Ausgabe 
13.6.1902
 
Einzelbild herunterladen

Fünftes Kapitel.

Ein trüber Oktoberabend hing über der alten Stüdt Leipzig. In der Grimm ascheu Straße war es schon um vier Uhr dunkel, und bei Felsche, im Lass Francais, an der Ecke des Augustusplatzes, zündete man bereits die Lampen an.

Tas Lokal mit seinen kleinen, elegant ausgestatteten Räumen war um diese Zeit gedrängt voll. Tie Besucher strömten ein und aus und manch ein Gast, der keinen Platz mehr finden konnte, mußte mit enttäuschter Miene den Rückzug antreten.

Durch das Gewühl drängten sich eben zwei junge Männer. Ter eine, groß, blond, prächtig gewachsen, war der Typus des Vollblut-Aristokraten, der andere, hvchjaus- geschossen und schülerhaft, zeigte eine liebenswürdig knaben­hafte Vornehmheit, die mehr in seinen! Wesen, als in feinen! noch unentwickelten Aeußern lag. Er waren Armin Velten und sein Begleiter Graf Camill Stansfen, init dem er seit kurzer Zeit in der Oberprima der Leipziger Thomas- schule saß.

Armin blickte dem Davoneilenden untleidig nach, sein neuer Freund imponierte ihm aber doch gewaltig. Dieser bestellte für sich Kaffee mit Kognak und für Arnim Kafee M!t Schlagsahne, Torte und Fruchteis.

Sie hatten sich eben zufällig in der Grimniaschen Straße getroffen und Stauffen lud Armin zu Felsche ein.

Kern Platz mehr", sagte Arnim beim Eintritt in das Cafe.

Wollen sehen", erwiderte Stauffen,ivenn nicht, dann schmeißen wir ein paar von diesen Spießern raus."

Aber Stauffen", opponierte Arinin,hier ist doch keine Kneipe."

Angsthase", erwiderte Stauffen,wetten ich ver­schaffe uns einen Fensterplatz."

Am Fenster im gelben Tamastkabinett saß allein an einem der kleinen runden Marmortische ein Jüngling, dem man fein Geschäft auf den ersten Blick ansah.

Stauffen bat mit tadelloser Höflichkeit um die Er­laubnis, den Tisch mit benützen zu dürfen, trotzdem dieser Viel zu klem war.

Ter junge Mann erlaubte, wurde aber sehr beengt. Kaum hatten die beiden Ankömmlinge Platz benommen, so sagte Stauffen: '

Gott sei Dank, daß die Messe vorüber ist, diese ver- dammten Schacherer haben wieder mal die ganze Stadt infizrert."

Rach einigen Minuten erhob sich der junge Herr, nachdem er plötzlich mit großer Eile das soeben besohlens Glas Melange hinuntergestürzt hatte, und empfahl sich.

Stauffen grüßte mit großer Zuvorkommenheit.

So, nun ist die Lust rein, wir haben das Terrain für uns."

Als Armin prtoestierte, lachte er:Mitgefaugen, mit­gehangen! Sie müssen sich heute mal auf mein Wohl den Magen verderben."

Sie blickten dann beide durch die hohen Spiegelscheiben auf das Gewühl in der Straße, das sich hier an der Ecke der Goethestraße oft staute.

rNun, wie gefällt Ihnen dieses Rattennest Leipzig?" fragte Stauffen,haben Sie je etwas Oederes, Tristeres gesehen? Widerwärtige Nation, diese Sachsen! Erkannte Sie sofort als Preußen und war froh, einen Landsmann in der Klasse zu haben .Sehen Sie sich nur diese Weiber an, dm Leipzigerinnen sehen alle wie Köchinnen aus. Wenn Sie hier eine Dame mit Geschmack und Chic gekleidet auf der Straße sehen, wissen Sie gleich,, das ist nichts Genaues." ^..Armm bemühte sich, verständnisvoll auszusehen. Im Stillen dachte er darüber nach wie es nur komme, daß Graf Stauffen, der bereits dreiundzwanzig Jahre zählte und das Aussehen wie das Wesen eines Dreißigers besaß, noch auf der Schulbank faße. '

Tie Stauffens waren eine der ältesten, reichsunmittel- voren Familien Deutschlands und Camill der älteste Sohn des Stammhalters, wie Armin gehört hatte.

..^n Ihrer Stelle würde ich lieber ein Berliner Gym­nasium besuchen", bemerkte Armin hach fragend.

