge. 6 Baude fe 3 Mark (etegt gebt 4 Mk). Verlag Breitkopf u, Härtel, Leipzig.


