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Herren stiegen ein, das Pferd war gut, Und iU raschem Trabe ging cs durch die Straßen Berlins.
Seit Eitel Fritz vom Urlaub zurückgekehrt war, hatte sich eine auffallende Veränderung seines Wesens vollzogen. Aus dem lebensfrohen jungen Offizier, der der Liebling der Gesellschaft und seiner Kameraden gewesen, war ein ernster, stiller Mann geworden, der nur gezwungen die Gesellschaften aufsuchte und amch im Kreise seiner Kameraden ein seltener Gast war. Um nicht unliebsam durch seine Vorliebe für die Einsamkeit aufzufallen und um den Verkauf seiner Rennpferde zu motivieren, hatte er sich bei seinem Kommandeur zum Examen für die Kriegs-Akademie gemeldet. Er bereitete sich in der That auch auf dieses Examen vor, aber die rechte Freude an der Arbeit fand er, nicht; der Schmerz um sein verlorenes Lebensglück, die Sorge um die Zukunft der Seinen lagen wie ein Alb aus ihm und ließen ihn nicht fKoIj aufatmen. Die Eröffnungen seines Vaters halten ihm den Himmel seiner Hoffnungen herabgestürzt, und wie er auch sann und grübelte, er sand keinen Ausweg. Schon oft hatte er sich vorgenommen, an Else und ihren Vater zu schreiben, ihnen hoffen alles, was ihn bewegte, darzulegen, aber ein ge- fvisses Schamgefühl hielt ihn zurück. Was sollte es auch chutzen? Der Inspektor Breymann konnte ihm nicht helfen und Else hätte er nur vergeblichen Schmerz bereitet.
So ließ er denn alles gehen, tote es gehen wollte. Mur zu dem einen festen Entschluß war er gekommeu, was M ihm lag, §tt thun, um seinem Vater nicht noch neue Lasten aufzubürden. Er liquidierte seine Vergangenheit als ileichtlebiger Offizier und passionierter Sportsman, mied ;bie Rennbahn, verkaufte seine Rennpferde, entließ seinen Bereiter und lebte als einfacher Offizier, der mit treuer Hingebung seine Menstpflichten erfüllte. Die Vorgesetzten ^bemerkten wohl die Veränderung, welche mit ihm vorgegangen war, aber sie waren nicht unzufrieden darüber, sondern schätzten ihn nur noch höher, der so fest entschlossen den veränderten Verhältnissen Rechnung trug.
Nur zuweilen wallte das jugendliche Blut noch heiß 'in ihm empor. Wenn ihn das glänzende Leben der Weltstadt umbrauste, wenn er die Pracht, den Reichtum, den frohen Lebensgenuß der Gesellschaft, der er angehörte, beobachtete, dann empfand er auch die Sehnsucht nach dem reichen, glänzenden Leben, und fühlte die Verhältnisse seiner Familie als eine drückende Fessel. In solchen Stunden konnte er der Ausgelassenste im Kreise der Kanie- raden sein; er war geneigt, alles Beengende hinter sich zu werfen und sich in den vollen Strom des Lebens zu stürzen.
So erschien ihm auch heute sein ganzes Dasein so klein, so eng, so wenig lebenswert, als er den prächtigen Rennplatz von Karlshorst vor sich liegen sah, das voll uitb reich pulsierende Leben der ersten Gesellschaft ihn umgab, ,bie glänzenden Toiletten der Damen, die blitzenden Uniformen der Kameraden, das ganze bunte, frohe Gewühl, ^welches sich an einem Sonntage auf den Tribünen und dem Sattelplatz zu entwickeln pflegt.
Und über den grünen Rasen, den Waldparzellen, den fahnengeschmückten Pavillons und Tribünen, über der fvoh- Üewegten, glänzenden Welt, die keine Sorge zu kennest toten, ruhte der strahlende Sonnenschein eines herrlichen Augusttages. Die Musikkorps schmetterten lustige Weisen, -die edlen Rosse schäumten in den Zügeln und stiegen kerzengerade empor — Glockenzeichen ertönten, die Flagge des Starters sank nieder, und dahin brauste das bunte Feld der Reiter, begleitet von dem Jubel der Menge, die sich an den Barrieren drängte.
Ja, das war das Leben! Und in dem Herzen des jungen Offiziers quoll es heiß und sehnsüchtig empor.
Weshalb mußte er auf dieses Leben verzichten? —•
Aber mußte er denn Verzicht leisten? — Gab es nicht trotz allem einen Ausweg? Wie viele seiner Kameraden waren in ähnlicher Sage, wie er jetzt, gewesen und hatten sich doch! emporgearbeitet ^-! gearbeitet? Nein — sie hatten entschlossen zugegriffen, wenn sich ihnen das Glück in der Gestalt einer reichen Heirat geboten! Konnte nicht er dasselbe Mittel ergreifen? —
Einen Moment stieg das herzige, schöne Antlitz Elses vor seinem Auge auf — aber nur einen Moment; denn in diesem Augenblick trat Rittmeister Meyering mit zwei Damen in gewählter, reicher Toilette auf ihn zu.
