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Sache nicht näher kommen und den Mter ausfindig machen."
Der Geheimpolizist lächelte.
„Ich glaube, Sie tun ihnen unrecht, Madame", sagte er. „Sie denken schon jetzt auf einer ziemlich guten Fährte zu sein. Und hoffen bestimmt, noch ehe viele Tage ins Land gehen, eine Verhaftung vornehmen zu können."
Miß Bostal, die ihm ins Besuchszimmer gefolgt war und in ihrer gastlichen Weise im Begriff stand, ein Licht anzuzünden, zuckte ungläubig die kleinen schmalen Achseln.
„So Heißt es immer bei ihnen. Was aber glauben denn Sie?"
Der Geheimpolizist antwortete nicht sofort. Und als sie sich umsah, den Grund davon kennen zu lernen, nahm sie an dem Ausdrucke seines Gesichts wahr, daß ihn ejtwas stutzig gemacht hatte.
„Was gießt es denn?" fragte sie rasch.
„Ich glaube, diese Geschichten haben mich wie alle andern nervös gemacht, Madame", antwortete er, auf seinen Hut niederblickend, den er sorgfältig mit der Hand glatt strich- „denn ich bildete mir ein, jemanden durchs Fenster hereingucken zu sehen."
Miß Bostal sah ihn befremdet an. Ihr schien, als ob er von da, too er stand, durch keines der Fenster, noch selbst ben Widerschein eines von ihnen im Spiegel über dem Kaminsimse sehen konnte. Doch wußte sie Besseres zu tun, als sich, mit einem Geheimpolizisten in Erörterungen einzulassen. Sie ging an die Fenster, an eins nach dem andern, und blickte hinaus.
„Ich sehe niemanden", sagte sie. „Es mag einer der losen Buben des Ortes gewesen sein, der aus Neugier hereinguckte. Dieses Zimmer wird wenig benützt, und das Licht mag ihn angezogen haben."
„Leicht möglich, Madame."
„Und nun, womit können wir dienen? Denn natürlich sind Sie in Dienstgeschäften gekommen."
„Nun ja, Madame. Die Dinge sehen für Ihre Freundin da drüben sehr schlecht aus."
Und er wies mit dem Kopfe nach der Gegend des ,Blauen Löwen'.
„Still, Mr. Hemming, idj will kein Wort gegen das Mädchen hören", sagte Miß Bostal mit plötzlicher Wärme. „Ich sage Ihnen, der Gedanke, das Kind könnte damit etwas zu tun gehabt haben, ist widersinnig. Und ich bin verwundert, eine so alberne Vermutung von einem Mann Ihres Scharfsinns zu hören."
Der Geheimpolizist blickte auf seinen Hut nieder.
„Es gereicht Ihnen zur Ehre, Madame, ihre Partei zu, nehmen", sagte er ziemlich trocken. Doch giebt es einige Fragen, die icfy an den Obersten richten muß, wenn er mir fünf Minuten gewährt. Und sicher werde ich froh sein, wenn er mir hilft, sie für schadlos halten zu dürfen."
„Mein Vater wird Sie, wie ich überzeugt bin, empfangen", sagte Miß Bostal ohne weiteres und ging nach der Tür, „da er ebenso sicher, wie ich es bin, ist, daß jede Aufklärung dieser Sache nur im Interesse meiner Freundin liegt."
Und ihm, als sie hinausging, fast grollend einen Seitenblick Mverfend, durchschritt sie den mit Steinen belegten Gang und meldete ihrem Vater, daß ihn der Londoner Geheimpolizist zu sprechen wünschte.
„Weis' ihn herein."
Hemming hörte dies den Obersten mit einer weit beunruhigteren Stimme sagen, als es die seiner Tochter gewesen war.
Miß Theodora führte Hemming in das Speisezimmer, das nach der kalten Nacktheit des Statszimmers warm und behaglich erschien, und ließ dann die beiden Männer beisammen.
„Ich bin Sie zu fragen gekommen, Sir", sagte Hemming, nachdem er seine Zudringlichkeit entschuldigt hatte, „ob Sie im Hause nicht Feuerwaffen aufbewahrt haben?" „Feuerwaffen? Nein, sicherlich nicht", antwortete der Oberst in einem Tone der Entrüstung, der erkennen ließ, daß er Hemmings Wunsch witterte, sein' Eigentum mit der Gewalttat in Verbindung zu bringen.
