Ausgabe 
2.5.1902
 
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sein und bunt durcheinander fragen:Wollen die Liberalen dem König wirklich verwehren, seine Minister zu wählen? --Wer war es, der sagte, daß die Frauen Stimmrecht haben sollten?" Darf ein Prediger wirklich das Abend­mahl verweigern, wenn man nicht konfirmiert ist?"

Sie staunte bei der Entdeckung, daß sich hinter der lächelnden Oberfläche des Großstadtlebens eine Unendlich­keit von kleinen Vulkanen barg, die an allen Ecken und Kanten hervorzubrechen drohten.

Die Erörterung der neuen Gedanken der Zeit, be­sonders derjenigen, die mit dem Bedürfnis nach kirchlicher Freiheit in Zusammenhang standen, gehörte zur Tages­ordnung in ihrem Heim. Böje, der eine große geistige Ge­schmeidigkeit und eine glückliche Gabe besaß, seinen Gedanken in einem fließenden Wortstrom Ausdruck zu verleihen, wurde in mancher Hinsicht eun Leiter und Wecker für sie; aber sie wurde ganz ängstlich, als sie entdeckte, tote modern er geworden war.

Sie verhehlte es ihm nicht, wie sehr sie gegen all diese summende Fretheitsbewegung war, er aber suchte sie zu über­zeugen, wie notwendig die starken geistigen Strömungen für ein Volk seien.

Eine Frage konnte ihre Fäden in d,ie andere schlingen, wodurch die Unterhaltungen ein Leben gewannen, das wie Feuer auf ihren Sinn wirkte. Er konnte so warm, so- überzeugend reden über das Bedürfnis der Zeit, sich in bürgerlicher wie in kirchlicher Beziehung von dem Druck Jahrhunderte alter Formen zu befreien, sie fand, daß so viel Gesundes in seinen Ansichten liege, und konnte schließ­lich nicht umhin, zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß viele von den neuen Gedanken der Zeit Lebenskraft in sich entfalten müßten.

Oft konnte sie ihre Flügel erheben mit einem Ver­langen, sich in eine andere Luft emporzuschwingen, als sie sie während ihres Heranwachsens und in ihrer Jugend eingesogen hatte; aber es war merkwürdig eine un­erklärliche Unruhe lauerte in ihr und verlieh der Span­nung in ihrem Gemüt häufig einen Zusatz von Schmerz. Es gab Tage, wo sie umhergeben und sich halb krank fühlen konnte, wie ein Vogel in der Mauserzeit.

Im Hause aber war sie ganz die Alte. Mit einem eigenen, tief empfundenen Gefühl des Glückes konnte sie allein in ihren Zimmern umhergehen und die frisch geputzte Einrichtung betrachten, die feinen gehäkelten Decken, die Blumenfülle, mit strahlenden Augen rief sie dann aus: Dies ist mein Heim!"

Wie merkwürdig war es doch im Grunde mit dieser Einrichtung, die vielleicht sehr verschiedenen Familien gehört hatte und möglicherweise zehnmal unterm Hammer ge­wesen war! Wie rnteressant würde es sein, die Geschichte aller dieser ungleichartigen Gegenstände zu hören von dem Tage ihrer Entstehung his zu der Stunde, da sie in diese Zimmer gebracht wurden! Wenn sie allein mit ihrem Strickzeug in der Dämmerung saß, glitten ihre Augen von dem einen Möbel zum andern hinüber und ließen die Phantasie den Vorhang von ihren Erlebnissen zurückrollen. Der Säulentisch dort mit den geschnitzten Löwenfüßen und den feinen Knotenleisten stand plötzlich in einem glänzenden Saal, einer Ministerwohnung, schwer beladen mit silbernen Theebrettern und feinem Sävresporzellan. Der Spiegel mtt dem reichgeschnitzten Rahmen hing auf einer Gold­ledertapete und warf das Bild eines jungen, errötenden Edelfräuleins und ihres heimlichen Anbeters zurück, der die Einsamkeit des Augenblicks benützte, um sie in seine Arme zu schließen. Die Stühle, die von geringerer Herkunft waren, wurden in eine einfache Handwerkerwohnung ver­setzt, wo sie unter dem Gewicht müder Körper ächzten und stille Seufzer nach Brot und Feuerung hörten. Gleichviel, jetzt gehörte das alles zu einem Heim, es war unter jenem geheimnisvollen Zauber gesammelt und geordnet, der einer Häuslichkeit ihre gemütliche Stimmung verleiht.

(Fortsetzung folgt.)

Sonderbares Verschwinden.

Nach Tit-Bits.

(Nachdruck verboten.)

Ich stand in der grünen, unbeschnittenen Hecke und suchte zwischen den Bäumen hindurch einen Blick auf das alte Landhaus gegenüber zu gewinnen. Plötzlich hörte ich

meinen Namen rufen; ich wandte mich um und stand meinem alten Freunde, dem Detektiv Ridley, gegenüber.

