Ausgabe 
15.11.1902
 
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Er konnte nicht deutlicher und ehrlicher der großen Öffentlichkeit beweisen und eingestehen, daß er sich ge­irrt habe.

(Fortsetzung folgt.)

Eine Spiritisten Seance

von Viktor Blüthgen.*)

Sie hieß Peter das Thecgeschirr hinausschaffen und verschwand in ihrem Boudoir. Als sie zurückkehrte, hielt sie triumphierend einen Bogen Papier in der Hand, den sie auf dem schwarzen Tischchen ausbreitete und glatt strich. Ter Professor hatte Zeit, ihn zu besichtigen, denn sie ging ins Eßzimmer.

Um die freie Mitte des Bogens hatte sie dre Zrffern von eins bis zehn mit Bleistift ausgezeichnet, über diesen lief kreisförmig das Alphabet einschließend herum; in den Ecken stand: ja nein ich will nicht ich weiß nicht.

Sie brachte ein schlankes, dünnwandiges Wasserglas, stülpte es auf die Mitte und zog mit dem Bleistift, den ijie noch in der Hand hielt, einen Kreis um dasselbe.

So", sagte sie,nun leg mal die Zeitung fort, es kann losgehen."

Er gehorchte und legte, gleich ihr, zwei Finger auf den Glasboden.

Eine Weile war's still, nur die Flammen int Kamin flackerten knisternd ihr unheimliches .Leben, und an der Hängelampe surrte es leise in dem einen Glühlicht.

Tie Finger werden warm", meinte Frau Paula halb­laut.Es kribbelt mir in den Spitzen. Fühlst Tu's auch?"

Gewiß; das ist ganz natürlich."

Auf einmal begann das Glas sich zu bewegen, rutschte Nnd beschrieb ein paar Keine Kreise.

Gott zum Gruß sind Geister hier?" fragte Frau Paula nach deut Rezept von Wellmer erregt. Das Glas rutschte unaufhaltsam nach der Ecke hin, in der das Ja stand, kreiste dort ein paarmal und blieb unbeweglich stehen. Ter Professor sah seine Fran mißtrauisch an.Du schiebst, Frau", sagte er.

Bei Gott nicht", beteuerte sie.Tu auch nicht?"

Wenigstens nicht bewußt und mit Absicht."

WiNst Tu Deinen Namen sagen?"

Das Glas rutschte und beruhigte sich wieder auf ja.

So sage ihn."

Tas Glas setzte sich in Bewegung, die beiden machten gespannte Gesichter. Nach einigen Bogen blieb es auf v; dann ergab es in rascher Folge tt-^o.

Llha, das ist der Otto von Wellmer, der Kontrolb- Otto, wie der ihn nannte", meinte Frau Paula über­rascht.

Jetzt schlug das Glas wieder einen Bogen und kehrte auf die Mitte zurück.

Bist Du der Kontroll-Otto?"

Tie beiden sahen sich sprachlos an.

Witzig ist das", sagte der Professor.Aber ich zweifle nicht, daß wir den Gang des Glases unbewußt beein­flussen."

Weiter!" rief Frau Paula mit leuchtenden Augen.

>,Wer hat Dir den Namen Kontroll-Otto gegeben?"

Das Glas buchstabierteWellmer".

Weshalb denn?"

Weil er ein Zigeuner ist."

Tas Paar lachte ans. Fran Paula fragte nach dem eigentlichen Namen.Moritz Otto." Ob er der Geist eines Verstorbenen?Ja." Wann er gestorben? ,1245." Wo? In Ulm." Was er bei Lebzeiten gewesen?Klarinettist." Wenn das wahr ist, so blas uns etwas vor!" rief Frau Paula übermütig.

Tas Glas setzte sich langsam in Bewegung, schlug Kreise, schneller und schneller, sie vermochten beide kaum die Finger

*) Wir entnehmen diese spannende Skizze Viktor Blüth- gens seinem kürzlich im Verlage von Hermann Seemann Nachfolger zu Leipzig erschienenen neuen RomanTie Spiri­tisten" (Preis brosch. Mk. 3., geb. Mk. 4.). Jedermann, der sich auf eine unterhaltende Weise über das Thema des heutigen Spiritismus orientieren will, sei dieser Roman als Lektüre bestens empfohlen. Außer seinem sensationellen Inhalt eignet ihm auch noch eine Mischung von köstlichem Humor und herzwarmem Ernst, wie wir sie bei Viktor Blüthgens früheren Werken schätzen gelernt haben.

auf dem Mafe festzuhälten. Dabei entstand ein quietschendes Geräusch, das sich zu einem ohrenzerreißenden Kreischen verstärkte. Ter Professor lachte:Nun, das scheint ja ein vergnügter Herr zu sein. Warst Tu verheiratet?"

