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Tier in gepreßten, halb unterdrückten Klagelauten; nach und nach wurden die Töne leiser, undeutlicher und entfernten! sich immer weiter von uns, bis sie ganz für unsere Ohren erstarken. Er hatte sich wieder an das Hintere Ende des Zuges gemacht.
Nach einer halben Stunde nahm uns der Wald auf. Steil ging es bergan auf schmalem, oft von Buschwerk überwucherten" Pfad, Flattig immer voran, der Leutnant ihm auf deu Fersen folgend. Er zog die Uhr und wandte sich triumphierend nach mir um. „Na, was sagen Sie mm? Wenn wir oben sind, brauchen wir uns bloß auf der anderen Seite den Abhang hniunterzukollern und sind an Ort und Stelle. Nicht wahr, Flattig?"
„Jawohl, Herr Leutnant", sagte Flattig, und in demselben Augenblick stutzte er und blieb stehen.
„Nun, was giebt's?"
Flattig sah sich ratlos um. „Der Weg . . . der Weg — stotterte er, „der Weg ist alle."
Es war so. Dieser niederträchtigste aller Fußwege hörte mitten im Walde aus, hörte einfach auf; ohne sichtbare Veranlassung, getoissermaßen ohne Sinn und Verstand, aber er hörte auf, er verschwand vor unseren Augen, er verlief sich im dichten Moose! Und vor nns stieg der Berg immer weiter in die Höhe, mit dichtem Unterholz bestanden.
Was half's. Hinauf mußten wir. Der Leutnant kroch voran und ich folgte seiner Spur; hinter uns verteilte sich der Zug in einer breiten Linie, und jeder suchte ein Loch zum Durchschlüpfen.
Es war ein endloses Klettern. Der Berg wollte und wollte kein Ende nehmen. Als wir endlich schweißbedeckt den Gipfel erreicht hatten, rief jemand von hinten: „Herr Leutnant!"
„Nanu?"
„Ter Fähnrich ist schlapp geworden."
Der Leutnant, der bis dahin noch immer schlechte Witze gemacht hatte, wurde mit einem Male betrübt.
„Das fehlte ja gerade noch. Gehen Sie doch einmal zurück und sehen Sic nach ihm!"
Ich kroch wieder rückwärts. Und dabei fiel es mir auf, daß von unseren: Zuge eigentlich, sehr wenig mehr zu sehen wer. Drei oder vier Leute nur bemerkte ich,, die halb auf dem Bauche liegend sich mit Mühe aufwärts schroteten. Die übrigen mutzten sich durch den ganzen Wald hin zerstreut haben. Hier und da hörte man einen aus weiter Ferne quieksen, wenn er im Unterholz hängen blieb und nicht weiterkonnte. Die Sache fing an, ungemütlich zu werden.
Den Fähnrich, fand ich lang am Boden ausgestreckt, außer Atem und wimmernd wie ein Sterbender. „Ich, kann nicht mehr", jammerte er mir entgegen, „ich gehe ein."
„Sehen Sie wohl", sagte ich, ärgerlich, „das kommt von Ihren/dämlichen neuen Stiefeln."
„Ach, nein", klagte er, „einen vernünftigen Marsch hätte ich sehr gut ausgehalten. Aber diese Hetzerei durch den Wald, ich bin doch schließlich kein Jagdhund."
Dagegen ließ sich, wenig einwenden. Mit Not requirierte ich, zwei Leute, die als Nachzügler angekrochen kamen, und befahl ihnen, den Fähnrich, weiter zu befördern, so gut es gehen wollte. Ich selbst stürmte abermals nach oben.
