Ausgabe 
29.8.1902
 
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zukommen, daß der Wagen nicht im Garten, unmittelbar vor dem Hause, sondern aus der Straße warten sollte.

Eine Viertelstunde später war sie umgekleidet.

Ungeduldig scharrten die beiden Rappen mit den Hufen, und von Fred begleitet, trat sie hinaus durch das Thor.

Fred öffnete ihr selbst den Schlag.

In dein Augenblick aber, als sie einsteigen wollte, stürzte, aus beut Dunkel der Allee aus sie zusliegend, eine Gestalt zwischen sie und den Schlag.

Clara!" rief Bell.

Sie war es.

Wirr hing ihr das Haar in das grell von dem elek-- rrischen Licht der Portal-Kandelaber beleuchtete Gesicht. Es war erhitzt vom Laufen, und Schnecken und Entsetzen spie­gelten sich darin.

Bell, er ist fort", stammelte sie.

Er war vorhin au ihr vorübergestürzt, sie rief ihm seinen Namen zu, er hörte sie nicht, er rannte immer weiter, war ifjm nicr),t mti)t ^gen konnte, bis er verschwunden

Belr, Tu hast ihn unglücklich gemacht", schluchzte sie, er hat sich eilt Leid angethan."

Bell zog sie an sich, und vor dem Bilde, das setzt bei Carlas Worten vor ihre Seele trat, die Augen schließend, versuchte sie, Carla zu beruhigen.

Wo soll ich jetzt hin?" klang es durch ihre Thränen.

Zu Deiner Schwester", sagte Bell.

Darauf erteilte sie den Befehl, auszuspännen.

Tann kehrte sie mit Carla ins Haus zurück.

Es wurde aus der Reise nichts.

Bell blieb in Newport, aber sie begann plötzlich ein ganz anderes Leben. Sie hatte eine Kranke zu pflegen Carla, die in ein hitziges Nervensieber gefallen war und darum lebte fte jetzt in der größten Zurückgezogenheit. Steffie kehrte nach Newyork zurück, denn ihr Gastquartier bei Bell aesiel ihr jetzt nicht mehr, auch ging ohnehin die schöne Jahreszett zu Ende, und mit ihr verließen allmählich! auch hie meisten anderen Herrschaften den Ort, darunter auch Herr Richard Westheim, indem er zur Erkenntnis gelangt st>ar, daß, wenn irgend ein Mann noch Chaneen bei Bell hatte, dies leider nur dieser Herr, ihr Vetter, sein konnte fc Und so war Fred der Einzige, der noch geblieben war.

Md Spangen, flatternde Bänder, wehende Schleifen, nickende Md winkende Reiher- und Straußenfedern, auf den Hüten Blumen und Blätter, die tadellosen schwarzen und hellen Mizüge der Herren, ihre blanken Cylinder, gelben Hand- schtche und weißen Cravatteu alles glänzte, bunt und' lustig durcheinanderwimmelnd, während Laute in allen d^fe Menge schwirrten, im goldenen vor- Mittäalichen Schern der Ostersonne. Was Worth, Felix, Paquin, Laserriöre in Paris an Wunderwerken nur erfinden tonnten, das wurde hier von den hochgewachsenen, schtitt- MN Schönheiten Newyorks zur Schau getragen. Auch Bessie Wellingford fehlte natürlich nicht, sie feierte Tri- umphe und war Von einem großen Kreise von Verehrern M Bewunderern umgeben. Vermißt wurde dagegen Bell. Wie Bessie erzählte, verharrte sie in ihrer Zurückgezogen- ävch immer. Im Winter war sie zwar, ohne daß W sich allerdings jemals in Gesellschaft gezeigt hätte, nach! Newyork zurückgekehrt, schon feit Anfang März aber war sie wieder hinaus nach Longbranch übergesiedelt, wo sie, hier in nächster Nähe von Newyork, eine Kottage hatte wie in Newport.

Es war das Ostern des Mahres 1898.

Lm Wessen en Monat Febru!ar war die Welt durch die Nachricht erschüttert worden, daß im Hafen vonHavannah die den Vereinigten Staaten gehörigeMaine" durch eine Explosion zerstört worden Und gesunken sei. Worüber man an diesem Ostersonntag äuf der Dreßpromenade iu der

\! Achtes Kapitel.

Der Herbst, der Winter wären vergangen und der Früh­ling kam von neuem. Ostern zog ein, von den Türmen der Treietnigkeits-, der St. Thomaskirche und der St. Patricks- Katyedrale in Newyork läuteten, die Glockenspiele, und in der fünften Avenue, in dem Teile, der zwischen der 42. wnb 59. Straße liegt, hielten bie Newyorker Damen die auf den Ostersonntag fallende berühmte, althergebrachte Toi­lettenparade ab. Knisternde Seide iu allen Farben, knapp fitzende und' schlicht elegante englische Tuchkleider, kostbare Spitzen, Perlen und Steine, goldene und silberne Gürtel Md Spangen, flatternde Bänder, wehende Schleifen, nickende

fünften Menne plauderte und was sogar die Toiletten in den Hintergrund drängte, das war der unvernteidlich schei­nende Krieg. Bessie freute sich schon darauf. Wenn es losgehen würde, meinte sie, so wollte sie als Kranken­pflegerin mitgehen, schon deshalb, weil sie daun in beit Zeitungen gedruckt wurde. So that man erstens ein patrio­tisches Werk und bekam als Zugabe noch eine brillante Reklame. ,

Auch über Longbranch leuchtete die Ostersonne.

