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ihn hegte, und als dev Bot' endlich die unmäßige Summe nannte, die er für sein Anwesen bekomme, da überwog der Neid alle anderen Regungen, und man rückte näher an den Johannes.
Man klagte und lästerte über den Bauernstand, legte alle seine kleinen Leiden bloß und pries den Verkäufer glücklich, der der ganzen Plackerei nun ledig sei. Die schwach vertretene Gegenpartei tarn nicht dagegen auf mit ihren Einwänden.
Johannes thaten diese Reden unendlich wohl, der Fluch des Alten, der ihm immer noch im Ohre saß, wurde durch dieselben gleichsam aufgehoben.
Wenn Dutzende ihn segneten, in ihm geradezu den Befreier sahen von schwerer Lebenslast — was lag da an einem hinfälligen Greis, dem körperliches Elend die Sinne verwirrte?
Jetzt dachte er selbst nicht mehr an das Fortgehen, er schrie sich alle Sorgen hinweg — der Wein that das übrige.
Es dunkelte schon in der Stube. Draußen fegte ein Sturmwind um die Strohdächer, welcher durchaus nicht zum Aufbruch einlud. Die Stimmung hatte ihren Höhepunkt erreicht. Man ließ den Johannes leben, selbst seine Gegner stimmten ein.
Er dankte gerührt, sprach vom verstorbenen Minister, dem Grafen Waradin, wiederholte seine Worte — „Sie sind ein hraver Mann, und ich verlasse mich auf Sie" — kam dann auf schwarzen Undank, harten Beruf, bis ihm die Stimme vor Rührung erstickte.
Plötzlich riß einer von den Gästen das Fenster auf. Ver- worrene Rufe drangen herein. Ein roter Schein flog auf über dem Nachbarhaus. — „Feuer!" rief eine Stimme. Man überstürzte sich, warf Tische und Bänke nm, eilte in das Freie.
Das ganze Torf war lebendig. „Beim Boten brennt's!" Zerstoben war die ganze.Gesellschaft. Tie Sturmglocken läuten, Spritzen rasseln.
Vor Johannes drehte sich alles im Kreise, der Wein pochte im Gehirne. Er wär allein! Und doch muß er hin! Es ist ja sein Anwesen, das brennt!
Da schoß ihm ein Gedanke auf. Der Alte!
Jetzt lief er die Dorfftraße hinab. Die Hellen Feuergarben zuckten schon empor über die Dächer. Ein Knäuel Menschen versperrte ihm den Weg. Er brach sich Bahn, stand vor dem brennenden.Hofe.
Ter Sturm beugte die Flammen und fegte sie im quirlenden Rauche, in lohenden Fetzen über das Dorf.
Tas Vieh brüllte laut im hell erleuchteten Stalle, dessen Thür weit offen stand.
Johannes sah die in der Todesangst au ihren Ketten reißenden Tiere, rauchumhüllte Männergestalten, er sah seinen treuen Schimmel sich bäumen und zerren. Er wollte hineineilen, helfen, retten. Da trat ihm aus Glut und Rauch eine rußgeschwärzte Gestalt entgegen, die Fetzen eines Hemdes umflatterten sie. Das Antlitz mit dem versengten Haare war grauenhaft entstellt. Der Mensch lachte grell auf und warf die langen Arme wild umher.
Ter Alte war es, den der Wahnsinn erfaßt hatte. Johannes prallte zurück, wollte ihm ausweichen, da erkannte ihn der Entsetzliche. Eine wilde Lache erschütterte die Luft. Er kam mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu.
„Bist endli' da, Johannes? Hui! Was sagst Du zu dem Feuert? Hui! Was sagst zu Dein'm Hof? Schau 'nein! Siehst Dein' Schimmel? Hui! Hui! Judas! Judas!"
Ter Wahnsinnige umklammerte ihn, zerrte ihn dicht gegen den Feuerherd.
Johannes rief um Hilfe. Mit Gewalt inußte man die Finger des Wahnsinnigen lösen, die sich an seinen Hals fest gekrallt; bann entwischte der Unglückliche mit einer raschen Wendung und eilte zurück in das brennende Haus.
Man hatte keine Zeit mehr, sich; um ihn und den vom Entsetzen gelähmten Johannes zu kümmern. Tas Flugfeuer hatte an anderen Stellen gezündet. Dazu raste der Sturm und vermehrte die Gefahr.
Als Johannes sich ans seinem Taumel erhob, war die Nacht taghell von der feurigen Lohe. Eben stürzte der Dachstuhl des Hauses vor ihm krachend in die Glut.
