214
mit fiel
tvisse.
„Es ist der Bart! Und dann sind Sie so mager worden!"
Ihr Sohn beeilte sich, das Wort zu ergreifen:
möchte gern einige Zeit ruhig bei uns bleiben."
„Tas ist ja schön! Es trifft sich nur schlecht dem Fremdenzimmer, das ist ja —"
„Tas wird Helene schon in Ordnung bringen",
auf das Gut intabuliert, aber es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn man nicht bei fleißiger Arbeit ein paar Tausend jährlich zurücklegen sollte. Man ist ja noch jung, Alter! Die Segel gehißt und dahin gesaust, daß es in den Rahen kracht."
Thomas und Böje gingen dann zusammen in den Mühlenhof hinab, der am Ende des Dorfes, nicht weit von der Mühle entfernt lag.
Böje schaute auf seine feuchten, bestaubten Beinkleider nieder, die seine Beine wie ein Paar steife Futterale umschlossen.
„Ick? bin eigentlich ein wenig besorgt, daß Du und Deine Eltern nicht sehr erbaut sein werden, wenn ihr von meinen früheren Plänen hört."
„Was ist's denn damit?" Der Müller stand still.
„Die Sache ist die: Mein Arzt, Doktor Hartwig, hat mich geradezu gezwungen, der Luft und des Wassers wegen hier herauszugehen."
„Zum Teufel auch. Dir fehlt doch mchts Ernstliches?"
„Nun ja! Mein Rücken ist nicht so ganz m Ordnung."
„Dann wollen wir Dir den Kadaver schon tn Ordnung bringen, wenn Du Dich nur eine Zeitlang ruhig bet uns niederlassen willst."
Sein Blick haftete an einenr englischen Kupferstich, der, wie . er wußte, aus dem Nachlaß des früheren Predigers gekauft war: eine Wiedergabe von Ludovico Caraccis Gemälde „Tie heilige Elisabeth mit dem Totenkvpf". Der Anblick des hohläugigen Totenkopfesj berührte ihn unangenehm.
„Nimm Dir eine Pfeife", rief Thomas, der ins Schlafzimmer gegangen war, um sich ein wenig zurecht zu machen. „Und eine Flasche Bier, das vergaß ich ja wahrlich ganz." Er kam mit aufgestreiften Hemdärmeln, weiße Schaumflocken an den Armen, heveingestürzt.
„Ich danke, Thomas! Kann ich nicht lieber ein wenig Milch bekommen?"
„Milch? Nun ja, wie Du willst. Heda! Ihr dal draußen, Trine, Stine, oder wie ihr heißt, etwas Milch!"- ries er zur Küchenthür hinaus, und ging dann wieder! an sein Waschbecken.
Böje bemerkte ihr verstörtes Aussehen und fragte sich, was nur der Grund sein könne. Ach, das Hano- !tehen tuch war wohl schuld daran!. Sie hatte übrigenA wirklich hübsch ausgesehen, als sie tn dre Tlchr getreten war mit dem dunklen, vollen Haar, unrschlvss eri v on
Durch einen mehlbestäubten Laden mit Kisten und Brotborden gelangten sie ins Wohnzimmer, das im herrlichsten Sommerlicht erglänzte, mit schwachen, zitternden Schatten von dem Laub der Bäume, die draußen von den Fenstern standen. Ueber dem Tische hing ein siebenarmiger Kronleuchter mit Glasprismen, die regenbogenfarbige Lichtflecke ringsumher über die roten Wandflächen entsandten. Unter dem einen Fenster stand ein niedriger Fenstertritt mit Stuhl und Nähtisch. Ein Netz von Epheu breitete sich über die Wand zwischen den Fenstern und bildete einen breiten, dunkelgrünen Rahmen um eine auf einer Konsole stehende marmorne Tafeluhr.
Böje stutzte. „Wie hübsch es hier geworden ist!"
„Ja, nicht wahr? Aber ist auch fast alles neu. Man muß es ein wenig gemütlich machen, wenn man seine junge Frau heimführen will. Setz Dich nun wieder und ruh Dich aus!"
Eine alte, große, starke Frau mit glattanlingender Nachtmütze und Binsenschuhen kam aus der Küche gewatschelt, an einer Käsekruste oder etwas Aehnlichem
In demselben Augenblick, in dem er sich entfernt hatte, erhob sich Böje mit einem ehrfurchtsvollen Gruß, denn in der Eingangsthür ward ein junges Mädchen mit einem blauen Tuch über dem Kopf sichtbar.
