Ausgabe 
30.5.1902
 
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Freitag den 30. Mai.

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1902. Nr. 79.

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rgwohn ißt mit dem Teufel aus einer Schüssel.

Sprichwort.

(Fortsetzung.)

Thomas befand sich in einer peinlichen Verlegenheit. Er wußte nicht, ob er jetzt von dem Umzug ansangen könne, und auf der anderen Seite war es so sonderbar, ganz darüber zu schweigen; glücklicherweise wandte sie sich selber mit der Frage an ihn:

Darf ich nicht doch zu Vater hinausziehen wenigstens auf kurze Zeit?"

Wie kannst Du nur danach fragen, Helene! Du weißt ja so gut" er hielt einen Augenblick inne, besorgt, sie möge die Wärme seiner Worte mißdeutenDu weißt ja so gut, daß Dir Dein altes Heim stets offen steht, Du magst kommen, wann Du willst."

Ich will Dir aber nicht zur Last fallen, das will ich nicht! Ich will arbeiten, sonst ziehe ich nicht hinaus."

Sie kamen schließlich überein, daß sie an einem der letzten Apriltage hinausziehen solle.

Thomas wollte sie mit einem großen Arbeitswagen abholen, und Madame Hansen erbot sich mit gewohnter Bereitwilligkeit, ihr beim Einpacken behilflich zu sein.

Und dann kam der Umzugstag, dieser Schreckenstag, für so viele bangende Herzen, an dem die Hausgötter aus ihrer gewohnten Ruhe aufgestört und alles auf den Kops gestellt wird, wo alle Erinnerungen, lichte und dunkle, in Staub und Schmutz aufgescheucht werden.

Die Nacht war still und sternenklar gewesen. Schon um drei Uhr des Morgens guckte Helene zum Fenster hinaus, um zu sehen, wie das Wetter zu werden versprach; sie war der Kinder wegen besorgt.

Als der Tag graute, fing es an, so unheimlich in den Häugeeschen drüben auf dem Friedhöfe zu sausen, und große, graue Wolken überzogen den Himmel.

Sie setzte sich aus den Rand des Bettes und starrte in die Finsternis hinaus. Weshalb hatte Gott ihr dies angethan mit Böje! Sie hatte ihn so inbrünstig ange­fleht, und es war auch scheinbar von Tag zu Tag besser mit ihm geworden, bis er plötzlich zusammenbrach. Was half da all der Glaube, all das Flehen? Wenn es schließlich darauf ankani, that Gott doch, was er wollte, und hinter­her hielt er sich so fern und schweigsam, als gehe ihn die

ganze Sache gar nichts an. Und doch hatte er gelobt, 6et uns zu sein alle Tage bis an der Welt Ende. Es ergeht den Gläubigen ja gar nicht besser hier auf Erden als den Ungläubigen. Sie dachte an Rudolf und an viele andere^ die in strotzender Gesundheitsfülle und Lebensfreude ein^ hergingen, uns es ward ihr so bitter schwer, an Böje denken, der nun da draußen lag. Sie selber saß hier rn der Morgendämmerung eine arme Witwe mit den beiden hilflosen Kindern. Wie sollte sie nun das Leben ertragen ohne Böje? Und was machte sie sich aus dem Leben, wen« er nicht mehr bei ihr war! Sie lehnte den Kopf gegen den Fensterpfosten mit einem unbeschreiblichen Drang, sich in die tiefsten Tiefen der Schwermut zu versenken und einsam und verlassen zu sterben.

Da bustete eins der Kinder; sie sprang auf, beugtü sich über das Bett und legte die Kissen und Bettücher! zurecht.

Als Thomas mit dem Wagen kam, umfanfte der Wind heulend die Ecken des Hauses und trieb von Zett zu Zeit einen Hagelschauer gegen die Fensterscheiben.

Sie war ganz unglücklich, der Kinder wegen; aber Thomas meinte, es würde schon gehen, er habe einen! ganzen Arm voll Decken mitgebracht.

Um zwei Uhr des Nachmittags war der Wagen zur Abfahrt bereit. Die Kinder saßen warm eingepackt da, der Knabe in seines Vaters Ueberrock, beide mit den Köpfe« aus einem Bündel von Decken hervorragend.

Thomas wollte sich umwenden, nm Helene behilflich zu sein.So, nun in Gottes aber wo ist denn nur Frau Böje geblieben?"

Die alte Frau kehrte ins Haus zurück. Ganz recht, dort stand sie auf der Schwelle, in den leeren, stilles Raum hineinstarrend. Ihre Brust ivogte auf und nieder, krampfhaft umklammerte sie den Thürpsosten mit der einen Hand.

So, so, so, es läßt sich ja nicht ändern."

Mit Aufbietung ihrer ganzen Willenskraft richtete sie sich auf, schloß die Thür und ging hinab an den Wagen.

Madame Hansen blieb stehen und schaute dem Wage« nach, so lange sie ihn sehen konnte, und Helene stand einmal über das andere auf, um ihr mit dem Taschentuch ein Lebewohl zuzuwinken.

Erst spät am Abend erreichten sie Ostholmstrup. Aengst- lich vor sich hinspähend, bog Thomas in den dunkeln, von Regen aufgeweichten Hohlweg hinter dem Garten ein. Er fuhr hier völlig aufs Geratewohl los, der Dampf von den Pferderücken schlug ihm ins Gesicht, die Dornen- und Flreder- zweige zerkratzten ihm die Haut. Die Räder versanken bis an die Achse; aber es ging gut; ohne Unfall erreichten sre ihr Ziel. ,,

Helene war ganz gerührt im Anblick einer Lanipe, die im Küchenfenster stand es war die wohlbekannte Kuppeft die sie mit ein paar Papierstreifen zusammengekleistert hatte.

(Nachdruck verboten.)

Die Möve.

Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann.