Ausgabe 
14.4.1902
 
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aarbeutel"

Redaktion: I. B.: R. Dittmann. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Tuch- und Steindruckcrci (Pietsch Erben) in Gießen.

Silbenrätsel.

(Nachdruck verboten.)

Aus ihren 12 einen 8 Hat sie voll Glut ihm geschenkt, So daß seit diesem 123 Er nur an sie noch denkt. (Auflösung in nächster Nummer.)

Arlflösung der Schachaufgabe in vor. Nr. W. Kc2, Ta2, Sc4, d8, Ba4, s.7, LG, ä2.

Schw. Ka8, Bb4, b5.

1. Kc2b3, bc+. 2. Kb4:, c3. 3. Ta2. 1......ba+. 2. Kb4:, a3. 8. Sb2.

Tie Buschschen Verse sind ebenso echte Kunst, Jute seine Zeichnungen, obwohl sie ebenso kunstlos flüchtig hinge­worfen scheinen, wie diese. Gewiß hatte der Künstler, trotz aller grüblerischen Melancholie, seine herzliche Freude beim Zeichnen wie beim Verseschmieden. Seine Geschichten sind nicht überraschend erfunden, sondern typische Figuren er­leben typische Schicksale. Darum werden seine flüssigen Verse nie vertrocknen, seine Blätter aus der Münchener Zeit nie verwelken. Wie als Zeichner, so hat er als Poet seinen persönlichen unnachahmlichen Stil. Niemand schafft ihm Knittelverse nach von so verblüffender Ungezwungenheit und von so urkomischer Wirkung des Reimes. Ebenso staunenswert wie seine Freude am Unkalligraphischen in Der Zeichnung, ist seine Freude am burlesken Reim und an schief gebildeten neuen Worten. Wie reich er ist an glück­lichen Gebärden, so reich ist er an glücklichen Worten, die in ihrer diskreten Plattheit so wunderbar parodistisch wirken. Zu den gewöhnlichen Vorgängen wählt er oft ein kurioses Pathos und umgekehrt für poetische Situationen

Tie technische Wirkung, die der Zeichner Busch mit ein paar anscheinend nachlässigen Strichen von kluger Berech­nung hervorbringt, ist staunenswert. Welche außerordent­liche Oekonomie in der Verwendung der Mittel! Sobald er sich in die Bagatellen des Lebens mischt, stehen sie vor ihm und stellt er sie vor uns zu wunderbarem Popanz vergrößert. Nichts ist komponiert, alles scheinbar flink hingeschrieben, wie die Zeit flüchtig ist und jede rm Leben geschaute Szene. Er ist ein sehr großer Meister der Bewegung, namentlich der schnellen oder gewaltsamen Bewegung durch die Unmittelbarkeit seiner Beobachtungs­gabe. Aesthetische Formeln beengen ihn nicht, er greift ins Leben mit unfehlbarer Sicherheit. Er charakterisiert den Philister meisterliche und findet im engen Dorfidyll keinen Unterschied zwischen schön intb häßlich, sondern alles in der Natur zur Darstellung verwendbar, die verzwicktesten, verrücktesten Situationen, tote imGeburtstag" den Ritt auf Ziege und Schlvein, die Küchenkämpse inPlis ch und P l u m", den gefallenen Meier imHaarbeutel" usto. usw. Jedes seiner Werke ist ein Blatt im großen Buche der menschlichen Tragikomödie und zugleich ein vor­trefflicher Erzieher zur Abkehr von allem Geschraubten und Unwahren. Busch ist ein Momentphotograph ohne Gleichen, ein Physiognomiker, wie es Breughel, Jan Steen, Brouwer waren, die er in Antwerpen lieben gelernt hatte. So summarisch die Behandlung ist, so vereinfacht die Kontur. Mimik, Gestikulation und Anordnung sind stets ausdrucks­voll Seine Linienführung ist immer groß und einfach, trotz alles scheinbaren Wirrwars, alles anekdotisch Gleich­gültige abstrahiert zur Form der Dinge an sich, trotz aller Neigung zum anekdotisch Grotesken. Er bewegt sich zu­meist in den seltsamsten Kontrasten, er bevorzugt z. B. die ganz dicken Leute von beneidenswerter Konstitution oder die ganz dünnen von abschreckender Zimperlichkeit. Er zeigt den Menschen durch alle Altersstufen, von der frühesten Jugend bis zum Verfall, und begleitet seine Zeichnungen mit monumentalett Strophen.

einen trocknen Kanzleistil. Naturlaute ahmt er wie kein anderer Dichter nach (Julchen machträväh, räbäh", der Spitzrawau, rawau", die Venusstatuette fällt mit einem Klickeradoms" zu Boden usto.). Und schließlich giebt er eine kraus verdrehte grausame Moral dem Leser mit auf den Weg und dreht ihm hinterdrein eine Nase.

