Ausgabe 
2.6.1902
 
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(Nachdruck verboten.)

Die Möve.

Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen- Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen

von Mathilde Mann.

(Schluß.)

Es ist nicht mehr so, wie es gewesen", erwiderte er, als Thomas das Gespräch auf die unruhigen Zeiten in der Hauptstadt brachte.Tas Ganze war nur eine künstliche Aufwallung. Was macht sich der Kopenhagener aus dem Wohl der Menschheit, wenn er nur sein Theater und sein Tingel-Tangel hat? Es giebt in der ganzen Hauptstadt nicht zehn.Menschen, die das Zeug haben, eine vernünftige Opposition aufrecht zu halten."

Der Redakteur verzog den Mund zu einem schadenfrohen Lächeln.

Es mag ganz gut sein", antwortete Thomas,daß die Leute ein wenig ruhiger geworden sind."

Ach, ja das ist alles recht gut! Ruhe und Frieden ; Langeweile hienieden! Tie Langeweile verlängert das Leben. "Aber offen gestanden, ich habe so erschrecklich wenig Lust, über unsere teure Hauptstadt zu reden. Erzählen Sie mir ein wenig vom Landleben, von der Natur. Es ist wvhl- thuend, -.unter den großen, offenen, ehrlichen Himmel zu kommen und alle diese gesunden Bauerngesichter auf den Wegen und Feldern zu sehen. Ach, wäre ich doch ein Land- mann!"

Thomas mußte sich verabschieden, da er in der Mühle nicht länger entbehrt werden konnte.

Während Rudolf mit Helene und ihrem Water beim Essen saß, begann er von den harten Schickungen zu reden, die Helene und Boje während der letzten Jahre durchgemacht hatten.

Es hat mir hinterher oft so leid gethän, daß ich Boje keinen Trost und keine Stütze sein konnte."

Sie waren uns ja eine große Stütze. Das habe ich nicht vergessen!"

Ja nein! Ich fiihlte sehr wohl, wie mich Böje von sich schob; es that mir ost sehr leid."

Ihre Ansichten waren zu verschieden."

Ja, ich wundere mich auch im Grunde gar nicht darüber, es thut mir nur sehr leid."

Böje war sonst in der letzten Zeit so liebevoll ge­stimmt."

Böje war trotz seiner Krankheit und seines Mißgeschickes ein glücklicher Mann/<

Montag dm 2. Juni.

Nr. 8-L

1902.

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WZas nicht tief wurzelt, wipfelt auch nicht hoch.

Sprichwort.

Die Zeit kam, da Rudolf sich verabschieden mußte.

Frau Böje, hätten Sie nicht Lust, mich eine Strecke Weges zu begleiten?"

Ja, das thue ich gern. Wir können ja die Kinder mit­nehmen."

Ob die nicht lieber zu Hause bleiben?"

Was denken Sie nur? Me freuen sich wie die jungen Hunde, wenn es ausgeht!"

Sie gingen langsam den Weg entlang.

Sie haben keine Ahnung, wie ich Sie und Böje ent­behre."

Entbehren Sie mich wirkliche?"

Ja, Sie am meisten."

Und wir zankten uns doch beständig."

Ja, aber es war Inhalt in unfern Zänkereien. Ich habe niemand mehr, mit dem ich so reden kann. Offen gestanden ich, ich bedarf des Verkehrs. Sie ziehen wohl nicht wieder in die Hauptstadt?"

Nein, das thue ich nicht."

Tas dachte ich mir. Sie haben wohl nicht eine einzige Menschenseele in Kopenhagen, die Ihnen nahe steht? Ich meine so wirklich nahe?"

Nein höchstens eine alte Schusterswitwe."

Madame Hansen?"

Ja; sonst wüßte ich niemand; Sie brauche ich ja natür­lich nicht zu nennen."

Wie meinen Sie das?"

Ich meine Sie gehörten ja zu unserm nächsten Verkehr."

Hm Verkehr. Ja, ich verkehrte viel bei Ihnen."

Helene blieb steheti und blickte nach dem Dorf zurück.

Glauben Sie nicht, Frau Böje, daß ich hier außen irgend eine Beschäftigung finden könnte?"

Das ist wohl sehr schwer."

Könnte man fid) nicht im Frühling irgendwo eiumieteu und den Versuch machen, von litterarischen Arbeiten zu leben? Sie haben mir erzählt, wie Böje sich hier einen Sommer aufhielt und so gesund und glücklich wurde."

Ich glaube nicht, daß Sie hier glücklich würden!"

Er sah mit einem eigenartig schwermütigen Blick zu ihr auf:Nein, das würde ich wohl nicht."

Versuchen Sie doch, sich Zutritt zu irgend einer guten Häuslichkeit in der Stadt zu verschaffen. Oder könnten Sie nicht eine gute Frau finden, die Ihnen selber eine glück­liche Häuslichkeit zu schaffen verstünde?"

Er schüttelte den Kopf.

Sie sollen sehen, Rudolf, es kommen auch für Sie noch gute Zeiten!"

Sie ergriff seine Hand und dankte ihm noch einmal herz­lich für das Bild. Das würde sie ihm niemals vergessen, sagte sie. < ,

Tann habe ich doch eine große Freuds an der ich in Zukunft zehren kann. Haben Sie Tank, daß Sie mich s».