„Meine Damen, darf ich Ihnen Herrn Leutnant von
Petershagen Üorstellen", sägte der Rittmeister. „Liebest Petershagen = Frau Major Weserling und Fräulein Tochter. . ."
Eitel Fritz grüßte höflich; Wenn er geglaubt hatte, durch den Rtttmeister mit zweifelhaften Damen bekannt gemacht werden zu sollen, so sah er sich angenehm enttäuscht. Die Majorin, in elegante Halbtrauer gekleidet, war vollkommen Ladylike, und ihre Tochter sah in dest Hellen, mit Spitzen übersäetcit Sommertoilette, ein zartes Hütchen von weißen Blümchen auf dem goldigbraunen! Haar, entzückend aus.
„Gnädige Frau sind noch nicht lange in Berlin?^ fragte er höflich ' *
„Nein, erst seit acht Tagen", entgegnete die Majorim „Wir haben seit dem Tode meines Mannes — es sind zwei Jahre her — in dem Süden gelebt — meist an der Riviera oder in Rom —■ die Gesundheit meiner Dachtest Irma erforderte cs. Jetzt wollen wir aber für den Winter in Berlin bleiben."
„Die gnädige Frau ist geborene Berlinerin", warf der Rittmeister ein.
„Ja", lachte die noch immer schöne Frau, „das heißt' eigentlich eine Schönbergerin; denn mein Vater und mein Großvater wohnten in Schöneberg. „Aber da kommen ja die Reiter zurück — cs gilt die letzte Kraftanstrengung ... . .. das müssen wir beobachten."
Sie eilte an die Barriere und drängte ziemlich rücksichtslos einige Herren zur Seite, um besser sehen zu können.
Wenn die Majorin sprach verlor sie in hohem Grade, Sie sprach, laut und mit einem gewissen theatralischen Accent, lachte übertrieben, und hatte etwas freie Bewegungen. Mau merkte dann, daß sie aus einer Familie ftammen mußte, in der der gute Ton und der feine An-, stand noch nicht lange zu Hause waren. Und tu der That — ihr Großvater war noch ein einfacher Bauer gewesen, ihr Vater ebenfalls, hatte dann aber durch die Ausbreitung Berlins seine Ländereien zu enormen Preisen verkauft und war einer der Millionenbauern geworden, welche in den siebziger Jahren in Schöneberg durch die Grundstückspekulation geschaffen wurden. Die Tochter hei-, ratete den Leutnant Weserling von den Pionieren, der vost einigen Jahren als Major gestorben war.
„Ich habe Weserling und auch den alten Millionenbauer vou Schöneberg gekannt", flüsterte der Rittmeister Eitel Fritz zu, während die beiden Damen eifrig das Rennen verfolgten. „Der Weserling war ein heller Kerl, nahm als Hauptmann mit Majorstitel seinen Abschied und lebte hier in Berlin — daher die Bekanntschaft. War auch Mitglied vom Unionsklub — na, Sie verstehen michl Hab' manche Nacht mit ihm durchjubelt. .
Eitel Fritz war in dem Anblick des jungen Mädchens, das kaum achtzehn Jahre zählen konnte, versunkett. Er mußte gestehen, daß er selten eine schönere Erscheinung gesehen hatte; aber für ihre Jugend blickten die dunklew Augen Irmas viel zu kalt und überlegen stolz. Im nächsten Augenblicke brach aber aus ihnen eine anflodernde Glut hervor, die die Herzen der Männer in Verwirrung setzest mußte. Wenn Irma den Eindruck ihrer Blicke bemerkte, so schwebte ein triumphierendes Lächeln über ihr reizendes Gesicht — man merkte, daß sie sich ihrer Gewalt über die Herzen der Männer bewußt war, und daß cs ihr ettte stolze Freude bereitete, die Herrenwelt, die Macht ihrer sinnberückenden Schönheit fühlen zu lasseu.
Der Rittmeister Bemertte die bewundernden Blicke des jungen Offiziers. Er stieß ihn leicht mit dem Ellenbogen an.
„Na, Petershagen, hab' ich! zu viel versprochen?^ flüsterte er lächelnd.
„Fräulein Weserling ist allerdtngs eine tnteressante Erscheinung..." ,
„Und Erbin einer Million — vH, wenn ich stoch Mng wäre! Aber mich alten Esel nimmt ja nicht einmal mehr die Mutter ..."
Unwillkürlich mußte Eitel Fritz über dtesen StoW seufzer des alternden Lebemannes lachen.
Irma Weserling wandte sich um, und die Blicke der beiden jungen Leute begegneten sich; Es ging Eitel Fritz' wie ein elektrischer Schlag durch die Glieder, als er ist dieses dunkle, auflodernde Auge sah ! Das Blut stieg ihm in die Wangen er trat näher an Irma! heran.


