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worin er wachung Menschen
„Ich verläßlich
bittet."
weiß zwar nicht, ob ich intelligent bin, aber
„In der Sache Sempach? Das trifft sich ja großartig! Eben bekomme ich einige Zeilen vom Untersuchungsrichter, mich zum Zweck einer unverzüglichen lieber» um einen verläßlichen und intelligenten
bin ich."
„Tas weiß ich. Und ich will Ihnen sofort beweisen, daß ich den treuen Anhängern meines Vorgängers, denen, die sich geweigert hatten, bei mir einzutreten, um ihm in den Abschied zu folgen, nichts nachtrage. Ich werde Sie sofort zu Landgerichtsrat' Klinger senden. Warten Sie nur einen Augenblick. Ich will nur zwei Worte schreiben, um Sie dadurch bei ihm einzuführen."
„Ich danke Ihnen, .Herr Direktor." m m I
„Sie werden mir nur gestatten, Herrn Georg Ra- kenius, dem Freund des Herrn von Sempach, zu versichern, daß seine Angelegenheit dank dem Dazwischenkommen Ihrer Person die günstigsten Aussichten hat."
„Sagen Sie ihm, was Ihnen beliebt, wenn es Ihnen etwas einbringen kann, — wenn es mir nur nichts em» trägt."
67. Kapitel.
Nachdem er Sanftleben verlassen hatte, begab Müller sich, ohne einen Augenblick zu verlieren, auf das Polizeipräsidium, und verlangte den Chef der Kriminalabteilung zu sprechen. Mehrere Angestellte erkannten den ehemaligen Kriminalinspektor sofort wieder, beeilten sich, ihm den Hof zu machen, und richteten es so ein, daß er nicht zu lange zu warten brauchte.
„Ms, da sind Sie ja, Herr Müller", rief ihm der Geheime Regierungsrat entgegen, als er ihn eintreten sah. —
„Sie kennen mich, Herr Regierungsrat?"
„Ich kenne Sie Ihrem Rufe nach. Sie sind heute noch hier in aller Munde. Sie haben ein gutes Andenken hier zurückgelassen. Ich habe auch Ihre Conduiteliste gesehen, sie ist geradezu großartig. Seitdem ich das Amt übernommen, sind Sie abgegangen. Sie wollten jedenfalls unter meiner Direktion nicht bienen?"
„Verzeihen Sie, Herr. Ich hatte mir eingebildet, ich müßte meinem früheren Chef folgen. Er war mir gegenüber stets sehr wohlwollend, und ich hing lebhaft an ihm. Aber ich glaube, daß ich au meinem Geschäft noch mehr hänge."
„Wollen Sie es wieder aufnehmen?"
„Wenn Sie es mir gestatten wollten, wäre ich sehr glücklich darüber."
„Aber, lieber Freund, ich verlange ja nichts Besseres. Ich hege absolut keinen Groll gegen Sie. Wer Ihre Aufnahme hängt nicht nur von mir allein ab. Unser Personal ist schon Üiehr als vollzählig."
„Ich zweifle nicht daran. Auch verlange ich ja nicht, meine frühere Stelle von heute auf morgen wieder zu erhalten, die erste Jnspektorstelle. Ich möchte nur unter irgend einem Titel hier Beamter sein, besonders in diesem Moment."
„Ah", rief der Chef der Kriminalabteilung, und warf seinen Kopf empor. „Sie bringen mir also eine wichtige oder wertvolle Nachricht?"
„Jawohl, und zwar in der Angelegenheit Sempach."
„Ich danke, Herr Rat, doch ehe ich mich nach dem Justizpalast begebe, bedarf ich noch einer Aufklärung."
„Und die wäre?"
„Ich möchte gern wissen, ob sich ein Sträfling Namens Paul Querzewski immer noch im Zuchthaus befindet."
„Paul Querzewski — Paul Querzewski — der Name klingt mir nicht ganz unbekannt. Ach ja, warten Sie, er kam mir erst vor ein paar Tagen zu Ohren. Ja, ja, ich weiß schon. Man hat von feiten des Ministeriums des Innern wieder einmal seine Person aufgefrischt. Man hat bei uns nachgefragt, ob die von uns unternommenen Nachforschungen keinen Erfolg gehabt hätten."
„Nachforschungen betreffs Paul Querzewski's?"
„Ja, ja, das ist schon fein Name."
„Er ist also wieder aus dem Zuchthause aus- gebrochen?" , , ,,
„O, schon seit langer Zeit. — Ich erinnere mich letzt ganz deutlich an alles, was ihn betrifft."
