Nr. 18.
Montag den 2. Februar.
1903.
(Nachdruck verboten.)
Eine verhängnisvolle Fahrt.
Srvman von B. M. Croker.
Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von Alwina Bischer.
(Fortsetzung.)
„Werin wir morgen früh um sechs Uhr absahren, sirrd wir um elf Uhr in Ballybay."
„Bor zwei Uhr geht aber kein Postwagen."
„So nehmen wir eine Extrapost."
„Ja, wenn wir eine bekommen. Rufe einmal Deinen allmächtigen Kutscher herein."
Maureen ging &ur Türe und winkte Terence, der mit fernster Miene näher trat.
„Sie wissen natürlich, um was es sich handelt?" begann Lady Fanshawe. Eine tiefe Verbeugung war des Kutschers Antwort. Lag ein geheimer Spott in dieser förmlichen Zustimmung ?
Nita hatte keine Zeit, darüber nachzugrübeln, sondern fuhr fort: „Es ist also wertlos, vor Ihnen ein Geheimnis aus der Sache zu machen. Sie haben meine Schwester gerade zur rechten Zeit hierhergebracht, um mich vor einem verhängnisvollen Schritte zn bewahren. Sie wünscht nun dringend meine Rückkehr, und die Haupttache ist jetzt, sobald als möglich wieder nach Ballybay zu kommen. Ich kann nur sagen, daß ich diesen Nachmittag unzurechnungs^ fähig war, denn ich liebe meinen Mann tausendmal mehr, als irgend jemand aus der Welt, aber er kränkte und reizte mich, und dafür hroftte ich mich rächen. Nun aber sehe ich ein, daß ich nur mir selbst dadurch geschadet habe. In meiner erregten Stimmung schrieb ich meinem Gatten einen Brief, der eine schwere Beschuldigung für mich enthält. Wenn mein Gatte ihn liest, bin ich verloren, denn von jenem andern Manne will ich nichts wissen, von meinem Gatten aber würde ich mitleidslos verstoßen werden und dann bleibt mir nichts anderes mehr übrig, als mir das Leben zu nehmen."
Schwer atmend und am ganzen Körper bebend, hielt sie inne und sah ihn an.
„Wissen Sie, was Sie jetzt vor allem bedürfen, Lady Fanshawe?" fragte Terence in ruhigem Tone. „Einige Stunden Schlaf. Sie sind müde, Ihre Nerven überreiA. Legen Sie sich nieder und schlafen Sie die nächsten vier, fünf Stunden, und überlassen Sie alle Vorkehrungen Miß D'Arcy und mir."
„Nun ja, was Wagen und Pferde anbelangt, aber was soll aus Mr. Lovell werden? Er ist im Frühstückszimmer und wartet dort auf mich, da wir mit dem Zweiuhrzug weiterfahren wollten."
„Ich bin bereit, ihm jegliche Botschaft, die Sie wünschen, zu überbringen.^
„Ach, er wird wütend sein und sagen, man habe ihn zum Narren gehalten. Ohne einen heftigen Auftritt gießt er mich sicherlich nicht frei."
Wieder rang sie mühsam nach Atem. „Jedenfalls wird er einige alberne Briefe von mir nicht herausgeben wollen. In einem Anfall wahnsinniger Eifersucht und Wut schrieb ich sie. Er aber hat sie nun in Händen", schloß sie in kläglichem Tone.
„Ich werde mein Möglichstes tun, sie Ihnen zurückzuer- statten. Was indes die Postpferde anbelangt, so bin ich hier als Kutscher Terence vollständig machtlos. Welleicht, daß der Name Lady Fanshawe und eine hübsche Summe das Wunder beivirken. Pferde und Wagen sind hier nur äußerst schwer zu bekommen, da die Postverwaltung in Clonsast sämtliche Fuhrwerke der Grafschaft in Beschlag genommen hat."
„Wir wollen nach dem Wirt klingeln und ihn fragen." „Es giebt hier in diesem Gasthause keinen Wirt mehr, sondern nur noch dessen Witwe, Frau O'Hara. Ich werde inzwischen nach den Ställen gehen und sehen, ob Äh Uicht irgeno ein Beförderungsmittel ausfindig machen kann."
„Maureen, das ist entschieden kein gewöhnlicher Kut- scher, sondern ein gebildeter und dabei erstaunlich kalt-, ßlüh'ger und besonnener Mann. Man hätte glauben können, wir sprächen von einem Nachmittagsspaziergang, anstatt von einer Fahrt, bei der es sich für mich um Leben oder Tod handelt. Ich möchte säst annehmen, daß er Erfahrung in solchen Singen hat und selbst einmal mit jemand — durchgegangen ist."
„Pfui, Nita, wie kannst Tu nur solch abscheuliche Tinge sagen und vollends von einem Manne, dem Tu so viel zu verdanken hast!"
„Ich weiß nichf, wie es kommt, aber ich muß immer gleich an so etwas derartiges denken, lind dann scheint mir entschieden etwas wie Liebestragödie auf seinem Gesicht geschrieben zu stehen — cs sind die Züge eines Helden, ein Titel, den er übrigens, abgesehen von allem andern, allein schon für seine Leistung in dieser Nacht vollständig verdient."
Maureen war nicht zum scherzen aufgelegt, und so stand sie, ohne zu antworten, rasch aus, ging ans Fenster, zog Die Vorhänge zurück und sah in die einsame Straße und zu den glitzernden Sternen hinaus. Sie wußte wohl, daß sie in dieser verhängnisvollen Krisis im Leben ihrer Schwester das Steuer führen müsse, und daß sie nicht wanken, noch weichen dürfe. Maureens Kvpf schmerzte und hämmerte, als sie die heiße Stirne an die kühle Fensterscheibe lehnte. Ihre Seele befand sich in fieberhafter Unruhe, und tiefe Angst und Besorgnis erfüllten sie, wenn sie an Greville und ein etwaiges Zuspätkommen dachte. Und doch weit mehr noch, als dies alles quälte sie ein Gedanke, der sie mit der Ausdauer eines Moskitos verfolgte. — „Eine Liebestragödie steht auf seinem Gesicht geschrieben", hatte Nita gesagt und wenn dem so war, so hatte dies natürlich


