Ausgabe 
29.10.1902
 
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1902. Nr, 161

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(Nachdruck verboten.)

Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel»

(Fortsetzung.)

Sie verschwend eiligst, und Hesekiel über seine Geschick­lichkeit und den günstigen Zufall hochzufrieden, rieb sich vergnügt die Hnäde. Nur ein Punkt machte ihm noch Sorge: Minna konnte er zwar den Tag über aus seine Weise überwachen; aber wie und durch wen würde er er­fahren, wenn sie sich des nachts aus ihrem Zimmer ent­fernte, oder wenn sie jemand zu sich einließe oder gär aus dem Hause ginge? Er konnte nicht gleichzeitig im fünften Stock wohnen und im sechsten aufpassen, nicht gleiche- zeitig den Herrn und den Diener spielen. Wer weshalb konnte er sie denn nicht in diesem kleinen, finsteren Ver­schlag einquartieren, den ihm' die Portiersfrau mit dem Bemerken gezeigt hatte, daß man Dort im Notfälle eine Dienstperson hineinlegen könnte. Dann wäre sie auch des nachts mit ihm unter gleichem Schloß und Riegel. Und wohlgefällig sagte er sich selber:Tu bist, entschieden ein sehr tüchtiger Kerl, Hans Hesekiel."

Es klingelte, und er öffnete schleunigst.

Ein Blick überzeugte ihn, daß Frau Peters das Bild des Mädchens sehr richtig und sehr genau entworfen. So hatte er sie sich auch vorgestellt, voll Schüchternheit und voll Verlegenheit, mit gesenktem Blick, doch im ersten Mo­ment erschien sie nicht hübsch, noch weniger schön. Wer sie hatte etwas Mgenartiges, ein gewisses bestechendes Etwas an sich, das Hesekiel als Kenner sofort zu schätzen wußte. Es' war ein Vergnügen, ein solches Wild zu erjagen, wie dieses hier. Entschieden, sein Handwerk hatte feine guten Seiten.

Sie sind mir auf das' wärmste von der Portierssrau empfohlen, Fräulein", sprach er sie an,und in meiner Eigenschaft als Mieter habe ich immerhin das Interesse, ihr irgendwie gefällig zu sein. Sonach, wenn Sie nicht gar M hohe Lobnanforderungen stellen, bin ich gewillt, Sie rn meine Dienste zu nehmen. In der Provinz sind wir nicht gewohnt, so hohen Lohn zu zahlen wie in Berlin."

Ich weiß dies, gnädiger Herr, und da auch td) den Wunsch hege, mich Frau Peters gefällig zu erweisen, will ich Ihren Wünschen gern in jeder Weise entgegenkommen."

Ist es Ihnen daher lieber, daß ich mich in diesem Punkte mit der Pertiersfrau verständige?"

O ja! Ich 'Erde dies vorziehen, gnädiger Herr."

Gut. Ich habe aber eine wesentliche Bedingung an Sie zu stellen."

Welche, gnädiger Herr?"

Nämlich die, daß Sie Ihr oberes Zimmer aUfgeben Müssen, um in dieser Kammer zu schlafen, die sich! neben diesem Salon befindet. Ich könnte Wer Nacht plötzlich, krank

werden und wünsche daher, jemand in meiner Mhe zu wissen."

Ich finde dies ganz selbstverständlich^ gnädiger Herr, und gehe darauf ein."

So wäre denn alles abgeMacht."

Hesekiel kehrte in den Salon zurück und ließ Minnä im Vorzimmer, die leise lächelrrd vor sich hinmurmelter Entschieden, Tu bist ein Genie. Und er ist jetzt gefangen!^

52. Kapitel.

Georg Rakenius teilte nun sein Leben. Den einen Teil widmete er Franz, von Sempach, den andern der Gräfin Torvukosf. Für Franz war er voll Ergebenheit, fovd währender Freundschaft trotz seines Verrates, oder vielleicht gerade wegen dieses Verrates, um dadurch seinen Freunds schaftsbruch in etwas wieder gutzumachen; und bei ihr fand er trotz aller Gewissensbisse glückliche, selige Liebe». Was aber seine Arbeit anbetraf, die Arbeit der Ausführung und des Gedankens denn jeder Maler, wenn er wahrhaft Künstler ist, träumt und sieht sein Werk schon vor den« Beginn, so dachte er nicht mehr an sie, fand er keines Zeit mehr, daran zu denken. Er stand ganz gegen seins sonstige Gewohnheit ziemlich spät auf. War er dann aufc gestanden und angekleidet, ging er zu seiner Schwester, die seit einiger Zeit viel seltener an ihn das Wärt richtete» Sie unterhielten sich wenige Augenblicke das' war allesp Er wagte sich nicht über ihre Wortkargheit zu beklagen^ deren Ursache ihm nicht entgehen konnte. Tann eilte ec zu Sanftleben, um zu erfahren, ob die Ueberwachung Minnas etwas neues an den Tag gebracht hätte. Nach seinem Besuch auf der Agentur begab er sich zum Verteidiger Sempachs, dem er gewünschte Notizen und unerläßliche Aufklärungen gab und dessen Eifer er anzuspornen suchte, ununterbrochen bemüht, ihn von der Unschuld des Angeklagten zu über-? zeuen.

Auch machte er öfters von der Freundlichkeit des Polizeipräsidiums und der Erlaubnis, seinen Freund ganz nach Belieben zu besuchen, Gebrauch und fuhr nach Moabit hinaus, um dort einige Minuten mit dem armen Franz zu verbringen. Er berichtete ihm von seinen unternommenen Schritten und verschiedenen Versuchen, besprach sich darüber mit ihm und versuchte seinen Mut aufzurichten; denn die Einsamkeit und das lange Harren hatten Sempach schon furchtbar niedergeschlagen. Tie Freude, die Georg sonU empfunden hätte, seinen Freund wieder zuseh en, verwandelte sich durchs seinen gegen die Freundschaft begangenen Fehler in Schmerz und bitteren Vorwurf. Aber trotzdem zwang er sich zu diesem Leiden, um dem Gefangenen und von aller Welt Wgeschlossenen einen Lufthauch von da draußen;» ein Echo des Außenlebens zu bringen, einen Sonnenstrahl in das Dunkel seiner Nacht.

Sobald er seine Pflichten erfüllt hätte, vergaß er bal8 den Freund über die geliebte Frau, unterdrückte ferne letzten Vorwürfe »W stürmte auf Flügeln der Liebe zur .Gräfin