Tas Glas beruhigte sich plötzlich und ging auf nein.

Aber Tu hattest sicher eine Liebste. Wie hieß die?" Katharina."

,/Bist Tu eines natürlichen Todes gestorben?"

Nein."

"Auf welche Art denn?"

Tas Glas rutschte ohne Ergebnis hin und her.

Nun, gieb uns doch Auskunft!"

Plötzlich stand das Glas und fuhr stracks in die Ecke, wo geschrieben stand: Ich will nicht.

Ter Professor nahm die Finger vom Glase.

Paula, Tu drückst doch auf das Glas." Sie sagte: Nein, wahrhaftig nicht, ich habe keine Ahnung von dem, was kommt. Ich meinte schon. Tu stäkest dahinter. Wir wollen ganz ehrliches Spiel spielen, Felix, gieb mir Tein Wort darauf!"

Gewiß! Diese Sache fängt doch an, mich zu inter­essieren. Sie ergiebt zum mindesten ein psychologisch- physiologisches Rätsel. Fragen wir den Herrn weiter."

Nein, er soll uns selber etwas sagen."

Sie legten wieder die Finger auf.

Mein Kleid hat ein Loch", sagte das Glas.

^Jch trinke noch eins."

Was trinfft Tu denn am liebsten?"

Rotwein durch Euch."

Dann bekommst Tu wohl auch einen Schwips, wenn wir einen bekommen?"

,,^a.

Sage noch etwas."

Ein längeres Herumfahren, dann plötzlich:Gute

Nacht."

Tas Glas stand still, rührte sich trotz allen Wartens nicht mehr. t

Damit wären wir, scheint's, für heute abgefunden", meinte der Professor.

Nein, warte!" siel Frau Paula hastig em.Ist noch ein anderer Geist hier??"

Tas Glas begann sich langsam zu schieben, kreiste um ja" und blieb endlich darauf stehen. Frau Paula über­nahm das weitere Fragen.

Wie heißt Tu?"

Karl Timelmann."

Bist Tu ein Verstorbener?"

Ja"

Wann bist Tu geboren?"

1692, 21. Oktober."

Wo?"

Kalenberg."

Tie beiden tauschten Blicke.Kennst Tu den Ort?" fragte Frau Paula ihren Gatten.Nein mir dämmert aus der deutschen Litteraturgcschichte von einem Pfaff vom Kahlenberg mit h", antwortete der.

Was warst Tu bei Lebzeiten?"

Falkoniere."

Was war Tein Vater?"

Hufschmitt."

Ter Professor unterbrach:Ter Herr scheint bei der älteren Orthographie zu bleiben. Bei wem standest Tu als Falkoniere in Tienst?"

Bei Fürst Hugo Biwern."

Hier sprang der Professor auf.Das wird unheimlich. Biwern das könnte Bevern sein, die alten Braunschweig. Bevern; laß mal, Schatz, ich will doch das Konversations- Lexikon vergleichen."

Er ging hinaus. Frau Paula saß unbeweglich, im Banne eines heimlichen Grauens, allein vor dem wie lebendig gewordenen Glase, bis er zurückkehrte, mit zwei Lexikon- bänden in der Hand, die er auf den Tisch unter die Lampe legte. Sie erhob sich dann gleichfalls und sah ge­spannt, wie der Professor auffchlug.

Kalenberg, ehemaliges Fürstentum in der preußischen Provinz Hannover... es ist nach dem in der Gemeinde Schulenberg Belegenett Schloß, jetzt Domäne mit Amts­gericht, benannt. Kalenberg gehörte ursprünglich zum Her- zogtunr Braunschweig-Lüneburg . . . von dem Zweig Kulen- berg des welfischen Haufes Neu-Lüneburg stammt di«