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Stelle durch, wo er hoch aufatmend stehen blieb, um das Terrain zu rekognoszieren. Ader er war zweifellos in eine frei angelegte Falle geraten, denn sofort wurde er von einer Schar ambulanter Verkäuferinnen umringt, die ihn in bestrickendster Weise zum Ankäufen eines Waren­lagers der sonderbarsten Gegenstände anfeuerte. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, nicht für eine Kopeke zu kaufen, aber die jungen Tamen baten so hinreißend, daß sein Gesicht sich allmählich in freundlichster Weise glättete und seine Hand einen Rubelschein nach dem andern für bunte Kuhglocken, leere Bvnbonschachtelu, rote Plüschäffchen und federleichte Blattfächer hingab. Als gar die feurigen Weisen einer Zigeunerkapelle in all den Trubel hinein­rasten, die Geigen klagten, zitterten, und Baß und Cello dumpf dazwischen stöhnten, hätte er am liebsten eine der listigen Teufelinnen um die Taille gefaßt und mit ihr die Masurka gewagt. Aber der Gedanke an seine grauen Haare und an die Fasten ließen ihn einen tadellosen Rückzug nach dein Busset antreten, wo sich seine bereits gesunkene Erbitterung gegen die Bazare infolge der geforderten Preise aufs neue zu wilder Glut entflammte.

Mit Vergnügen hatte Boris Mitrofanowitsch von einer Loge aus die hochherzigen Anwandlungen und den schließ­lichen Rückzug des Kapitäns verfolgt. Tann ließ er den Blick über das Menschengcwoge schweifen, das vor den Ver­kaufsständen wie vor ben Felsen der Küste brandete. Weit hinten ragte ein zierlicher Riosk empor, oben in eine ver­goldete Zwiebelkuppel auslaufend, aus deren Knäufen und äußeren Kassetten farbige Edelsteine, Imitationen in elektrischem Licht, still in den Saal funkelten. Tas kleine Architekturwerk war mit außerordentlichem Geschmack aus­geführt. Bewundernd glitt sein Blick von den hübschen Linien und Ornamenten des Aeuheren ins Innere, auf z>vei junge Tarnen in russischem Nationalkostüm, anmutige Ge° stalten, mit dem Kaschnik auf dem dunklen Haar, die unab­lässig bemüht waren, die dargebrachten Spenden der an» drängenden Bewunderer in Empfang zu nehmen. Mit In­teresse verfolgte er ihre Bewegungen. Jetzt konnte er der einen voll ins Gesicht sehen. Ein leiser Ruf der Heber» xaschung entglitt ihm. Täuschte er sich? Er putzte sein Glas und fktzte es gespannt an die Augen. Ein Irrtum war vollkommen ausgeschlossen: die Tarne war die Unbe­kannte vom Rurik!

Es gewährte ihm ein eigentümlicher Vergnügen, sie zu beobachten. Wie ernst sie drein sah, während die Andere ganz Leben war. Kaum daß sie ihren Mund öffnete. Freude schienen ihr die Huldigungen nicht zu bereiten; sie gab und empfing so mechanisch und gleichgiltig, als seien ihre Gedanken ganz wo anders. Tas Glück schien ihr fremd und das Lachen erfroren zu sein.

Endlich ließ er das Glas sinken. Wer sie wohl sein mochte? Sein Auge fiel aus den Führer, den er in der Hand hielt.Russischer Kiosk von Tatiana und Wera Godunow" las er. Er stutzte. Godunow! Toch nicht die Töchter von Jefim Godunow, mit dem er in Geschäfts­verbindung stand? Merkwürdiger Zufall, wenn gerade sie es wären! Sinnend schob er das Glas in die Tasche, um seinen Platz zu verlassen.

Zwischen den drängenden Menscheumassen hatte er den Saal langsam durchquert. Wenige Schritte von dem russi­schen Kiosk entfernt blieb er vor einer lebenden Mauer junger Elegants stehen. Gewiß, sie war es! Tas war dasselbe edle, feine Gesicht, mit den lebhaft blickenden Augen und i>!en feirigcschwungenen Lippen, das er noch genau im Gedächtnis hatte.

Schönes vergißt man nicht so leicht, denn es ist eine Oase in der Wüste des Lebens. Ja, wenn sich mit der äußeren Schönheit die untere paart, denn sonst ist sie nur eitler, hohler Glanz, der zwar blendet, aber auf die Tauer nicht erfreut.

Unwillkürlich mußte er über seine ästhetischen Reflexio­nen lächeln. Hinter der berückenden, glatten Außenseite dieser barmherzigen Samariterin, die da die Tugendreiche spielte, bargen sich Geheimnisse, Abenteuer und Lust an Extravagantem; denn anders ließen sich doch ihr Erlebnis und ihr sonderbares Verhalten auf dem Dampfer nicht erklären. Mit welcher Angst sie seine Absicht, den Heber» fall des Kutschers zur Anzeige zu bringen, bekämpft hatte! Natürlich, sie empfand Furcht vor dem Alten, dem als tüchtig und ehrenwert bekannten Jefim Godunow, der wahr­scheinlich in Raserei verfallen würde, wenn er von solchen

Abenteuern seiner Töchter hören müßte. Er lachte im stillen über die Schlauheit der Frauen, aber in diesem Lachen lag ein leiser Anflug von Bitterkeit. Dann fiel ihm das Bibelwort ein:Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet."Ja, wir sollen fein schweigen", fügte er hinzu,denn wir sind allesamt Sünder."