Busch lehrt uns endlich eindringlich und unwiderleg­lich, daß es gut ist, sich loszulösen von der Bewunderung des allgemein Gepriesenen der jeweiligen Zeit. Er trat in bewußte Opposition zu dem ganzen schwächlichen, un- selbständrgen Epigonentum seiner Münchener Tage, er kehrte ostentativ bett Rücken einer Zeit, die die Kunst nur erblickte in der Nachahmung einer längst begrabenen Periode, und verspottete dieses Anklammern an die verschlissenen Rock­schöße einer großen Vergangenheit mit Recht. Darum wies er mit Laune auf die geschmähte Wirklichkeit und zeigte, wie lustig sie genommen werden kann. Er entdeckte wieder, wie einst die Niederländer, die kleine Welt für die Kunst und nahm seinen Weg aus der Museumsstadt München nach der stillen Natur seiner engen Heimat.

Wir besitzen in dem Reim- und Federspieler Busch keinen Zeichner der Größe wie Cornelius, dessen Figuren zumeist in einer bestimmten Pose erstarrt sind, keinen Thoma oder Klinger, sondern, um ein Analogon zu dem guten WorteKleinmaler" zu brauchen, nur einen Klein­zeichner; auch? keinen satirischen Poeten von Bedeutung. Doch in seiner Art ist auch Busch wahrhaft groß; er ist in aller Angst des Daseins nicht nur sich selber, sondern dem deutschen Volke einer der bestell Tröster.

Zum Schluß einige der hervorstechendsten Sentenzen aus seinen Werken, die allerdings aus dem Rahmen eines Geburtstagsfestartikels hinausgehen, manchem Leser aber als Sprüche lapidarer Lebensklugheit, ob sie gleich zum Teil die höchsten Ideale ins Lächerliche ziehen, zum Teil Selbstverständliches sagen oder höchst Anfechtbares als tiefe Wahrheit vortragen, willkommen sein dürften. Haben sie doch ihre litterarische Bedeutung schon als wohlge­lungene Parodien auf jene anspruchsvollen Tichterfentenzen, die nichts anderes sind alv Binsenwahrheiten in pomp­hafter Form.

Tas Gute, dieser Satz, steht fest, Ist stets das Böse, das man läßt." Wer sich freut, wenn wer betrübt, Macht sich meistens unbeliebt." Tugend will ermuntert sein, Bosheit kann man schon allein!" Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr." Enthaltsamkeit ist das Vergnügen An Sachen, welche wir nicht kriegen." Die Sorge, wie man Nahrung findet. Ist häufig nicht so unbegründet." Des Lebens Freuden sind vergänglich, Tas Hühnerauge bleibt empfänglich." Groß ist die Welt, besonders oben." Kaum hat mal einer ein Bissel was, Gleich giebt es welche, die ärgert das." Mit Recht erscheint uns das Klavier, . Wenn's schön poliert, als Zimmerzier.

Ob's außerdem Genuß verschafft, Bleibt hin und wieder, zweifelhaft." Ach, reines Glück genießt doch nie, Wer zahlen soll und weih nicht wie!"

tu denen zahlreiche mit seiner biedermeierhaftert schlichten Komik vor getragene Kapitel so wenig einer Erläuterung bedürfen, wie etwa der Struwwelpeter, während andere Teile schier eines Kommentares benötigen.

Es ist nicht gar so verwunderlich, daß die Berliner Lessinggesellschaft die erste deutsche Korporation war, die dem Künstler zu seinem 70. Geburtsjahre, bereits vor länger denn Monatsfrist, eine wohlgelungene Huldigungsfeier widmete. Denn schließlich spann auch Busch, der Einsiedler, an dem Faden des Lessingschen Sichbescheidens. Wer aber nicht nur über der eigenen Zeit, sondern über dem Mensch­lichen überhaupt steht, wer sich und die Welt überwindet, der genießt jene Ueberlegenheit, jene unerschütterliche Sicherheit, die Humor ist: selbst der Humor des Kummers bildet schließlich gegen alles Mißgeschick, gegen die ewige Tragik der menschlichen Existenz das schlichtende Gegen­gewicht.

Tas ist die Weltanschauung, die aus seinen ernsten Gedichten, seinerKritik des Herzens", spricht. Der ist ein idealistischer Phantast, der die Welt, dieses Narren­haus, schön ftndet, sagt er in seinemSchmetterling". Darum seien wir selber närrisch, dann werden wir uns mit ihr ganz gemütlich abftnden können.