Wenn es auf,lieber' ankäme, wäre ich heute in Paris, im Salon der reizenden Marquise Mimi, die ich in Biarritz kennen lernte, letzten Herbst oder auf der Jagd in Gems- stem, unserem Jagdschloß in den bayerischen Alpen. Mein Alter hat sich nun mal den verfluchten Unsinn in den Kopf

ffeiW'.. baß ich das Abiturrum machen soll, oder vielmehr- der Fürst Trachenberg dessen Tochter Lori niir eigentlich schon in der Wiege verlobt wurde, will keinen unstudierten Schwiegersohn. Ich befinde mich hier in einer Art Zwangs­verbannung, aus der mich nur das bestandene Hainen er­lösen soll. Ich rühre natürlich kein Buch an, denn das Abitur ebenso wiedie Lori Trachenberg stiid mir höchst Wurst. Weih­nachten reise ich nach Hause Uiid keine zehn Pferde bringen I mich zurück üach Leipzig."

Er goß seinen Kognak in den Kaffee und trank diesen Mit Behagen.. Plötzlich sprang er fast von seinem Stuhl auf und beugte sich weit vor:Donuerwetter da sind ein paar schöne Mädchen, die sind nicht von hier"

Wo?" fragte Armin neugierig.

Dort an der Ecke schnell werden gleich ver­schwinden nein wir haben Glück sie kommen zurück, hier aus unserer Seite da, die große, mit dem schwarzen Rembrandthut wie ein Bild die anders, kleine Blondine vornehm reizend"

,Ach", das sind ja nur meine Schwestern", sagte Armin mit naiver Enttäuschung.

Nur Ihre Schwestern? Mensch, Sie 'find solcher Schwestern gar nicht würdig!"

Ha, ha, ha", lachte Armin,das sind ja die Hulde und die Traute, was ist denn da Besonderes, die kann ich alle Tage sehen! Das muß ich ihnen erzählen, daß ich mir fast den Hals ausgerenkt habe, um sie zu sehen Traute wird mich schön auslachen!"

Traute" sagte Stauffen leise vor sich hin.Hulde und Traute, feite Namen sind wie geschaffen für solche Mädchen welche ist Traute?"

Die Große mit den roten Backen", erklärte Armin estrig,jetzt bleiben sie wahrhaftig da am Schaufenster stehen wenn sie doch mal hersehen wollten da!"

Die beiden Schwestern standen mit harmloser Neugier vor dem großen gegenüberliegenden Konfektionsgeschäft und betrachteten eifrig die Schaufenster. Fast alle Vorübergehen­den sahen ihnen mit mehr oder weniger Ungeniertheit unter die Hüte. Hulde empfand dies bald unangenehm und zog Traute mit sich fort. Sie erblickten Armin im Fenster des Cast und machten eine lebhafte Bewegung nach ihm hin. Als sie ihn jedoch kn Gesellschaft eines Fremden sahen, grüßten sie nur leicht und gingen die Straße hinunter.

Stauffen hatte jede Bewegung lebhaft verfolgt und bald darauf schlug -er vor, das Lokal zu verlassen. Er wußte auf der Straße so zu manövrieren, daß sie den Schwestern an der nächsten Ecke entgegenkamen. Gruß und Gegengruß folgte.

Was hat denn Armin da für eine Bekanntschaft ge- maclsi", sagte Hulde erstaunt,das kann doch kein Schüler

Famos", bemerkte Traute,ich habe selten einen so hübschen Menschen gesehen."

Vollendeter Kavalier", fügte Hulde hinzu,bin neu­gierig, wer das ist."

Als sie nach Hause kamen, fanden sie ihre Mutter genau auf demselben Punkt, wo sie sie verlassen hatten und auf dem sie sich seit ihrem Einzug in Leipzig befand. Nämlich ratlos, wo sie in der engen Stadtwohnung ihre Sachen unterbringen sollte. Tie Hälfte der Möbel war «juf einem Lagerboden, es hatte sich als unmöglich erwiesen, sie durch den Engpaß des Entrees zu zwängen,' denn ihre Dimensionen waren für das geräumige Branti- kower Herrenhauses berechnet gewesen. Man hatte zwar die Belle-Etage der großen Mietskaserne in der Sebastian-Bach- straße bezogen, aber selbst diese erwies sich als höchst un­zugänglich, was Raum und Komfort betraf.

Sage mir nur das eine", sagte Fran Velten gerade; zum hundertsten Male zu ihrem Gemahl,wo lasse ich mein großes Kleiderspind und wo den Wäscheschrank auf- schlagen? Hier im Entree ist absolut kein Platz, eine Garde­robe giebt es nicht und die Zimmer sind alle so klein."

Um Gottes willen, mach, was Du willst, ich habe ganz andere Dinge im Kopfe", fuhr Herr Velten etwas ungeduldig auf.Ter Bierwirt unten hat mir verraten, daß der Schlößer Langhanns, oben im vierten Stock, wahr­scheinlich die Nacht rücken wird, er schuldet die Miete für das letzte Quartal. Ich muß mir gleich einmal den Haus­mann kommen lassen."

Was ist denn das,rücken?" fragte Traute.

Die Leute ziehen heimlich mit ihren Siebensachen aus".