Ausgabe 
16.7.1902
 
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a. 416 -

Ein Duell.

Sie waren die besten Freunde, der Herr Assistenzarzt ®r. von Hohenbrühl und der Herr Oberleutnant Grauenhorst, so lange sie einander kannten, Md das Wilk etwas sagen, denn ihre Bekanntschaft reichte bis in das Dämmerleben der frühesten Kindheit hinein. Ihre Wiegen hatten in demselben Dörfchen gestandest; derselbe Lehrer hatte ihnen gemein-, fam den ersten Unterricht erteilt, und dann hatten sie ge- sam dasselbe Gymnasium bis zum Witstrium besucht-

Jetzt erst hatten sich ihre Lebenswege getrennt. Hilmar Grauenhvrst, der Pastorsohn, trat als Avantageur in bei® Heer ein, und Horst von Hohenbrühl, der jüngste Sohst des Gutsherrn, bezog die Universität, um Medizin zu stu­dieren.

Mer diese Trennung, anstatt ihre Freundschaft erkalten zu lassen, hatte sie nur noch vertieft, und als Horst von Hohenbrühl nach Beendigung seiner Studien als Arzt bei einem Regiment in Berlin eintrat, wo Leutnant Grauen- hörst, der die Kriegsakademie besuchte, stand, da hatte es nur weniger Mochten des neuen Beisammenseins bedurft,

um ihnen in den Kreisen der Kameraden die liebenswürdige BezeichnungCastor und Pollux" einzutragen.

Und diese Herzensgemeinschaft hatte plötzlich! ein Ende.

Warum?

Gherchez la femme!

War da eines guten Tages beim Oberstabsarzt Dr. Kohler ein Dämchen erschienen, morgenschön und maien- srisch, mit Liltenstirn und Rosenwangen, das mit seinen neunzehn Lenzen, seinen blonden Zöpfen und mit seinen blauerr Schelmenaugen den Dämon der Zwietracht itt den Herzen der Freunde geweckt hatte.

In der That: Castor und Pollux, die sonst Unzertrenn­liche», mieden einander. Sie, die einander sonst aufgesucht hatten, wenn irgend es angängig gewesen war, gingen ein­ander geflissentlich aus dem Wege, seitdem Erdmute Kohler dem Regiment angehörte, und wenn es auch gerade keine mord- und blutgierigen Gedanken waren, mit denen sie einander gedachten, so war doch die Freundschaft offen­sichtlich hinüber.

Dazu kamen noch zwei Faktoren! Dr. Horst, der als Assistent des Oberstabsärztes in dessen Hause aus- und einging, betrachtete sich gewissermaßen als der Prädesti­nierte bei Jungfer Erdmute, und machte von dem Rechte, seinen Chefarzt zu besuchen, den ausgiebigsten Gebraucht

Oberleutnant Hilmar dagegen hatte den unvergleich­lichen Vorzug, von feinem Pastor-Vater, der ein Studien- genosse des Oberstabsarztes gewesen Md ein lieber Freund desselben noch heute war, an diesen ganz besonders em­pfohlen worden M sein. Das gab ihm ein Recht, nicht nur in dem Hause, sondern sogar in der Familie desselben freundschaftlich zu verkehren, und er machte von diesem Rechte nicht minder Gebrauch!, als Dr. Horst von dem seinigen. Er hielt sich durch! diesen Vorzug auch, nicht minder prädestiniert für Fräulein Erdmute, als jener es in Bezug auf sich that.

Und Fräulein Kohler? Sie scherzte und plauderte mit dem Oberleutnant so unbefangen, tote mit dem Assistenz­arzt, sie lächelte diesem so liebenswürdig zu, tote jenem, und wenn je einer der beiden Herren aus! sich herausgehen, detnHangen und Bangen in schwebender Pein" durch ein ernstes Wort ein Ende machen wollte, dann wußte sie dein Kühnen lacertenflink zu entschlüpfen, bevor er noch zunt Worte kam. . .

Da fügte es der Zufall, daß dte Freunde eines Tages bei Oberstabsarzt Kohlers en famille zusammentrafen, und nachdem sie alle Tantalusqualen unbefriedigten Liebes- sehnens durch drei, vier Stunden hin geschmeckt hatten, ge­meinschaftlich nach, Häufe gehen mußten.

Das brachte den Groll zum lieb erlaufen.

, Du, so geht das nicht länger!" platzte der Oberleutnant endlich keuchend heraus!,einer von uns mUtz das Feld! räum en!"

So räume das Feld!" knurrte der Assistenzarzt.

Daß ich ein Narr wäre!"

Also!"

Gehe Du! Ich bin länger bei Kohlers ein- um> aus­gegangen !"

