„Warum?" klang es dann wohl zurück. „Hast Du schon eine andere Verabredung?"
„Tas nicht, aber ich möchte lieber daheim bleiben." „Um zu lesen?" hieb es dann spöttische
Doch der an den Sarkasmus seiner Freunde Gewöhnte ließ sich dadurch nicht verstimmen.
„Allerdings. . . um zu lesen."
„Aber Mensch, diese Sucht ist doch die pure Verrücktheit", mehlte eines Tages sein Freund Jacob.
„Verrücktheit? Warum denn?. . . Hältst Tu es etwa für vernünftiger, wenn man wie Du seine Zeit bei den Gemäldehändlern verbringt, die Deine Unschuld ausbeuten, um Dir die Pinselei irgend eines Schmierers als echten iliubens oder Rembrandt anzupreisen?"
Jacob fühlte sich beleidigt. „Erstens, mein Lieber, bin ich nicht ganz so einfältig wie Tu mich hinzustellen beliebst. Und falls ich meine Sammlung morgen verkaufen wollte, würde ich zweifellos ein schönes Sümmchen dafür erzielen. Doch selbst, wenn ich mich, wie Du behauptest, wirklich einmal anführen ließe, gestatten meine Verhältnisse mir diese kleine Liebhaberei. Jedenfalls — und das ist eben die Hauptsache — nimmt meine Sucht — falls von einer solchen überhaupt die Rede sein kann, nickst meine ganze Zeit in Anspruch, sondern läßt mir genügend Muße zum Spazierengehen, zuni Besuch von Theater, Konzerten, Bällen, kurzum zu den meinem Alter angemessenen Vergnügungen, während Du. . . Jst's nicht geradezu lächerlich? . . Sag' mal, hast Du Dir wohl schon jemals ein Mädchen näher angesehen? Kennst Du den Reiz eines Beisammenseins im lauschigen Salonwinkel, eines kleinen Flirts mit einem dieser allerliebsten Kinder voll Reiz und Anmut? Hast Du sie studiert, sie mit einander verglichen, Dir eine Meinung über sie gebildet, damit Du Dich eines schönen Tages nicht etwa ohne Ueberlegung in die Ehe stürzest?"
„In die Ehe? Aber wer denkt denn an die Ehe? Ich jedenfalls nicht. . . weder jetzt noch später."
„Na, das ist wahrhaftig der Gipfel! Gedenkst Du dieses trübselige Klausnerleben bis ans Ende Deiner Tage fortzuführen ?"
„Trübseliges Klausnerleben? Hm, das ist Ansichtssache. Habe ich nicht meine Bücher? Sieh", fuhr er, auf ein in gelben Maroquin gebundenes Buch deutend, fort, „nie könnte das Glück der Ehe — falls es überhaupt ein Glück zu nennen ist — mir so viel Freude und Befriedigung gewähren, wie der Fund, den ich heute z. B. unter einer Anzahl von Büchern gemacht, die ich gestern auf einer Auktion erstanden.
Ernst nahm das Buch, schlug es auf und zeigte Jacob den Titel.
Memoiren des Chevalier de Grignotel über die letzten Reunions der Madame de Maintenou in Versailles.
Jacob zuckte die Achseln. „Als ob Du nicht schon vollgepfropft mit Memoiren wärst und die Geschichte der Main- tenon in- und auswendig kenntest! Und wer ist denn überhaupt dieser Chevalier de Grignotel?"
„Ah, siehst Du wohl", lächelte Ernst triumphierend, „ein Unbekannter! Noch kein Kritiker, kein Archivar hat ihn bisher in der Geschickite ausfindig gemacht! Ein Vergessener, und dieses Exemplar seiner Memoiren vielleicht das einzig noch vorhandene! . . . Ein ganz famoser Fund, sage ich Dir."
, „Na, nur immer weiter, Du Unverbesserlicher", brummte Jacob.
„Ter Unverbesserliche bist Du, der nicht zu begreifen vermag, wie fesselnd und anziehend . . ."
„Ach geh' mir mit Deinen Schmökern. Für mich sind hübsche Frauen jedenfalls fesselnder und anziehender. Und nun sei einmal vernünftig, laß Deinen Chevalier schießen und begleite mich zum Rennen. Ein herrliches Wetter heute. Die Damenwelt wird in ihren schönsten, duftigsten Toiletten erscheinen. Und dazu all die schönen Gesichter, kurzum eine Gelegenheit, das Leben lieb zu gewinnen. Nun thu' mir den Gefallen und komm!"
Jacob hatte den Freund am Arm gefaßt und suchte ihn mitzuziehen, doch Ernst wehrte ihm.