Frisch und strahlend wie ein von Exner gemaltes Bauernmädchen stand sie einige Sekunden lang da, und sah ihn an. Da wurde ihr Antlitz plötzlich bleich, bis es gleich daraus eine brennende Röte bedeckte.
„Herr Böje! Ich habe mich so — ach, ich bin fv
heiß von dem schnellen Gehen."
Er begrüßte sie, und gab seiner Freude Ausdruck, daß sie sich seiner noch erinnere.
„Bist Du es, mein Schnutechen?" ertönte es aus dem Schlafzimmer wie aus einem Sack heraus, und tn der Thür erschien der Müller mit großeir strahlenden Augen, sich den Bart nrit dem Handtuch reibend, wahrend ihm die roten Locken zu Berge standen. „Ja, ist es nicht famos, daß--Aber was hast Du nur? Du bist
wohl um die Wette gelaufen? Ha, ha, ha! Setze Dich doch ein wenig, Kind ! Wie das blaue Tuch sie kleidet, nicht wahr, Böje?"
Er kam zu ihnen herein.
„Und denk nur, dieser verwöhnte Kopenhagener will uns einfachen Landleuten die Ehre erweisen, sein Zelt hier bei uns aufzuschlagen, und eine Zeitlang bet uns zu wohnen. , ,,
„Ah!" erwiderte sie ein wemg unstcher; sie htelt
... .das Ganze für einen Scherz. , ,
kauend. I siel der Gast ein, „ich schäme mtch wirklich
Böje ging auf sie zu, ergriff ihre Hand und schrte ihr Bet r0 ungebetener Gast ins Haus zu fallen." in die Ohren: „Guten Tag, Madame Rabe! Kennen Sre | „Unsinn! Laß uns nur um Gottes willen natur- mich noch?" j uck 'fein’"
Sie zwinkerte mit den Augenlidern und kaute an threr I ’ £.ie abwechselnd den Gast und ihren Verlobten Kruste weiter. - an und wußte nicht, was sie sagen sollte.
„Nicht wahr, Mutter, Du siehst, daß er etn reisender I cv„ fürchte, daß mein Besuch Muhe ver-i
Handwerksbursche ist!" brüllte ihr Thomas zu. I ^sacht." '
Sie lächelte und gab ihm einen Puff mit dem Ell- I „Ach das — Thomas, steh doch nicht mit dem
bogen. I schmutzigen Handtuch da."
„Ich bin doch früher schon einmal hier gewesen", fuhr I Helene zog Thomas ins Schlafzimmer und schloß Böje fort zu rufen. , ,r die Thür. Sie war wieder ganz bleich geworden.
Im selben Augenblick machte sie eine Bewegung nnt Thomas das geht nicht! Du mußt netn sagen." der Hand, um zu erkennen zu geben, daß sie jetzt Bescheid für ein Unsinn ist das nur!"
"Ja, es geht nicht; auf keinen Fall; ich kann nicht
0l> damit fertig werden, hier ist kein Platz; ich wußte mcht, -u. I wo wir ihn einguartieren sollten."
v1^ I Mir haben ja das Fremdenzimmer, Kind!
"Im Fremdenzimmer liegt all die Wolle ausgebreitet, und außerdem—"
„Tann wird die Wolle fortgefchafft.
.... „Nein, das geschieht nicht, Thomas!
er ihr in die Rede. f .. „ I Mädchen, das die Milch gebracht hatte, öffnete
„Na ja — ia, das wird sich schon machen lassen. | .. Scklafstubenthür um sich Bescheid über eine Kuchen- Ter Gast nickte dankbar. Er, hatte übrigens nur ° zu holem Tas Fräulein ging mit iHv
wit halbem Ohr gehört, wovon die Rede war, denn er Mb^genh t L schnell sie nur konnte, durchs war ganz versunken gewesen in den Anblick des fett- Anaus etiie , l i glänzenden Kleides, das die alte Frau anhatte. Angenehm Wohnzimmer.
anzuschauen war sie ja gerade nicht, aber er wußte, '1,‘> pr daß sie eine gute alte Person war, die für sich selber sorgte, und Dei«.« einziger Lebenszweck darin zu bestehen schien, daß sie die allen KÄse- und Brotkrusten gewissen-
haft ™ sfch freundlich nickend entfernt hatte, I dem hellblauen Rahmen, den das Tuch dsldew.. Sonst lieh sich Böje in einen Scharkelstuhl sinken, der dicht war sie ja eigentlich keine Schönheit dreStiimw neben ihm stand. I zu niedrig und die Züge zn grob. Das. einzig Schone