Er zarcherte, an den Kiosk heranzutreten; sie in Ver­legenheit zu setzen und gar zu ängstigen, lag ihm fern. Und boctj zog es ihn wie mit geheimer Macht hin, als ob ihm in dem glitzernden Bau das Heil winke, das er so lange gesucht.Ach was!" sagte er so laut, daß ihn die Hmsteheitden verwundert ansahen.Ich habe nichts mit ihr zu schaffen!" Schon wollte er sich wegwenden, als ihn die nachrückende Menschenmenge zum Schalter des kleinen Bauwerkes vorschob. An ein Ausweichen war nicht mehr zu denken, und so schaute er gerade hinein in den Kiosk und in Tatiana Godunows erbleichendes Antlitz.

Boris Mitrofanowitsch war durchaus keine schwache Natur, die sich so leicht von Plötzlichkeiten unterjochen ließ, aber in diesem Moment empfand er ein Gefühl peinlichster Verlegenheit. Lüftete er auch mit höflichster Verbindlich­keit den Hut, so vermochte er doch kaum ein einziges Wort hervorzupresseu. Daß sie ihn zu ihrem Schrecken erkannt hatte, war ihm klar geworden. Er fühlte, daß er sie sofort beruhigen und aller Sorgen entheben mußte.

Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein", sagte er leise, nach­dem sich ihre Augen wenige Sekunden gemessen hatten, wenn ich so unvermutet vor Sie trete."

Warum verzeihen?" gab sie mit erzwungener Ruhe zur Antwort.Ter Zutritt zum Bazar steht jedermann frei."

Tann gestatten Sie", bat er in warmem Ton,daß ich Ihre Reichtümer für die Armen gegen ein kleines An­denken vermehren helfe." Einen Hundertrubelschein seinem Portefeuille entnehmend und auf den Tisch legend, musterte er flüchtigen Blickes die ausgelegten Gegetrstände. In einem zierlichen Körbchen gewahrte er auf feuchtem Moose duftende Rosen. Eine der farbenschönen Blüten hervorztehmd und sich vor Tatiana verneigend, sagte er ernst und fast feierlich:Ich wähle die Rose als Symbol der Ver­schwiegenheit."

Sie verstand, was er mit diesen Worten sagen wollte, und atmete auf. In ihren Mienen prägte sich Heber» raschuitg aus. Eine innere Stimme rief ihr zu:Er wird dich nie im Leben verraten!" Im Drange über» wallender Empfindung wollte sie ihm die Hand bieten, aber ohne den Tank abzuwarten, hatte er sich bereits unter höflichem Gruß entfernt. Sie sah nur noch, wie er die Rose, als sA sie ein kostbares Kleinod, sorgsam barg, und dann war sie wie versteinert . . .

Feuer! Feuer! Feuer!" Wie machtvolle Donner­schläge fuhren die fürchterlichen Rufe in die Ohren der Mensihen, wie die gewaltige Posaune des jüngsten Gerichts schmetterten sie durch den weiten Raum. Sekunden eisigen Schweigens folgten, als sei jeder zur Salzsäure erstarrt. Aber dann fuhr es los wie das Brausen des Sturmes, tote das Tosen des empörten Meeres, wie das Krachen zersplitternder Stämme. Gellende Aufschreie, wildes Krei­schen, brüllende Laute, Ausrufe wahnsinniger, verzweifelter Todesangst, ohnmächtige Frauen, tobende, zu den Aus­gängen stürzende Menschen, die sich immer mehr gueiner unlöslichen Masse einkeilten und alles, was sich am Boden wand, rücksichtslos niedertraten, ein furchtbares Kümpfen um das Leben, in dem jeder die höchste Kraft einsetzte und mit allen Fibern zu siegen suchte, insgesamt ein tolles, niederschmetterndes, ergreifendes Chaos, über dem Wolken bläulichen Rauches wallten und Flammen leckten, das war die Wandlung, die sich in kaum einer Minute vollzogen hakte. o

Noch immer stand Tatiana da, starr, wie vor etwas Unfaßbarem. Plötzlich drang aus unmittelbarster Nähe eine kraftvolle Stimme an ihr Ohr:SJIeiben Sie, rühren Sie sich nicht von der Stelle, denn in dem rasen­den Haufen werden Sie erdrückt." Tie Worte Boris Mitro- fanowitschs klangen ihr wie Trost und Rettung. Ihre Augen suchten ihn. Tort, wo die Flammeri von einem in Brand geratenen Zelt mit unheimlicher Schnelligkeit nach einer Gardine und einem Gewirr von Guirlanden übersprangen, tauchte er auf. Sie sah, wie er die Arme hoch reckte und mit kräftigem Ruck flammende Stoffmassen und Dekora­tionen herunterriß und unter den Füßen zerstampfte, tote