Ausgabe 
23.4.1901
 
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Polentz sah ihm, sichtlich mit einem Entschlüsse ringend, uaK Dann hielt er ihn plötzlich unter der Thüre noch aus.

Pah, warum sollen Sie denn besser schlafen als ich? Mein Fritz empfahl sich! nicht allein, seine Schwester ist auch, dabei,' Wanda den dritten kenne ich nicht, Vigo wahrscheinlich!"

Johannes hielt sich an der Thürschwelle fest, und beugte das Haupt.

Na, machen Sie sich nichts draus", führ Polentz höhnisch fort.Wenn wir nur den Fechinger haben das ist die Hauptsache. Gute Nacht, Kamerad."

Der Bauer zuckte zusammen unter dem Handschlage, der seine Schiulter traf. Aus diesem bleichen, verstörten Antlitze lachte die hoffnungslose Verzweiflung. Gr mußte den Blick davor senken, und verließ eilig das Kontor.

Seine Wohnung war leer. Seine Frau war wohl drüben bei Frau Polentz.

Als er zum Fenster hinausblickte, schien ihn: der Nachthimmel in der Richtung gegen Fechingen noch immer sanft gerötet. UndJudas Judas!" gröhlte wieder die furchtbare Stimme, und er fühlte den Griff des Wahnsinnigen an seinem Halse. . . .

Die Bäuerin fand eine Stunde später Johannes vor dem Fenster am Boden liegen, schwer atmend, schmutz­besudelt. Aus ihre Anrufe gab er wilde, unzusammen­hängende Antworten.

Mne wahre Schande! In einem so feinen Hause und betrunken wie ein Fuhrknecht!

7.

Wie es gekommen war, man wußte es nicht. Wie die Entladung eines lange schon drohenden Gewitters, wie ein alles vernichtender Sturz nach- längerem, immer schneller werdendem Gleiten auf einer schiefen Ebene. Das ganze Stadtviertel wär in Bewegung wie ein aufgestachelter Ameisenhaufen. Die verschiedensten Gerüchte gingen um, Wahres und Falsches mischend, völlig Getrenntes ver­bindend.

Die einen wußten von einer nächtlichen Flucht des Polentz -unter Mitnahme aller Barbestände der Bank, andere von einem Selbstmorde in dem Augenblicke, in welchem er wegen Wechselfälschung verhaftet werden sollte. Auch der schreckliche Brand im nahen Fechingen, welchem das halbe Dorf zum Opfer fiel, warf von neuem seinen blutroten Schein über die erregte Menge.

Man erzählte sich haarsträubende Geschichten, in welchen der Agent des Polentz, der Johannes Altinger, die Haupt­rolle spielte; von seinem Kampfe mit einem Fechinger Bauern, den er ruiniert, und in den Wahnsinn getrieben hatte, von seiner eiligen Flucht vor der erregten Be­völkerung, die ihm den Tod geschworen.

Nur eines stand fest. Ein ungeheurer Schwindel war aufgedeckt. Hinter diesen marmornen Palastwänden, von denen man sich seit Jahren hatte verführen lassen, gähnte eine furchtbare Leere.

Es war der erste Samstag int Quartal. An diesem Tage strömte sonst alles herbei zu den wunderbaren Goldquellen, um sich die Taschen zu füllen mit dem mühelos eingeheimsten Zins, dessen Höhe man zwar längst nicht mehr begriff, aber ruhig, einsteckte, sich um die Erklärung und Rechtfertigung sorgfältig herumdrückend. Heute fanden die ersten Kunden das Bankhaus gesperrt, die Rollläden heruntergelassen. Zwei Gendarmen standen vor dem Ein­gänge, und wiesen die beunruhigten Frager kurz ab. Die Bank sei vom Gericht gesperrt. Auf alles weitere war keine Antwort zu erhalten.

Die Hauptmasse der Andrängenden bildete die Land­bevölkerung, deren Ratlosigkeit eine vollkommene gewesen wäre, wenn sich nicht rasch städtische Elemente dazugesellt hätten, die es an Schüren und Aushetzen der völlig ent­mutigten Leute nicht fehlen ließen.

Warum hatte man so lange zugesehen, wenn der Mann wirklich ein Schwindler war?

Man erinnerte sich an die frühere Verbindung des Polentz mit dem allmächtigen Minister, Grafen Waradin, an die Grundsteinlegung der Kirche. Es sah ja gerade aus, als ob man da oben unter einer Decke mit ihm gearbeitet hätte. War er aber kein Schwindler, lag nur eine augenblickliche Geschäftskrise vor, warum dann auf

diese Weise eingreifen, den Mann von vornherein unmmöBW machen, und dadurch Tausende schädigen?

(Fortsetzung folgt.)

