Ausgabe 
14.5.1902
 
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niemals und stöhnte nie über sich selbst, aber es war so hart das mit Thomas! Sie sab sehr wohl, wie seine Backen anfingen zu hängen. Ihr Mann sorgte auf seine Art sehr gut für sie, und Thomas nickte ihr immer zu, tote in alten Tagen, jeden Tag brachte er ihr Kirschen, und fast jedesmal, wenn er in der Stadt war, kaufte er Honigkuchen für sie.

Im Herbst hatte sie einen Schlaganfall und lag lange Zeit hilflos da. Jetzt war die Reihe zu wachen an Thomas. Wenn er des Abends zu ihr hereinkam, hielt er gewöhnlich die eine Hand hinter dem Rücken verborgen. Jit der Regel saß er schweigend am Bett und starrte schläfrig in die Flamme der Nachtlampe. Ost erschlafften seine Züge, der Kopf sank tiefer und tiefer, dann richtete er sich plötzlich auf und nickte ihr zu:Wir werden uitS schon wieder er­holen, Mütterchen." Wenn sein Kopf allzu schwer wurde und sich gar nicht in der Stellung halten wollte, wie sie ein Kopf einttehmcn soll, schlich er in die Ecke hinter dem Kleider- schrauk, wo er sich mit einem unsichtbaren Gegenstand zu schaffen machte, itnd wenn er dann wieder zurückkehrte, stemmte er gewöhnlich die Hände in die Seiten und heftete den Blick auf irgend einen sonderbaren Gegenstand oben an der Decke.

Eines Nachts sah sie ihn plötzlich mit einem wunderlichen gläsernen Blicke an.

Er ergriff ihre Hand und rief:Mutter! Mutter!"

Sie flüsterte einige matte Worte:Du weißt wohl das willst Du es mir versprechen? Du weißt wohl ach, mein Junge, mein Junge!"

Ja, Mutter, ich will es Dir versprechen, wenn ich kann."

Und dann mußte er auch von ihr, von seiner teuren, geliebten Mutter Abschied nehmen.

. Er machte den ernsthaften Versuch, ihre letzte Bitte zu erfüllen, und eine Zeitlang ging auch alles gut; aber seine Gemütsstimmung wurde immer schwermütiger. Schließlich ging er zum Förster hinab und bat ihn, 'ihm seinen Re- volvc. leihen.

sah ihn mit feilten grauen, stieren Augen groß an:Du bist verrückt, Mensch!"

Er wollte nur die Füchse ein wenig einschüchtern, sie wären so verteufelt hinter den Hühnern her.

Den Revolver bekam er aber nicht. Dagegen brauten sich die beiden Freunde ein Paar stramme Gläser Grog, die sie alle Augenblicke aneinanderstießen, mit dem ewigen Refrain von Thomas' Seite, daß sie, weiß Gott, treu zu- sammenhalten wollten .

Es war Helene mehr und mehr klar geworden, daß sie für ein still-wirksames Leben innerhalb ihrer vier Wände geschaffen war, nicht für ein stürmisches Walkürenleben draußen in der großen Welt.

Oft dachte sie darüber nach, wie schwer es doch für einen ernstdenkenden Menschen ist, auf den Scheideweg zwischen zwei Zeitalter gestellt zu sein. Durch Abstammung, Erziehung und Familienüberlieferung gehörte sie der Zeit an, die in der Geschichte ihren Stempel von Friedrich dem Sechsten erhalten hat, dabei war aber ihr Herz und ihr Auge dem frischen Leben der modernen Zeit durchaus nicht verschlossen. Sie kannte nicht die Freude, die darin liegt, sich voll und ganz einer abgeklärten, folgenschweren, ausge­arbeiteten Lebensanschauung hingeben zu können; sie litt mit ihrem ewig kämpfenden Gewissen tausendmal mehr unter der Spannung des Kampfes, als jemand, der nur eine Farbe in seiner Fahne hat.

Nein, sie sah es immer mehr ein, sie paßte nicht für die Kraftzeit.

Böje tummelte sich mit immer wachsendem Eifer in dem Kampfleben: Es war, als ob die Ueöerfülle von Kraft, die in seiner Jugend durch Krankheit und Enttäuschungen niedergehalten worden war, sich jetzt einen Weg bahnte und alle_ Ufer überstiege. Im Disküssionsverein, zu dessen Kassierer er gewählt worden war, hatte er sich zu gleichem Rang mit Rudolf und anderen Führern emporgearbeitet; stets war er unterwegs, schrieb Lieder, hielt Reden, ver­anstaltete gemeinsame Festessen und Picknicks und kam oft in einem sehr umnebelten Zustand nach Hause. Unmengen Von Herren und Damen, die sich zu dem Verein melden oder sich abmelden wollten, stürmten ihm fast das Haus. Die Schubfächer seines Schreibtisches waren mit Statuten und Mitgliederkarten angefüllt, überall lagen radikale Blätter. Oft kam er mit einer Schar Freunde heim, die es sich im

Zimmer bequem machten und bis lange nach Mitternacht bei einer dampfenden Punschbowle lärmten und sangen.