„Nichts für ungut, Sir", sagte Hemming mit ein- nehMndeM Wesen, „aber ich bin verpflichtet, Nachforschungen anzustellen, wie Sie wissen, und ich sehe, daß
Sie draußen eine Trophäe an der Wand angebracht haben mit Speeren, einer langen afghanischen Flinte und —“
„O, diese Flinte würde dem gefährlicher sein, der sie abfeuerte, als irgend einem Gegenstand, nach dem er damit schösse."
„Und da ist auch noch eine alte Pistole. Darf ich sie ansehen?"
„Gewiß können Sie das, wenn's beliebt."
Der Geheimpolizist machte von der Erlaubnis Gebrauch und brachte von dem Platze, wo sie im Gange an der Wand hingen die afghanische Flinte, eine kurze- und schwere Kamelflinte und die fragliche Pistole herein. Es war eine alte Kavalleriepistole von veralteter Form.
Hemming sing an, diese Waffen mit Aufmerksamkeit zu untersuchen.
„Nehmen Sie sich in acht", sagte der Oberst, plötzlich den Kopf niederduckend, als der Geheimpolizist sie emporhielt, und die Hand an den Drücker legte.
„Sie ist geladen."
„Ich denke nicht", antwortete Hemming gelassen.
Und er drückte drei oder vier Mal ohne Wirkung los.
Der Oberst, sprang auf.
„Aber", schrie er, „ich habe sie vor ein paar Tagen selbst erst geladen. Ich zeigte den Damen, wie man sie gebrauchte, und ich weiß, daß ich sie lud, ehe ich sie wieder an ihren Platz hing."
„Ach", sagte Hemming noch trockner als früher, „sie ist dann seitdem gebraucht worden. Wollen Sie mir die Kugeln, die dazu passen, zeigen? Ich möchte sie mit einer auf dem Polizeiamt in Stroan vergleichen."
„Wer Mann, Sie wollen doch nicht etwa sagen, Sie nähmen an —"
„Daß Sie sie den Damen in irgend einer Absicht gezeigt haben? Ich fürchte, ich tue das, Sir!"
17. Kapitel.
Die alte Pistole.
Sobald Nell und ihr Onkel nach dem Mauen Löwen'- zurückgekehrt waren, trafen sie mit der Krankenwärterin! Cliffords zusammen. Sie sagte, der Kranke habe so dringend Miß Claris zu sehen verlangt, daß sie sich mit Widerstreben genötigt geftmden hätte, ihm die Erlaubnis dazu zu erteilen, aus Furcht, daß er sonst durch die Aufregung in einen fieberhaften Zustand geriete.
Sehr zu ihrer Verwunderung aber sträubte sich Nell fast noch mehr, ihn zu sehen, als sie sich gesträubt hatte, ihm die Erlaubnis dazu zu geben. Es bedurfte eines halben Dutzend Botschaften, uni sie zu bewegen, in das Zimmer des Kranken zu gehen.
Clifford lag in dem kleinen Wohnzimmer, das ihm eingeräumt worden war. Er atmete erleichtert tief auf, als er Nell erblickte. Sie sah sehr blaß aus und der Ausdruck ihres Gesichts war voll Trauer und Schrecken.
„Setze Dich nieder, Nell, hier zu mir", sagte er mit schwacher Stimme. „Und sage mir, warum Du so aus^- siehst. Ich sterbe noch nicht. Jst's das, was Dich ängstet?"
Nell schüttelte den Kopf und versuchte zu lächeln, indem sie seine Hand ergriff. Ein heiserer, rasselnder Ton entrang sich ihren Lippen, doch kein deutliches Wort. Und als sie dann seinen Augen begegnete, sank sie zusammen und brach in heftiges Weinen aus.
Clifford tat gerade das Beste, was unter diesen Umstünden zu tun war: er ließ sie sich ausweinen. Ohne ein Wort suchte und ergriff er ihre andre Hand und legt« sie zu der, die er schon in der linken hielt, und streichelte dann sanft mit der rechten ihr goldenes Haar. So weint« sie eine Zeitlang bitterlich dann etwas minder heftig, bis der Druck ihres furchtbaren Elends etwas wich und sie plötzlich aufsprang, ihm ihre Hände entzog und sich di« Augen trocknete.
„Nun, Nell, fühlst Du Dich besser?" fragte Clifford, als ein schwaches Lächeln Wer das Gesicht des Mädchens zu schweben begann.
„Ja — o viel Lesser", antwortete sie mit gefaßterem Tone. „Ich kann Dir jetzt etwas' sagen. Der Onkel glaubt, daß ich ich, ich es getan habe."
„Jem Stickels erschossen?"
„Nun, und was sonst in der Welt soll er denn glauben? — Ist es doch gerade das, was ich selbst geglaubt haben würde, wenn —