Zu viel Frauen.

Eine Kritik der Ergebnisse der letzten Volkszählung. Von Dr. Woldemar Hgering.

(Nachdruck verboten.)

Unter den Ergebnissen der letzten Volkszählung ist eines der interessantesten das zahlenmäßige Verhältnis der Ge­schlechter zu einander. Daß in Deutschland das weibliche Geschlecht sich schon seit vielen Jahrzehnten in der Mehr­heit befindet, ist allgemein bekannt, und überall dort, wo man die Frauenfrage vom rein statistischen Standpunkte aus betrachtet, hat man den Ueberschuß an Weiblichkeit für die nicht hinwedzuleugnenden Uebelstände, welche der Frau bei der freien Bethätigung ihrer Individualität entgegen» stehen, verantwortlich gemacht.

Das schöne und --- wie man höflich behauptet schwächere Geschlecht hat diesmal alle Ursache, mit dem Ergebnis der Volkszählung zusiieden zu sein; denn das Anwachsen des Frauenüberschusses ist zum Stillstand ge­kommen. Es wurden in Deutschland im Jahre 1890 ins­gesamt 24 230 832 männliche und 25197 638 weibliche Per­sonen gezählt, was zu Gunsten des weiblichen Geschlechtes einen Ueberschuß von 966 806 Köpfen ergießt. Im Jahre 1895 hatte dieses Plus bei einer Gesamtbevölkerung von 52 280000 eine winzige Herabminderung auf 957 401 Köpfe erfahren. In den darauf folgenden fünf Jahren bis zum vergangenen Dezember hat jedoch die Bevölkerung ein wei­teres Wachstum um über 4 Millionen auf 56 370000 er­fahren, und trotzdem ist der Frauenüberschuß um weitere 68 000 Köpfe, nämlich auf 882 880 herabgegangen. Die Aus­sichten der heiratslustigen Damenwelt haben sich also nicht unerheblich gebessert, wenngleich auch auf 1000 Männer noch immer 1032 Frauen entfallen.

Dieser Frauenüberschuß verteilt sich allerdings auf die verschiedenen Gegenden des Reiches in sehr ungleicher Weise. Denn von dem gesamten Frauenüberschuß nimmt allein die Reichshauptstadt Berlin fast ein Zehntel, näm­lich 80 541 Köpfe für sich in Anspruch, und auch in der Schwesterstadt Berlins, in Charlottenburg, verfügt die holde Weiblichkeit über eine Mehrheit von 17 501 Per­sonen. Unter Einbeziehung der übrigen Vororte, wird man daher für Groß-Berlin mit seinen 2 600000 Einwohnern auf einen Frauenüberschuß von mindestens 125 000 Köpfen rechnen können. Weit größer als hier ist das Mißverhältnis zwischen beiden Geschlechtern in Breslau, welches bei einer Bevölkerung von 422 738 Einwohnern den kolossalen Frauen­überschuß von 34 628 Köpfen aufweist, für heiratslustige junge Damen also nicht als ein geeigneter Platz bezeichnet werden kann. Dafür gießt es aber eine ganze Anzahl Städte, besonders im Westen des Reiches, in welchen das männliche Geschlecht das lleßergewicht hat. An erster Stelle marschiert hier Kiel, wo bei einer Anwohnerschaft von 107 938 die Männer um 9800 Köpfe in der Mehrheit sind; dann folgen Dortmund mit 6704, Essen mit 6191, Straßßurg mit 5308, Mannheim mit 4520 und Düsseldorf mit 3577 männlichem Ueßerschuß.

Im allgemeinen sind die Ursachen der Mehrheit der Männer oder Frauen in den einzelnen der angeführten Städte sehr durchsichtig. Während in Kiel, Metz und Straß­ßurg die starke Garnison ßezw. Marinemannschaft und die Werftarbeiter den Ausschlag geßen, ist es in Mannheim und den Städten des rheinisch-westfälischen Industrie- und Kohlenbezirkes die Arbeiterschaft und zwar zum großen Teile junge, unverheiratete Leute im Alter von 18 ßis 30 Jahren, welche dem männlichen Geschlechte das zahlenmäßige Ueßer» gewicht verleiht. Im allgemeinen er strömt das weiß­liche Geschlecht in noch höherem Grade als das männliche den großen Städten zu, in denen fortwährend ein großes Bedürfnis nach weißlichen Dienstboten vorhanden ist. Ein großer Teil dieser Zugewanderten findet es natürlich ßitinen kurzer Zeit angenehmer, in den Fabriken Arbeit zu suchen, statt sich der Gebundenheit des Hauses dauernd zu fügen, wo nur immer nach 14 Tagen der freie Sonntag­nachmittag winkt. Außerdem absorbieren noch die zahl-