Guckst Du da heraus! Ich! stehe dem Kohler'schen Hause als Arzt auf jeden Fak näher, denn Du als Offizier. -

Mumpitz!"

Wollen wir Ms etwa darmn Meßen?" o

Dann hätten wir was gemacht! Der Sieger Ware des schönsten Korbes sicher, und der Besiegte müßte verzichten! Das ist nichts."

Dann wollen wir Ws jeder auf ein Fässel mit Dynamit setzen, mit der Zigarre die Stopine anzünden und warten, bis die Geschichte losgeht. Wer dann übrig bleibt, mag Fräulein Erd mute heiraten."

Quatsch!"

Dann mache einen besseren Vorschlag!"

Will ich! Seit drei Wochen hät's schon nicht geregnet!" ,Weiß ich! Daher die Siedehitze bei Dir!"

Laß doch die Floskeln!"

Bitte, Dein Vorschlag dann!"

Endlich muß es mal kommen!"

Was denn?"

Der Regen!"

Ja so! Und was foll's damit?"

Der soll entscheiden! Wenn der erste Regentag auf ein ungerades Kälenderdatum fällt, dann räumst Du da ,. Terrain! Fällt er auf ein gerades Kaleuderdatum, dann

hätte einen gar so intimen. Charakter, Mb weckte nahe­liegende Vorstellungen.

Aber sie schüttelte die 'Scheu ab und schämte sich Lieser Verlegenheit. Was Hatje es zu sagen mit einem verheirateten Mann, der ihr so unbefangen seine Freund- schaft angetragen hatte? Sollte sie sich weniger frei und sicher in diesem Verkehr zeigen als er? Es! war nur gut. Laß er verheiratet war, sie konnte ihm deshalb so harm­los Md kameradschaftlich begegnen.

Er schien auch jetzt gänzlich frei von Hintergedanken oder Rückblicken auf die Vergangenheit, ließ sich mit Behagen von Traute den Kaffee einschenken und ein Butterbrot zu­recht machen, und während er mit ihr plauderte, sah er so heiter und angeregt aus, daß diese zum ersten Mal fand, er habe nicht nur ein ausfallend intelligentes, sondern ein hübsches Gesicht, ein Gesicht, das merkwürdig jung und zanziehend wurde, wenn das Sonnige, Warme darin zum Ausdruck kam, wie eben jetzt. Und ohne weiteres NcM Lenken gab sie sich der Freude hin, immer mehr gute, schätzenswerte Eigenschaften an ihm zu entdecken und sich des Zusammenseins mit ihm zu erfreuen.

Das Frühstück unter dem schattigen Nußbaum war an und fiir sich ein Hochgenuß. Wie ganz anders zeigte sich die Umgebung im goldenen Morgenlicht als im Dunkel der Nacht. Zwischen dem graziösen Geranke der Waldrebe hindurch lag der sonnenbeschienene Hof vor ihnen, und das Getriebe der Alltagsarbeit, wie das rege Tierleben, das sich in allen Ställen, in allen Ecken und Winkeln und mitten auf dem Schauplatz entfaltete, verscheuchten die Me­lancholie der Einsamkeit und gaben dem Bilde eine fröh­liche, gesunde Stimmung.

Lehmiake erzählte, in welchem verwahrlosten Zu­stande er das Gut übernommen und was er seitdem daran gearbeitet und hineinaesteckt hatte, und was nun zunächst geschehen müsse. Wieder staunte Traute über die enorme Arbeitskraft dieses Mannes, über den Umfang seiner Thätigkeit und deren Früchte.

Der Tag verging nur zu schnell. Nach dem Frühstück hätte er sie durch alle Ställe und durch die Fabrik geführt Und dann mit ihr und HulLe eine weite Spazierfahrt gemacht, bis über die Grenzen des großen Forstgutes hinaus. Die ersten, heißen Nachmittagsstunden verplau­derten sie in dem schattig kühlen Garte» und machten später einen Spaziergang aUss Feld. Dann kam der herrliche Sommerabend mit seiner Dämmerung und den Feierstunden für die Arbeit, wo alles auf dem Hof zur Ruhe ging, die Knechte und Mägde auf der Dörfstraße sangen, nur ab und zu eine KUH leise im Stall brummte oder die Hühner traumhaft von der Stange gackerten.

Ueber dem Scheunendach! stand der Wendstern in dem milden, grauen Dämmerlicht des Himmels, tiefen Frieden über den stillen Hoi und das einsame Dorf gießend. Um die blauen Glockenbluten der Waldrebe surrten große Nacht­falter und vor einer Stallthür spielte ein Knecht allerlei wehmütige Und- lUstigeWeisen unf einer Ziehharmonika, die zu einem seltsamen Duett mit hem großen, feierlichen Rauschen des Wassers zusammenkkangen.

(Fortsetzung folgt.)