Da Rio Janeiro Vas Zentrum des Käffeehändels der Welt ist, so geht Rost von diesem Punkt aus, um sich von hier aus nach den Kaffeedistrikten im Innern des Landes zu begeben. Eine zwolfstündige Fahrt bringt ihn nach der Stadt Sao Paulo, der Hauptstadt einer von Deutschen begründeten Provinz gleichen Namens. Sao Paulo liegt auf einer großen Ebene, deren Horizont von niedrigen Hügeln begrenzt ist. Die Stadt hat eine Be­völkerung von mehr als 350 000 Einwohnern und verdankt ihre ganze Existenz dem Kasfeehandel, deren Mittelpunkt sre ist. Es ist eine moderne Stadt mit breiten Straßen und komfortablen Häusern. Sie hat elektrisches Licht und Straßenbahnen amerikanischen Systems. Hier leben die Plantagenbesitzer, welcheFazendeiro" genannt werden, während der Wintermonate in schönen, komfortablen Häusern. Wir müssen jedoch noch weiter reisen, um dis kaffeeproduzierende Gegend zu erreichen. Bon Sao Paulo zweigen sich viele Eisenbahnlinien ab, die im wesentlichen alle vom Kaffeetransport existieren.

Nachdem ich Sao Paulo verlassen", so fährt Rost in seiner Schilderung fort,machte ich zuerst in Campinas Station, 130 Kilometer von Sao Paulo entfernt. Man sieht hier viele große Kaffeepflanzungen, doch nm die berühmtesten Kaffepflanzungen zu erreichen, muß man noch weiter gehen. So reiste ich mit der Eisenbahn 600 Kilo­meter weiter bis Buenopolis, wo wir die größten Fazendas der Welt finden. In einigen derselben giebt es etwa fünf Millionen Bäume. Mr sehen hier nichts als gerade Reihen von Kaffeebäumen, welche die Abhänge der Hügel bedecken. Wir befinden uns aus einem welligen Tafel­land, etwa 200 Fuß über dem Meeresspiegel. Der Fazen­deiro lebt mit seiner Familie in einem Haus, welches ge­wöhnlich in der Mitte seiner Fazenda auf erhöhtem Boden liegt, sodaß er von dort eine ungehinderte Aufsicht über seine Besitzung hat. Diese Häuser sind gewöhnlich von präch­tigen Obst- und Blumengärten umgeben, in denen ich Ananas neben Wassermelonen, Erdbeeren, Orangen­bäumen, Bananen und in der That alle tropischen Früchte Süd-Amerikas sah, sowie viele der gemäßigten Zone. Diese Häuser sind von ungeheurer Größe; bte Zimmer sind sehr geräumig und ost 25 Fuß hoch."

Eine solche Fazenda ist eine Welt für sich. Es befinden sich dort Gebäude für die verschiedenen Aufseher, ein Krankenhaus, Scheunen, Gebäude für die Arbeiter, Ma­schinenhallen usw. Die Maschinen dienen sämtlich dazu, den Kaffee marktfertig zu machen. Rings um diese Gebäude liegen die immensen Trockenfelder, welche in manchen Fällen einen Kilometer lang sind.

Der Kaffeebaum ist ein immergrüner Baum; er hat gewöhnlich einen einzigen Stamm, ein langes; glattes, glänzend dunkelgrünes Blatt und wohlriechende weiße Blüten. Die Beeren stehen in Gruppen von 3 bis 12 Stück zusammen und haben entweder sehr kurze oder gar keine Stiele. Die reife Frucht gleicht an Größe, Gestalt und Farbe einer mittelgroßen Preißelbeere. Jede Beere enthält zwei, in ein gelbliches, süßliches Fruchtfleisch ge­hüllte Samen. Das Fruchtfleisch ist von köstlichem Geschmack.

Jeder Same hat die Gestalt einer unregelmäßigen Halbkugel, sodaß die beiden Samen zusammen eine fast vollständige Kugel bilden. Das Fruchtfleisch wird auf mecha­nischem Wege entfernt, und dann die Bohne von der dünnen Pergamenthaut befreit. Darauf werden die Bohnen noch poliert, und stellen so den Handelskaffee dar. Zu­weilen enthält die Beere nur ein Samenkorn, da das andere sich nicht entwickelt hat. Dieses Samenkorn ist dann fast rund, zeigt aber auch! den der Kaffeebohne eigenen, mittleren Einschnitt und ist als männliche Kaffee- beere bekannt. Diese Art Bohnen finden sich häufig unter dem Mokka-Kaffee, sowie unter dem der Mamamguape- Region Brasiliens. Ueberhaupt giebt es derartige Bohnen in größerem oder geringerem Maße bei allen Kaffee- arten. Dieser Kaffee wird beim Reinigungsprozeß aus­geschieden und als besondere Qualität verkauft. Es ist in der That der Kaffee, den wir heute unter dem Namen Mokka-Kaffee" kennen, und es werden Tausende von Säcken dieses Kaffees von Brasilien direkt nach Aden, dem Ver­sandhafen für Mokka-Kaffee, verschifft. Es giebt heutzutage keinen echten Mokka-Kaffee, d. h. in Yemen oder Wady Megran gebauten Kaffee. Der Kaffeebaum in Brasilien trägt durchschnittlich fünf Pftmd Bohnen, doch variiert der