Die Kirche betrat er jetzt nie mehr, und Helene mußte ihren ganzen Einfluß geltend machen, um ihn am Aus­tritt aus der Volkskirche zu verhindern. Ein Trost war es ihr freilich, daß er sich nie daran beteiligte, das Christen­tum selbst herunterzumachen; wie er aber eigentlich zu seinem Gott stand, daraus konnte sie niemals so recht klug werden.

Mit der neuen Wohnung war sie keineswegs zufrieden. Die Stuben waren niedrig, die Wände beschmutzt, voll Spuren kleiner fettiger Hände. Im Winter war es entsetz­lich kält gewesen, und jetzt in der Sommerzeit, wenigstens an den warmen Tagen, zog vom Strande her ein fauler Tanggeruch durch die Fenster. Sie konnte diese Zimmer nicht in derselben zierlichen Ordnung halten, wodurch die erste Wohnung so gemütlich gewesen war. Ein Stück Möbel nach dem andern verfiel, die Teppiche waren verschossen, die Gardinen zerrissen; die langen Schleppgardinen mußten in Ueberfälle verwandelt werden, und doch mußte sie noch jedesmal, wenn sie gewaschen wurden, große Stücke darauf festplätten.

Ein kleiner Knabe, dem sie das Leben gab, starb gleich nach der Geburt. Sie selber kränkelte eine Zeitlang, er­holte sich aber doch schließlich wieder. Um die Ausgaben zu decken, die der Tod des Kindes zur Folge hatte, mußte sie ihrer Sparkasse Gewalt anthun, in der sie mühselig dreißig Kronen angesammelt hatte, die sie sich im Laufe eines ganzen Jahres durch Nähen und bett Unterricht von zwei kleinen Mädchen aus dem zweiten Stockwerk verdient hatte. Ein Teil dieser Summe war zur Anschaffung eines neuen schwärzwollenen Kleides bestimmt gewesen. Sie hatte seit ihrer Verheiratung nicht ein einziges neues Kleidungsstück erhalten. Mit unvergleichlicher Geschicklichkeit hatte sie es verstanden, ihren Mitmenschen Sand in die Augen zu streuen, indem sie mit Hilfe eines Färbekessels alles in neues verwandelte und durch Band und billigen Aufputz die ge­flickten Stellen zu verdecken wußte; jetzt aber spottete ihre Garderobe bald aller menschlichen Erfindungskunst.

Doch was hatte es zu sagen, daß ihre Kleider ge­flickt waren und ihre Strümpfe bald nur noch aus einer einzigen großen Stopfstelle bestanden, daß ihr Unterzeug kaum mehr zusammenhielt! Was hatte es zu sagen, daß sie sich von des Morgens um fünf Uhr bis des Abends um zehn Uhr im Schweiße ihres Angesichts abarbeiteu mußte, um ihren Haushalt im Gange zu halten daß sie zu Bäcker und Grünwarenhändlerin laufen, im vierten Stockwerk Essen kochen und gleichzeitig im Keller waschen, Gang und Treppen scheuem und dabei die Kinder auf dem Hof beaufsichtigen mußte! Nein, das war gar nicht der Rede wert wie viele Frauen hatten es noch viel schwerer. Was sie aber quälte, war, daß sie trotz ihrer Liebe zu Böje und den Kindern niemals -so recht innerlich froh sein konnte, daß sie niemals den Strom des Glücks in ihrer Seele fühlte.

Ein Bibelwort aus der Schulzeit hatte Helene seit der Unterredung mit Pastor Tomsen im Sinn gelegen und dort genagt, das Wort, daß man nicht ungestraft die Ermahnung des Vaters verachten und das Gebot der Mutter übertreten darf. War nicht der Grund zu dem ganzen Unglück ihres Lebens darin zu suchen, daß sie von dem ruhigen Wege abgewichen war, den ihr Gott in ihrer Geburtsstunde vor­gezeichnet hatte, daß sie sich mit selbstangemaßtem Recht in Verhältnisse hineingestürzt hatte, die in grellstem Wider­spruch zu allem standen, worin zu leben sie von Kindes­beinen an ausersehen war? Wenn sie jenes Wort mit Salomons Gebot verglich:Verrücke nicht die altherge­brachten Grenzen", da konnte sie ein schneidender Mißlant durchfahren, denn sie fühlte, daß sie die alten Grenzen verrückt, daß sie mit aller Ueberlieferung gebrochen, sich gegen ihren Baler aufgelehnt und die Gebote der Mutter übertreten hatte, jenes Gebot der leidenden Sanftmut, der selbstverleugnenden Demut, dessen Verkörperung sie gewesen daß sie einen Weg gewählt hatte, auf den ihr keiner ihrer Lieben, nicht eine einzige Seele aus ihrer Kindheit und Jugend gefolgt war.

Und dann Thomas! Nicht einen Tag, nicht eine Stunde war er aus ihren Gedanken. Wieder und wieder hatte sie sich zu Madame Hansen hinausgeschlichen, um etwas über Ostholmstrup zu hören, und jedesmal war sie mit einer neuen Bürde von Unruhe heimgekehrt. Aber sie hatte Böje