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hatten sich in ihre grauen Wolkenschleier eingehüllt. Bis tief an den Berglehnen hinunter wallten und wogten die weißlichen Nebel. Alle Farbe und Fröhlichkeit schien aus der gestern noch so herrlich prangenden Landschaft verschwunden.
Und wie er so in die trübe Melancholie des Regentages hinausstarrte, fühlte sich Rudolf mehr und mehr von einem tiefen, schmerzlichen Mitleid mit dem armen jungen Wesen bewegt, das da oben vergeblich auf ihn warten sollte.
Deutlich glaubte er sie vor sich zu sehen zwischen den kalten, nassen Felsen, im fahlen, undurchdringlichen Nebel, tote _ sie Viertelstunde auf Viertelstunde mit angstvoll klopfendem Herzen und in zitternder Spannung in die Einsamkeit hinaushorchte auf jeden Laut, der die Annäherung eines menschlichen Fußes zu verraten schien. Und es schnürte ihm die Brust zusammen, als er sich vorstellte, wie sie dann endlich enttäuscht und verzweifelt in Regen und Dunkelheit wieder hinabsteigen würde ins Thal, von bitterer Verachtung erfüllt gegen den Mann, der ihr gestern in heißen Worten von seiner leidenschaftlichen Sehnsucht nach ihr gesprochen hatte, während er heute taub gebliebeu war sür ihr Flehen, für den qualerpreßten Aufschrei ihres armen, hilflosen, gefolterten Herzens.
Nein, so sollte es nicht sein! Er konnte ihr nicht helfen, konnte das Schreckliche nicht von ihr abwenden, das des Schicksals unerbittlicher Ratschluß, nicht sein Wille über sie heraufbeschworen, aber er brauchte sie darum noch nicht irre werden zu lassen an seiner Menschlichkeit, und an seiner innigen Teilnahme. Nicht die Schande ihres Vaters, aber die Pein des nutzlosen Wartens wenigstens durfte er ihr ersparen. Und es mußte wahrhaftig traurig um ihn bestellt sein, wenn er trotz des klaren Bewußtseins seiner Pflicht der Versuchung unterlag, dte ihre Augen, ihre Stimme, ihre ganze holde Person bisher für ihn bedeutet hatten.
Als gegen sechs Uhr von dem Turme des Ktrch- leins die Abendglocke ertönte, befand er sich bereits auf dem Wege. Und es war gut, daß er so frühzeitig aufgebrochen war; denn die Nebel, die immer dichter und tiefer niedersanken, gestatteten nur ein langsames Steigen auf dem von der Nässe glatt und schlüpfrig gewordenen Gestein.
(Fortsetzung folgt.)
Aus dem Soumuaufgangs-Lande.
Von Wilh. F. Brand.
Nachdruck verboten.
Wunderliche Gegensätze. — Eröffnung des Landes. — „Nicht die Ausländer, sondern wir sind die Barbaren". — Nippon. — Aelteste Dynastie der Welt. — Kaiserin Jingu Kogo. — Tie Schogune. — Frühere Verbindungen mit der Außenwelt. — Deutscher Einfluß. — Moderne Staatsverfassung.
Das „Land der ausgehenden Sonne" zieht in tägliche erhöhtem Maße die Aufmerksamkeit des Westens auf sich, in Sachen der Politik nicht minder, als in Bezug auf Handel und Industrie, ganz vornehmlich aber auch als das begehrliche Ziel des Vergnügungsreisenden und Forschers.
. Und ist das Land nun wirklich! so wunderschön? Sind seine Bewohner so ungewöhnlich anziehend? ' Ich kann beides nur bejahend beantworten, wenn ich! auch! nicht umhin kann, hinzuzufügen: Es wäre doch wohl besser gewesen, wenn die schwärmerische Verhimmelung, welche ^apan von mancher Seite erfahren, sich in etwas engeren Grenzen gehalten hätte!
Allein was wir auch hier und da mögen auszusetzen haben, das interessanteste Land bleibt es für den europäischen Reisenden wohl immerhin, dieses von der Natur so reich gesegnete Land zweier gleichzeitig nebeneinander und im Kampfe miteinander einherziehenden verschiedenen Kulturepochen und der daraus immerfort uns entgegenstarrenden Gegensätze, wo der Fernsprecher bereits in so vielen Häusern angelegt, deren Fensterscheiben noch aus Papier sind, wo längst der allgemeine Schnlunterricht ein- gesührt und Tempel mit den ersch-reckendsten Götzenbildern
an allen Ecken sich uns darbieten, wo das Rauchen allgemein — auch! für Damen — als durchaus schicklich erachtet wird, jegliches Küssen aber für unanständig gelt, wo man aus Reinlichkeitsrücksichten beim Eintritt ins Haus die Schuhe ablegt und die Speisen mit Holzstäbchen zum Munde führt, wo eine konstitutionelle Regierung eingesetzt und die Eltern ihre kaum zur Jungfrau herangereisten Töchter in die — Joschiwara verkaufen, wo — ja, wo Nacht und Tag nebeneinander herrschen, das Land, wo die iHinne aufgehen mag, ja schon aufgegangen ist, aber nur erst auf die Höhen ihre Strahlen entsendet, wo in den Niederungen aber noch eine wunderliche Dämmerung herrscht.