„Nein, nein, ich bin fest entschlossen, zu Haufe zu bleiben."
„Bei Monsieur de Grignotel?"
„Schön. Thu' wie Du willst, vergrabe Dich meinetwegen in Deinen Folianten, Tu Leseratte, während draußen der Frühling lacht und das frische, fröhliche Leben braust. Ich halte nicht mit. Adieu!"
Und fori war er.
Ernst hatte es sich in seinem Faullenzer bequem gemacht und sich in die geistvollen, witzsprühenden Memoiren vertieft. Eine halbe Stunde, mochte er gelesen haben, als seine Finger beim Versuche, das Blatt zu wenden, auf einen gewissen Widerstand stießen.
Bei näherer Besichtigung ergab es sich, daß zwei Blätter am Rande zusammengeklebt waren. Vorsichtig, mit Hilfe seines Federmessers und etwas warmen Wassers löste er die Kleberänder und — stieß einen Laut der Ueberraschung aus. Zwischen den beiden Blättern lag eine Tausendfranknote.
„Was bedeutete das? Wie kam der Schein in dieses Buch? Natürlich untersuchte er sofort sämtliche Blätter des Bandes und entdeckte noch zwei weitere Tausendfranknoten. Wäre er ein armer Teufel in Geldnöten gewefen, so hätte dieser ihm so urplötzlich in die Hand gefallene Schatz vielleicht Veranlassung zu sehr naheliegenden Erwägungen gegeben und möglicherweise zu einem Kompromiß mit seinem Gewissen geführt. Da er aber, wie gesagt, sehr vermögend war, kam nur ein Gedanke für ihn in Betracht: wie er den rechtmäßigen Eigentümer des Geldes ausfindig machen und ihm sein Eigentum wieder zustellen könne. Doch wo und wie ibn finden? Dieses Buch hatte er auf einer Auktion erworben? Durch wieviel Hände mochte es daher schon gegangen sein? Und wer bürgte ihm dafür, daß der letzte Besitzer zugleich der rechtmäßige Eigentümer des Geldes war?
„Pah!" sagte er schließlich mit der reichen Leuten eigenen Gleichgiltigkeit in Geldangelegenheiten, „was soll ich mir darüber den Kopf zerbrechen? Ich werde diese dreitausend Franks dem Maire meines Bezirks zur Verteilung an die Armen überweisen, das wird das Beste sein. Und zufrieden mit seinem Entschlüsse versenkt er sich aufs neue in die Memoiren des Chevalier de Grignotel.
Allein seine Gedanken wollten den Augen nickst folgen, *>ph Sinn der Zeilen nicht erfassen. Was hatte er nur? Er begrijf sich selbst nicht.
Sein Gerechtigkeitsgefühl, sein zartes Gewissen wollten sich mit seinem Entschlüsse nicht zufrieden geben. Diese dreitausend Frank den Armen schicken — das war leicht gesagt und leicht gethan, aber war cs auch das Richtige, Pflichtgemäße?
Im Geiste sah er einen armen Mann, den der Hunger bewogen, dieses Buch, dessen Wert er nicht geahnt, für ein bis zwei Frank an irgend einen Antiquar zu verkaufen.
Tann spann seine Phantasie einen ganzen Roman aus. Eine alte, vornehme Familie, deren Mittel allmählich auf die Neige gegangen, hatte sich schließlich gezwungen gesehen, all ihre Wertgegenstände, Gemälde, Mobiliar, Bibliothek usw. zu veräußern. Welche Freude würde es den braven Leuten gewähren, wenn sie diese Ersparnisse, die ein etwas sonderlicher Ahne an dieser Stätte geborgen, zurückerhielten!
Und immer romantischere, rührendere Episoden zogen an seinem Geist vorüber. Dabei war sein Blick träumend ins Leere gerichtet, und der Chevalier de Grignotel lag vergessen in seinem Schoß.
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Am folgenden Morgen war Ernsts Entschluß gefaßt. Er wollte beit ursprünglichen Eigentümer des Buches zu erforschen suchen und machte sich alsbald auf den Weg.
Aber das war keine leichte Sache.
Ohne des kostbaren Inhaltes des Bandes zu erwähnen, fragte er zunächst den Auktionator. Dieser sandte ihn zu einem Antiquar, der das Buch von einem Papierhändler erhalten hatte. Letzterer verwies ihn an einen Trödler, und dieser erklärte, daß er den Memoirenband mit verschiedenen anderen Gegenständen von einer Familie in der Rue St. Antoine erworben. Namen und Hausnummer kannte er leider nicht. Eines Morgens — es mochte etwa sechs Monate her sein — war ein junges Mädchen mit


