(Nachdruck verboten.)
Manneswert.
Roman von Marie Stahl.
(Fortsetzung.)
In seinem kahlen, unwohnlichen Zimmer saß Paul Lehmigke auf einem Koffer und hatte die Fäuste geballt wie in einer großen Anstrengung. Er saß unbeweglich, er würgte etwas hinab, dessen er sich schämte. Es waren Thränen.
Nein, er wollte es sich selbst nicht eingestehen, daß es Thränen waren, das wäre zu schwächlich. Es war ihm bisher so gut gelungen, brüsk und rücksichtslos zu sein — die einzige Rettung gegen diese fatale Weichheit! Wo blieb da seine Manneswürde?
Sie verschmähten und verachteten ihn ja — all sein Geld wog nicht ihren Stolz auf — ja, wie gering mußten sie ihn schätzen, daß sie lieber das Liebste und Beste, die Heimat, opferten, statt ihn aufzunehmen in ihren Kreis! Freilich, er»war nicht wie dieser elegante Leutnant mit seinem Prinzengesicht! Gut! er wollte auch nicht so sein, er wollte sein, was er war!
Er verachtete diese bettelstolzen Kavaliere, die das Gewerbe und das Geschäft gering schätzten, die zu hochmütig waren, um einen Vorteil zu streiten und sich, alberner- weise gebärdeten, als ob sie Geld für Treck hielten!
Nein, seine Arbeit und sein Geschäft waren sein Stolz! Sie sollten es bleiben!
Sich einen Vorteil abringen lassen und einen erworbenen oder ererbten Besitz wieder verlieren, das war in feinen Augen lächerlich und verächtlich. Er wollte sich keiner Arbeit schämen, und ob sie noch so mühselig durch den Staub und Schmutz des Werkeltages ihren Weg machen muß, er wollte immer und überall seinen Vorteil wahren auf Heller und Pfennig! Er wollte rechnen, und feilschen und handeln — ganz gleich, wer ihn dafür über die Achsel ansah!
Ganz besonders den bcttelstolzen Kavalieren gegenüber wollte er sich von der schäbigsten, krämerhastesten Seite zeigen — sie würden sehen, tver zuletzt den Sieg behält!
Und kein Weib ans Erden sollte ihn zum Assen des Hochmuts und des Müßiggangs machen. Nein, keine! — auch Traute nicht!
Traute — armes Kind — wie blaß ihre blühenden Wangen, wie voll Thränen die großen, lachenden Augen! Und wie sie bebend nnd schluchzend am Halse ihres Pferd
FreUag den 18. Juni.
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eine Neue ist so schmerzlich wie die vergebliche.
MU Dickens.
chens hing! Er war zufällig unter die Stallthür getreten und hatte sich ungesehen zurückgezogen. Ihr armes, junges Herz schien fast zu brechen von Abschiedsweh. Doch sie will lieber den bittersten Schmerz leiden, lieber die Heimat opfern, als ihm angehören.
Ter Gedanke war ein Messerstich in eine frische Wunde. Er sprang auf — das öde.Zimmer war unerträglich. Ev lief auf den Hof, er ging in die Ställe und ließ sich den Inspektor rufen. Es mußte alles anders werden. Tie Bummelwirtschaft sollte nun ein Ende haben.
Er selbst hatte die Landwirtschaft einige Jahre von der Pike auf gelernt. Er ging mit dem Inspektor in den Kuhstall, um ihm zu zeigen, welche Mißstände beim Füttern der Kühe eingerissen waren, imb wie sie abgeändert werden müßten. Bei ihrem Eintritt sahen sie das weibliche Dienstpersonal in einer Gruppe beisammen stehen. Einig« schluchzten, andere weinten laut.
„Ach mein Jott, unsere Fräuleins! So scheen, so gut—'< „Ja, Freilein Traute, dat olle Herz lachte mir immer im Leibe, wenn ick se so über den Hof kommen sah; der reene Sonnenschein!"
„Se jing nie an mich, vorbei, ohne zu sagen: na, Kar-< line, wie jeht's? Was macht's Reißen?"
„Und Freilein Hulde! Die heiratet nun so'n forschen Leutnant!"
„I, für unsere Freileins is keen Prinz jut jenug nich/<
„Hier Up mine olle Arme habe ick se beide jetragen, als se noch so ne lütte Jören waren — ach du mein Fotzt — dat ick das erleben muß — und unsere jute jnäd'ge Frau — mir is et, als wäre et heute, wie se hier Einzug hielt — schön als 'n Engel — und unser Herr — so eenen kriegen wir niemals nich wieder!"
Tie Gruppe stob auseinander, als der neue Herr vorbeiging.
Paul Lehmigke hatte Müiye, seine Gedanken zusammenzuhalten, um dem Inspektor die neuen Instruktionen mit dem nötigen Nachdruck zu geben.
Seltsam! Auch in seiner Familie war die Spritfabrik ein ererbter Besitz, vom Großvater auf den Vater, auch er war unter den Augen der Arbeiter ausgewachsen. Aber er war noch nie Regungen von Anhänglichkeit oder Zärtlichkeit für seine Person oder Familie, begegnet. Sie waren jetzt fast ohne Ausnahme Sozialdemokraten. Zwischen ihnen und seinem Kater herrschte nur der erbitterte Kanipf um den Vorteil. Der „Profit", das war der Gott, an den er von Kindesbeinen an glauben gelernt hatte. Paul Lehmigke war kein Philosoph \tnb kein Grübler, aber der Unterschied entgegengesetzter Lebensanschauungen drängte sich hier handgreiflich, auf. Und mit Staunen gewahrte er zum ersten Male den Zauber, der von denen ansging, die nicht seines Glaubens und seines Wesens waren, den Zauber, den er zum ersten Male im Leben an sich entbehrte und den er nicht für Geld kaufen konnte.