Freilich ist es noch früh am Morgen. Es ist noch nicht ein halbes Jahrhundert, daß die Sonne — die Sonne einer neuen Kultur — und zwar gleichfalls von Osten her sich zeigte, aber dann vom fernen Westen ihre besonders nährenden und erwärmenden Strahlen aussandte. Erst 1854 erzwang eine amerikanische Flotte die Eröffnung des Landes für die Außenwelt, und nun beeilten sich auch die europäischen Staaten, sich Eingang in das Land zu verschossen. Diese beinahe gänzliche Abgeschlossenheit von der Welt erscheint um jo befremdender, als doch dort auch! bis dahin eine gewisse, in mancher Hinsicht sogar ziemlich^ entwickelte Kultur geherrscht hat, wenn auch« die noch 1865 nach Europa geschickte Gesandtschaft selbst mit dem offenen Urteil zurückkam: „Nicht die Ausländer, sondern wir sind die Barbaren."
Das Wort Japan, das von dem chinesischen Dfchipon abzuleiten ist und in der Sprache des Landes Nippon heißt, bedeuket „Reich, des Ursprunges der Sonne". Vom chinesischen Standpunkte aus lag ja diese Auffassung auch nahe genug, und aus dieser hat sich wieder die japanische Sage hergeleitet, daß von Amaterasu, der Göttin der Sonne, das Haus des Mikado abstamme, das, von Jimmo Tenno 660 v. Ehr. begründet, in ununterbrochener Reihenfolge bis auf den heutigen Tag den Thron des Landes innegehabt hat, demnach, also die älteste Dynastie der Welt wäre.
Doch kommt dabei zunächst in Betracht, daß der Mikado neben der einen Hauptgemahlin auch noch ein Dutzend Gattinnen — und auch dabei wird wohl nicht genau gezählt — nebenher haben kann, deren Kinder im Falle der Kinderlosigkeit der Hauptgemahlin auch erbfolgeberechtigt sind. Ferner überliefern uns die japanischen Historiker solche eigenartige Geschichten, wie die von der heldenmütigen Kaiserin Jingu Kogo, deren Gemahl einen Kriegszug gegen Korea ausrüstete, vor dem Ausmarsch aber starb. Nun übernahm die Kaiserin in der Rüstung ihres Gatten selbst den Oberbefehl. Sie fühlte sich indessen auch Mutter. Das war uun für die Erbfolge ja recht erfreulich, aber in einem Augenblick, wo es galt, über das Meer in den Krieg zu ziehen, doch etwas lästig. Da kam ihr die Ahnmutter des Hauses, die Sonnengöttin Amaterasu, zu Hilfe, übergab ihr ein Wunder wirkendes Steinchen und gebot ihr, dasselbe in ihren Gürtel zu thun und diesen eng um den Leib zu schnüren. Auf diese Weise gelang es, die Geburt des Kindes bis nach! ihrer siegreichen Rückkehr aus Korea zu verschieben, und volle drei Jahre nach dem Tode ihres Gatten gebar sie einen Sohn. Der Stein wird noch! heute gezeigt, aber wohl nicht mehr benutzt. Mit Hilfe solcher Mittel lassen sich allerdings unschwer Dynastien aufrecht erhalten.
Neben der Gewaltherrschaft des Mikado entwickelte sich im Laufe der Zeit eiu stark ausgeprägter Feudalismus, und gegen Ende des 12. Jahrhunderts hätte einer der Großen des Landes, Doritomo, thatsächlich alle Gewalt an sich, gerissen und regierte das Land unter dem Titel Scho- gun, während der Mikado, „vor lauter Heiligkeit zur Puppe herabgesunken", in einer „goldenen Gefangenschaft" gehalten wurde, viel zu heilig, als daß er sich um Regierungs-Geschäfte kümmern durfte. Das Schogunat erbte vom Vater auf den Sohn fort und wurde dann im Laufe der Zeit von verschiedenen anderen Familien an sich gerissen; und dieses Dualsystem der Regierung dauerte bis 1868 ort, wo das Schogunat, durch innere Zwistigkeiten bereits untergraben, durch, das Eindringen fremden Einflusses vollends gebrochen wurde. Der Mikado war wieder Alleinherrscher.