Liegt Ihnen daran, das Haus näher in Augenschein zu nehmen?" fragte er mich.Ich will dort bet den Be-, wohnern vorsprechen."

Ich bin bereit, Sie zu begleiten; offenbar wollen Sie mich wieder mit einem interessanten Fall bekannt machen. Sie wissen, einem Journalisten find derartige Informationen immer willkommen."

Jawohl", sagte er, während wir die Straße hinunter­gingen. Ein Herr Namens Wilkinson wohnt oder wohnte vielmehr in dem Hause, aber er verlieh es am Dienstag­abend und ist seitdem nicht zurückgekehrt. Sein Verschwin­den ist ganz merkwürdig. Es fehlt jede Spur von ihm."

Vielleicht liegt ein Selbstmord vor?"

Wilkinson ist nicht der Mann dazu; vor einiger Zeit nahm er an einer Jagd in den Wäldern des Sir George Bannister teil und wurde dabei wie seine Frau mix erzählt mit dem Eigentümer jenes Hauses bekannt. Dieser Herr, Namens Ganson, faßte ein starkes Interesse an Wilkinson. Dieser hat nämlich einige äußerst wertvolle Erfindungen gemacht, und Herr Ganson erbot sich, das Unternehmen zu finanzieren, ein Anerbieten, welches mit Dank angenommen wurde. Der Erfinder war nicht gerade reich: um seinem Protektor jedoch nahe zu sein, mietete er ein kleines Landhaus nicht weit von hier, doch soll er sich meist im Hause des Herrn Ganson aufgehalten haben.

Am letzten Dienstag empfing Wilkinson mit der Post einen Brief, in dem er zu einem Rendezvous von einer mit A. B. unterzeichneten Person aufgefördert wurde. Er ging aus, vermutlich zu dem Rendezvous, und kehrte nicht zurück. Am Mittwoch morgen fragte Frau Wilkinson bet Hern: Ganson an, ob er etivas über den Verbleib ihres Gatten wisse, aber er erklärte, nichts zu wissen, und schien selbst sehr besorgt, und das ist sehr begreiflich, da ex bereits einen großen Teil seines Kapitals auf die Erfind­ungen des Ingenieurs verwandt hatte.

Wir kamen an Gansons Haus und zogen die Glocke.- Sofort wurde die Thür geöffnet, wir traten ein und be­fanden uns einen Moment später Ganson gegenüber. Er war von mittlerer Größe, hatte ein intelligentes Gesicht und angenehme Manieren.

Die Sache beschäftigt mich unaufhörlich", sagte er, als mein Freund den Zweck seines Kommens erwähnt hatte. Ich habe keine Ahnung, wo Wilkinson geblieben sein mag. Hat seine Frau Ihnen schon von seinem neuen Motor erzählt? Ich habe eine große Summe dafür ausgegeben, und weiß nicht das geringste über das System. Er allein kennt das Geheimnis."

Dann ist also, wenn er verschollen bleibt, die Er­findung sowohl als das Geld verloren?" fragte Ridley.

Jawohl, und Sie können sich meine Angst vorstellen. Ich freue mich, daß Frau Wilkinson Sie hat rufen lassen. Wenn Sie irgendwelche Fragen an mich zu stellen haben, so stehe ich Ihnen zu Diensten."

Mar Wilkinson am Dienstag abend hier?"

Nein, er war seit Montag nicht hier."

Erzählte Ihnen Frau Wilkinson, warum er an jenem Abend aus ging?"

Ich denke, er hatte einen Brief bekommen."

Von einem Manne, der sich mit A. B- unterzeichnet hatte. Kennen Sie jemand, auf den die Initialen passen?"

Ganson zögerte.Ich habe nur eine vage Idee", murmelte er, und Ridley schaute ihn begierig an.Sie verstehen, daß ich keinen Unschuldigen verdächtigen will", sagte er, aber die Initialen stimmen. Wilkinson hatte, wie Sie wissen, seine Hauptwerkstatt hier und kam jeden Tag hierher. Vor etwa zwei Monaten erzählte er mir, daß ein anderer Mann von der Idee, an der er arbeitet, gehört und ihm angeboten hätte, die Erfindung zu finanzieren, wenn er die Partnerschaft mit mir lösen wollte. Das Anerbieten wurde natürlich abgelehnt, aber Birrel wiederholte seinen Vorschlag, und als er schärfer abgewiesen wurde, erklärte er, er würde das Geheimnis durch erlaubte oder verbotene Mittel zu erlangen suchen. Ich hielt dies für estne leere Drohung, aber vielleicht steht der Vorgang doch in einem gewissen Zusammenhang mit der Affaire."

Wer ist dieser Birrel?" fragte der Detektiv ge­dankenvoll.