Inzwischen chatte der Kriminalabteilungschef einige
Zeilen an den Untersuchungsrichter geschrieben. Er übergab Müller den Brief und sagte:
„Hier, wie ich versprochen. Geben Sie Herrn Rat Klinger persönlich alle Aufklärungen, die Sie in der Angelegenheit Sempach zu machen haben. Ich hätte sie schließlich auch von Ihnen verlangen können, um ihm dieselben dann zu übermitteln; das wäre der gewöhnliche Weg gewesen. Ich will Ihnen aber Gelegenheit geben, sich persönlich auszuzeichnen. Ich werde diese Auszeichnung dann benutzen. Ihnen Ihre frühere Stelle wieder zu verschaffen." „ .
„Ich bin Ihnen ungemein dankbar, Herr Regierungs- rat, und bedauere nur--"
„Bedauern Sie nichts. Sie haben eben Ihrem Kummer, als Ihr Beschützer feinen Poften verließ, auf Ihre Art Ausdruck verliehen. Solche Beweise von Anhänglichkeit sind bei der Verwaltung selten, und so etwas weiß ich zu schätzen." ~ ,
Mit einer Gebärde und einem Kopfnicken verabschiedete er ihn. „ .
Tiefe drei Besuche bei Sanftleben, Hesekiel und dem Chef der Kriminalabteilung hatten den ganzen Vormittag in Anspruch genommen. Müller konnte erst gegen etn Uhr nachmittags in Moabit vorsprechen. Er übersandte bem Untersuchungsrichter fein Einführungsschreiben, wartete beiläufig eine halbe Stunbe in einem langen Korridor, in den die meisten Zimmer der Untersuchungsrichter munden, und wurde dann vorgelassen. ,
Ter Richter schrieb eben an fernem Schreibtisch. Zwei Minuten verstrichen, ehe er seinen Kopf erhob, einen Blick auf Müller warf, der stehen geblieben war, um ihn dann onjurgen. berienige/ den mir die Kriminalabtei-
lnna geschickt hat? Haben Sie die nötigen Eigenschaften, eine äußerst schwierige, verwickelte Angelegenheit zu günstigem Ende zu führen?"
i „Ich hoffe es, Herr Rat." ,
Es handelt sich um die Ueberwachung eines Mädchens, gegen das manche Verdachtsmomente vorliegen, emer gewissen Minna, einer Zeugin in dem gewiß auch ^hnen ve- ,<m”$ LllLm^R" glaube, selbst die Namen der Schuldigen ^wi^en^ ^«ft der Untersukh-
ungerWer. en Julie Farkas und Paul Querzewski."
Woher wissen Sie das? Wie kommen Sie auf die
I „Durch verfchiedene Anzeichen, die ich für überzeugend I Hulte"
,’Unb weshalb haben Sie bis zur Stunde nicht ge- speocheri^ heute morgen in Berkin angenommen bin und 1 vor einigen Stunden no ch von nichts eine Ahnung halte.
.Was haben Sie für Gründe, die mir eben nmnhaft I gemachten Personen der That zu verdächtigen? treten
Sie näher!"
68. Kapitel-
Einen Ellbogen auf den Tisch und das Kinn in die rechte Hand gestützt, schickte sich der Untersuchungsrichter | an, dem Kriminalinspektor aufmerffam zuzuhören. ©ein Erstaunen hatte infolge der Erklärung, die ihm soeben gemacht wordeil war, feinen Höhepunkt erreicht. Wie? I Ein einfacher Beamter der Kriminalbehorde behauptete, I hie Schuldigen zu kennen, die er, der Untersuchungsrichter, vergeblich gesucht hatte? Denn jetzt suchte er sie, da er I von ihrem Vorhandensein heute so fest überzeugt war, wie er früher die Ueberzeugtmg von Sempachs Schuld gehabt hatte. Nachdem ihn die Gräfin Doroukofs verlassen hatte, und er sein kaltes Blut wiedererlangt hatte, I nachdem der Mensch wieder zur Amtsperson geworden, I da er nicht mehr unmittelbar unter den Reizen ihrer
Verführung stand, dachte er über alles das nach, was er I eben vernommen hatte, über all die Geständnisse und
Folgerungen, und er gestand sich ehrlich zu, daß er sich geirrt hatte. Und seine Eitelkeit litt nicht darunter- ^m Gegenteil, sich des ihm gemachten Vorwurfs, zu fest bei feinen Ideen zu verharren, erinnernd, - jenes Fehlers, den ihm die Gräfin so geschickt dar gelegt hatte, I — machte es ihm Vergnügen, eine vollkommen neue Unter» | suchung mit neuen Ausgangs- und Endpunkten anzustellen..


