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Samstag den 5. Juli.
as Erste sei, daß man der Welt sich freue,
'? Sich vor dm andern froh empfinden lerne,
* In stiller Nähe wie in bunter Ferne
DaS Alte frisch genieße wie das Neue!
Doch schass' dir auch ein Herz voll stolzer Treue,
Eins in sich selbst und seinem tiefsten Kerne: Der Freie traut durch Wolken seinem Sterne — Das Brandmal aller Sklaven ist die Reue!
Otto Erich Hartleben.
(Nachdruck verboten.)
Manneswert.
Roman von Marie Stahl.
(Fortsetzung.)
„Traute, liebes Herz, beruhige Dich, für Dich steht die Sache gar nicht schlimm. Du mußt es nicht so tragisch nehmen, das ist alles schon unzählige Mal dagewesen. Aber ich muß fast lachen, daß Du Hilfe von mir erwartest. Ich wollte, es pumpte mir jemand das Doppelte von der Summe, die Dein Vater braucht. Deines Vaters Schulden sind Waisenknaben gegen die meinen. Der einzige Unterschied zwilchen uns ist, daß ich im Hintergrund das Majorat und Tante Camillas Million habe. Daraufhin darf man allerdings sündigen, aber weiter nützt es mir zur Zeit noch nichts. Und ich sage Dir, es giebt Zeiten, wo mir selbst daraufhin kein Wucherer mehr pumpen will. Das bare Geld ist rar in der Welt. Meinem Alten darf ich mit nichts mehr kommen. Er giebt mir keinen Pfennig mehr als die Zulage. Er hat selbst enorme Verluste an bett Revenuen seines Grundbesitzes gehabt. Der Rennstall ist bereits zur Hälfte reduziert, und meine arme Mutter mußte sich ihren Herzenswunsch, eine eigene Yacht zu besitzen, immer noch versagen. Dazu mußte eine meiner Schwestern, die sich nach Ungarn verheiratete, ausgestattet werden. Es ist entsetzlich, wie mich meine Familie, unter den obwaltenden Umständen, zur Heirat mit Lori Trachen- berg drängt, aber die Lori hat immer noch eine Stumpfnase, und ihre großen Füße sind nicht kleiner geworden. Ich denke nicht an Heiraten."
Traute schwieg, und starrte vor sich hin. Sie steht nicht mehr den Sonnenschein und den Goldglanz um sich her, der von alten Pfeilern und Spiegeln strahlt, sie steht in ein ödes, dunkles Nichts. Der Mann, den sie liebte, und auf den sie hoffte, kann sie nicht schützen, sein Arm ist zu schwach. Er steht in der blühenden Vollkraft des . Lebens, aber er kann nicht arbeiten, er kann nur genießen, er kann niemand helfen, er kann nur Geld vergeuden. Er will sie jetzt mit Liebkosungen trösten, aber sie ist seltsam
tot und leblos. Sie sagt, daß sie mit dem nächsten ZugH weiter nach Brantikow fahren müsse. Auf seine Frage erklärt sie den Grund. Er will nichts davon wissen. Das solle sie ihrem Vater überlassen, er ist empört, daß sie zu dem „Schnapsfabrikanten" mit einer solchen Bitte gehen will. Gr habe sich so daraus gefreut, einige Tage mit ihr zu verleben. Er wollte jetzt gleich Logis für stet in einer ihm bekannten, sehr guten Fannlienpension in der Friedrichstraße nehmen, und dann mit ihr in den Ausstellungspark fahren. Morgen, sobald er vom Dienst: abkommen könne, würde er sie zu einer Spazierfahrt durch den Tiergarten abholen, sie könnten dann irgendwo im Freien Mittag essen, nachmittags zum Konzert in den Zoologischen Garten, und abends in die Oper gehen. Nachher bei Dreisel soupieren. Ach, wie verlockend klang das alles, aber Traute schüttelte traurig den Kops. Gr wurde dringender, stürmischer. Er zog die Widerstrebende mit Gewalt an sein Herz.
„Traute — bleib bei mir — bleib! — Süßes Lieb!"> Wie er schmeicheln und flehen konnte! Wie schön er war, der große, prächtige Mann in dieser zärtltchen Liebesglut! Und wenn sie bliebe? Ach, nur einmal glücklich sein, einmal an dem vollen Becher des Glücks schlürfens Nur einmal den quälenden Durst stillen! Aber dann — was dann? Sie hat beide Hände auf seine Schulter gelegt, und sie sieht ihn starren Blickes att. Er liest bett Kampf in ihren Zügen, und verdoppelt sein Flehen.
„Nein, nein — ich muß fort! Ich habe keinen Augenblick Ruhe, ehe ich nicht alles versuchte, meinem Vater zu helfen!" stieß sie fast heiser hervor.
Er sah entmutigt aus. „Wenn es denn sein mußj, so bleib auf dem Rückiveg ein paar Tage hier", sagte er ruhiger. „Wenn es denn sein muß, daß das Weib, das ich liebe, in Armut und Elend geht — wenn es denn sein muß, daß es sich vor einem anderen Manne demütigt — bantt wollen wir uns wenigstens dabei so gut wie möglich amüsieren", sagt der glänzende, vornehme Mann an ihrer Seite. Traute hatte eine Empfindung, als wäre die Sonne erloschen, als hätte sich das heitere, bunte Bild um sie her in öde Finsternis verwandelt. Und sie steht allein — verloren in Nacht und Grauen.
„Ja, es muß sein, und ich kann nichts versprechen, ehe ich nicht den Erfolg weiß", entgegnet sie, ttnb blickt müde ins Leere.
Stauffen will sie trösten, uttb aufheitern. Er erzählt wieder lustige Geschichten, und aus allen seinen Erzählungen lacht sein heiteres, üppiges Leben, und schimmert der Glanz 'einer Gesellschaftskreise. Traute weiß plötzlich ganz genau, sie wird nie in diesen Kreisen neben ihm stehen. Die Unterhaltung wird endlich einsilbig, Traute kann nicht sprechen, es ist, als drücke ihr eine eiskalte Hand die Kehle zusammen, und in ihrem Hirn ist eine entsetzliche Leere. — Und dann kam der Abschied. Sie fuhren zusammen zum Bahnhof. Wortlos saß Traute neben Catnill, während er mit guten