Ertrag itt manchen Sektionen zwischen 3 und 6 Pfund. Wenn wir in Erwägung ziehen, daß der Durchschnittsertrag in anderen Ländern wenig mehr als 1 Pfund pro Baum beträgt, so sehen wir, welchen immensen natürlichen Vor­teil Brasilien genießt. Die rapide Abnahme der Kaffee­kultur aus den westindischen Inseln und das völlige Fehl­schlägen derselben auf Ceylon und in vielen anderen Teilen des Ostens, bewirken, daß Brasilien nur wenige starke Konkurrenten hat. Brasilien produziert mehr als zwei Drittel des ganzen Kaffeekonsums der Welt und in einem Jahre bei einer außergewöhnlich guten Ernte übertraf seine Produktion den ganzen Weltkonsum sogar noch um 60 000 Tonnen. Es produzierte nämlich in diesem Jahre 660 000 Tonnen, während der Weltkonsum nur 600000 Tonnen betrug.

Es ist eine eigentümliche Thatsache, daß große eng- ische und deutsche Kapitalien in der Kaffeeindustrie Bra- ikiens angelegt worden sind, während Amerika dieses chöne Thätigkeitsgebiet übersehen hat. Die Kaffeekultur Brasiliens stellt den einträglichsten Bodenanbau der Welt dar. Der Kaffee kann beträchtlich unter den jetzigen Preisen produziert werden, wie einige der Gesellschaften bewiesen haben, und mit noch höherem Gewinn als Roggen oder Weizen im Westen Nord-Amerikas. Die beispiellose Wohl­fahrt des Staates und der Stadt Sao Paulo liefert hierfür den besten Beweis. Das Wachstum der Kafseeindustrie hat aus der Universitätsstadt mit 20000 Einwohnern eine kosmopolitische Großstadt mit mehr als 250 000 Einwohnern gemacht und den Staat mit einem Eisenbahnnetz versehen.

Es ist in allen brasilianischen Häusern Sitte, Besuchern eine Tasse Kaffee anzubieten, und zwar wird der Kaffee jedesmal frisch geröstet und gemahlen. Er wird nicht ge­kocht, sondern zu feinem Pulver gemahlen und in einen konischen, wollenen Beutel geschüttet, durch den man das heiße Wasser zweimal hindurchgehen läßt. Dieser vom Produzenten selbst bereitete Kaffee ist also das Ergebnis eines Aufgusses, und nicht eines Aufkochens. Solch eins Tasse Kaffee soll etwas ganz köstliches sein. Der Brasilianer trinkt fast allstündlich während des Tages eine kleine TassS schwarzen Kaffees, ja schon um 6 Uhr früh wird ihm und seinen Gästen eine solche Tasse Kaffee in das Schlafzimmer gebracht.

Der Unterschied im Geschmack des Kaffees auf unseren Märkten ist hauptsächlich zwei Gründen zuzuschreiben. Erstens dem Rösten zu einer rötlich^braunen oder einer dunkelbraunen Farbe, zweitens dem Pflücken des Kaffees in verschiedenen Stadien der Reife; manche Beeren finK noch grün, andere rot und noch andere dunkelpurpurn. Die letztgenannte Farbe ist die der völlig reifen Frucht. So haben wir von jeden: Baum drei Qualitäten. Fügt man nun noch den erwähnten Unterschied im Rösten hinzu, so haben wir sechs Qualitäten. Ferner rechne man mit der tadellosen, an einer Seite abgeflachten Bohne und der sog. runden Mokkabohne, und man hat achtzehn Kaffeesorten, Die Bohnen werden in der erwähnten Weise gepflückt. Wollte der Pflanzer warten, bis die unreife (grüne) Beere reis ist, so würde inzwischen die reife (purpurfarbene) Beere abgefallen sein.

Infolge des ungeheuren Maßstabes, in welchem die Kasfeeindustrie in Brasilien betrieben wird, müssen natürlich Maschinen verwendet werden, um die Ware marktfertig zu machen, während in anderen Ländern die Arbeit ge­wöhnlich mit der Hand verrichtet wird. Das gleichzeitige Pflücken der reifen und unreifen Beeren was in anderen Gegenden, wo die Beeren auf kleinen Plantagen je nach der Reife getrennt gepflückt werden, nicht geschieht bildet die Ursache, daß von Brasilien jene geringe oder billigere Qualität auf den Markt kommt, die den Kaffee von Sen tos und Rio einen untergeordneten Ruf verschafft hat. Wir können jedoch mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß auch der beste Java- und Mokkakaffee in Brasilien gewachsen, dann nach Aden verschifft und von dort aus exportiert ist. Der brasilianische Kaffee wird in der Regel via Sao Paulo versandt, obgleich auch ein großer Teil nach Rio de Janeiro geht. Rost ging nach Sao Paulo zurück und reifte von dort auf einer englischen Bahnlinie, der Sao Paulo-Bahn, nach Centos. Dies ist die berühmte Kaffee-Eisenbahn. Sie hat eine Streckenlänge von einigen 60 Kilometern und führt bis an die Serra do Mar genannte Bergkette, an welcher eine Drahtseilbahn etwa acht Kilometer weit über vier geneigte Ebenen hinunterführt. Ein heraufkommender Zug