Er gedachte schaudernd des furchtbaren Alten, und
wo er sich hinwandte, überall Flammen, Schreckensrufs, fliehende Menschen.
Ter schrille Glockenanschlag der von allen Nachbarorten herbeieilenden Feuerwehren mischte sich mit den dumpf dröhnenden Akkorden vom Kirchturme herab zu einer düsteren Melodie.
Tas ist alles dein Werk! — Der Alte hat's gethan, aber doch ist es Dein Werk! Und es war ihm plötzlich, als ob man von allen Seiten seinen tarnen riefe, haßerfüllt, drohend. In das Feuer mit ihm, mit dem Judas — dem Judas!
Ta floh er in die Nacht hinaus über die Felder. Der vor ihm herfliegende Feuerschein wies ihm den Weg. Nur weiter — weiter. Oft strauchelte er, stürzte er aus den vom Regen durchfeuchteten Aeckern. Immer wieder auf! __ Ter gaukelnde Schein trieb ihn vorwärts, als ob die Flamme selbst hinter ihm drein liefe. Endlich hatte er die Straße, erreicht, ein Wald nahm ihn auf.
Ermattet fiel er auf den Boden. Tie feuchte Kälte trieb _ ihn wieder auf. Er verließ den Wald.
Ein Blick zurück ließ ihn schaudern. Die Höhe, auf welcher das Dorf stand, lag in roter Glut. Bald lohte sie hoch auf, bald schien sie sich hinter den schwarzen Horizont zu verkriechen.
Er gedachte seines getreuen Schimmels, er hörte seinen Todesfchrei; dann tönte es wieder schrill durch den Sturm: Judas — Judas! Von neuem trieb es ihn vorwärts, der Stadt zu.
Mitternacht war bereits vorüber, als er vor dem Palais Polentz anlangte, die Füße trugen ihn kaum mehr.
Alle Fenster im ersten Stock waren erleuchtet. Ein bekannter Walzer wurde auf dem Klavier hernntergeleiert, während die Schatten Tanzender sich auf den geschlossenen Vorhängen abzeichneten.
Johannes mußte lachen über das tolle Völkchen da oben, es tanzte noch zuletzt dem Tod in den Rachen. Ein matter Schein rechts zu ebener Erde wirkte sonderbar ernst dagegen. Dort lag das Kontor des Polentz. Offenbar war er noch darin und saß bei der Arbeit. ""
(Fortsetzung folgt.)
Die Leseratte.
Novellette von Michel T r i 0 e l e y.
Autorisierte Uebersetznng ans dem Französischen.
Bon H. L e o n a r d i.
(Nachdruck verboten.)
Jeder nimmt sein Vergnügen, wo er es findet. Viele der heutigen jungen Leute suchen es auf Bällen und im Theater, auf Ausflügen mit dem Rad und Automobil durch Gottes freie, schöne Natur, auf dem Rennplätze oder beim Wassersport, oder sie verlegen sich in Ermangelung sportlicher Neigungen auf das Sammeln von Münzen und Altertümern.
Ernst Brunel, der Held dieser Geschichte, ein sechund- zsvanzigjähriger junger Mann mit angenehmen, intelligenten Zugen und sehr beträchtlichem Vermögen, zählte zu keiner dieser Gattungen, und doch ritt auch er ein Steckenpferd — er war ein leidenschaftlicher Freund der Lektüre. Nicht von Romanen und Novellen, — obwohl er die fesselnden Erzählungen „unter dem Strich" der Zeitungen auch nicht zu verachten, sondern das Schicksal mancher jugendlichen Helden im Kampfe gegen Falschheit und Jntrigne mitunter voll Interesse zu verfolgen pflegte, — allein das galt ihm 'oznsagen nur als Nebengericht, als Dessert. Seine Hauptkost waren solide alte Schmöker, Klassiker, historische Werke, Memoiren nsw. Er durchforschte die Kataloge der Bibliotheken, subskribierte auf neue Ausgaben und kaufte auf Auktionen ganze Bibliotheken ay; kurzum, obwohl er bereits so viel gelesen, daß seine Freunde die „Leseratte", wie sie ihn nannten, für ein wandelndes Lexikon erklärten, schien er von einer Art unstillbaren, litterarischen Heißhungers besessen.
Erschienen Sonntags seine Freunde, um ihn zu einer Spazierfahrt, einem Konzert oder sonst dergleichen abzu- holen, so pflegte er in der Regel abzulehnen.
„Nein, nein, vielen Dank, mein Bester, aber zählt heute nicht auf mich."