Longbranch ist ein vielbesuchter vornehmer Seebade­ort, von Newyork kaum eine Stunde entfernt, mit vorzüg­lichen Hotels, schönen Villen, prachtvollen Parks und einent berühmten Rennplatz. Tie Kotage, welche Bell hier hatte, unterschied sich von der in Newport durch ihre ländliche Einfachheit. Sie bestand iu einem kleinen zierlichen Schweizerbau, ausgestattet mit allem Komfort, aber doch . dabei ohne eigentlichen Luxus. Gerade diese Bescheiden­heit gab dem Häuschen seinen eigentümlichen, behaglichen Charakter. Tas Haus wurde von einem hübschen, aber nicht zu großen Garten umschlossen, der gegen unberufene Blicke durch eine dichte herurnlausende Taxushecke geschützt war, über die milde der Seewind sttich Tie kunstvoll ange­legten Beete prangten schon in einem Glanz, wie man ihn in Europa um diese Jahreszeit nur im Süden sieht. In bett Wipfeln der Ähornbäume, die sich mit ihren breiten Schatten über die sauberen, kiesbestreuten Wege breiteten, flötete die Goldamsel, und mitten in dem smaragdgrünen Rasenrondel vor dem Hause plätscherte, ihren Strahl aus dem Schnabel eines bronzenen Schjvans empor in die blaue sonnige Luft sprudelnd, eine Fontäne, lieber den ganzen Garten breitete sich ein stiller, tiefer Frieden.

Unter einem Zelt von weiß und rot gestreifter Lein­wand saß einsam ein junges Mädchen mit einer Handarbeit beschäftigt. Es war Carla. Ihre frischen, geröteten Wangen bezeugten, daß sie die Krankheit glücklich über­standen hatte. Dennoch ruhte auf ihrem Gesicht ein Zug von stiller Trauer, der es aber nur noch lieblicher und anziehender machte. Sie trug ein einfaches Hauskleid von blauem Tuch,, das ihre jugendlichen, zart schwellenden For­men knapp umspannte. Tas Haar trug sie nicht mehr in Zövfen, sondern in einer Krone ausgesteckt, was sie reifer und größer erscheinen ließ. Aus dem einstigen Backfisch war eine sehr hübsche, liebreizende junge Dame ge­worden.

Bell nahm eben ihr Bad, deshalb war Carla allein.

lieber ein halbes Jahr war es nun schon her, daß Bell sie zu sich genommen hatte, daß sie unter ihrem Schutze stand. Zuerst, als sie aus ihrer Krankheit erwachte und nun sah, wo sie sich befand, sträubte sie sich gegen Bell und wollte davon. War Bell nicht an Herwarths Unglück schuld? Und niemand, niemand wußte, wo er war. Nur daß er noch lebte, wußte man. Denn Bell gab ihr einen Brief, der von ihm an sie Carla gekommen war. Er schrieb ihr darin, daß er sich vvn ihr trennen müßte und daß, was zwischen ihm und Bell auch vorgekommen sei, er doch niemand in dem fremden Lande hätte, dem er sie sonst anvertraueit könnte. Deshalb, wenn sie ihn noch lieb hätte, sollte sie Bells Güte, die sie ihr, der Verlassenen, erweisen wolle, sich voll Dankbarkeit gefallen lassen. So war es sein Wunsch gewesen und Bell wär so lieb und gut zu ihr. Zu wem anders konnte sie auch in dem sremden Lande, in dem sie sich nicht zurechtfand, hin? So war sie also Bells Gast geblieben.

Ja, wo war Herwarth hin? Bell hätte ihr versprechen müssen, Nachforschungen nach ihm anzustellen. Sie hatte auch, ihr Versprechen erfüllt. Alle Detektivinstitute hatte te in Bewegung gesetzt, fte hatte alles gethan, was nur möglich war, aber es war umsonst Auch fein Brief war mehr von ihm eingetroffen und nur, daß er ihr in jenem einzigen damals den Trost zugesprochen hatte, daß sie sich um ihn und um fein Leben, das er weiter tragen würde, nicht beunruhigen foITte, gab ihr noch Hoffnung. Sie wollte warten warten, bis er einmal wiederkam, bis sie mit ihm wieder vereinigt fein würde, und dann sollte ihr ganzes Leben nur noch ihm geweiht fein. Für sie selbst gab es fein Glück mehr auf der Welt.

Sie konnte Bell nicht verstehen. Bell war so gut und' doch war sie auch so hart. Unversöhnlich blieb sie.Bell, wenn wir ihn finden, wirst Tu ihm dann verzeihen?" so hatte sie Bell gefragt. Da wurde Bell wieder düster.Das Iah ruhen", erwiderte sie. Vielleicht war es auch gut so.