Wenn man auf der Höhe stand, hatte man den fast senkrechten jenseitigen Abhang in seiner ganzen Ausdehnung vor sich). Das Unterholz verschwand auf dieser Seite vollständig, hochstämmige Tannen allein bildeten hier die Bewaldung. Tief unten schon sah ich den Leutnant in mächtigen Sätzen abwärtssausen. Eine Sektion vielleicht von unserem Zuge kollerte, in Atome zersplittert, hinterher. Ich, ließ midj ebenfalls los und fauste thaleiu. Vor mir segelte der unglückselige Flattig von Stamm, zu Stamm, um nicht unaufhaltsam in die Tiefe gerissen zu werden. „Nehmen Sie sich; in acht", schrie ich; ihm zu, „Sie werden sich; noch Ihren dicken Kopf einrennen!" Dann ließ ich; ihn hinter mir. Ein anderer kam quer über meinen Weg geschossen, stolperte über eine Wurzel und schlug hin. Ich hörte es krachen und splittern und sah int Vorüberfliegen, daß er den Kolben seines Gewehres zerschlagen hatte. Ich sagte gar nichts mehr. Tie wilde Fahrt benahm mir den Atem.
Als ul) wieder zu mir kam, stand ich unten auf der Straße neben dem Leutnant. Ein paar Schritte von uns hielten die beiden anderen Züge unserer Kompagnie.
„Ja, das hilft nun nichts", sagte der Leutnant, der seine Seelenruhe aud), jetzt nicht verlor. Er ging hin und meldete. ,
Der Hauptmann stieg auf seinen Gaul, rutschte wteder herunter und kletterte wieder hinaus. Erst dann fand er Worte. „Der Vizefeldwebel!" schrie er und sprengte auf mich- los, als ob er mich, ü6 erretten wollte. „Warum sind Sie nicht bei Zeiten abmarschiert?"
Ich, warf einen flehenden Blick auf den Leutnant. Der legte die Hand an den Helm. Aber der Hauptmann ließ ihn nicht zu Worte kommen. „Was geht das den Herrn Leutnant an! Die Herren Offiziere können sich _ darum nicht kümmern. Die sind nicht dazu da. Dazu sind Sie da, Herrrrr. . . „Feldwebel"!"
Er legte in das letzte Wort so viel Hohn, als mir hineingehen wollte. Und dann konnte er vor Wut überhaupt nicht weitersprechen. Er warf seinen Gaul herum und lieh mich, stehen.
Ick) bin denn auch richtig Vizefeldwebel geblieben.
Als ich nachher beim Schießen hinter der Schützenlinie neben den Leutnant zu liegen kam, sagte der ganz vergnügt zu mir: „Sehen Sie wohl, ich habe es Ihnen doch voraus verkündigt: zu mir hat er kein Wort gesagt."
Rordlandsmsen und nordischer Sommer.
Von Heribert von Hiller-Sternberg.
(Nachdruck verboten.)
Seit Kaiser Wilhelm II. es sich zur Regel gemacht hat, im Anschluß an - die Regatten der Kieler Woche alljährlich, auf einige Wochen nach Skandinavien zu dampfen, kann man vielfach in deutschen Zeitungen die Behauptung lesen, daß erst durch diese Kaiserfahrten das schöne Nordland, in dem die Pracht der Berge mit jener das Wassers sich vermählt, touristisch entdeckt worden sei. Tas ist ein großer Irrtum; denn lange, bevor der Strom deutscher Touristen sich in das Land der Mitternachtssonne zn ergießen begann, war der Engländer, den eine kurze Wasserfahrt von den Häfen der Ostküste Schottlands und Englands nach den Fjorden Norwegens bringt, dahinter gekommen, daß es dort prächtige Sommerfrischen giebt mit Fischgründen, wie sie sich der leidenschaftlichste Angler nicht besser wünschen kann, daß die Verpflegung gut uud billig ist, daß diese nördlichen Gefilde keineswegs unter einer ewigen Eisund Schneekruste starren, und daß man, unter Drangabe etlicher Bequemlichkeiten, sich; dort oben jedenfalls mehr Mensch; fühlt als auf den Prahlspaziergängeu Pontre- sinas und Interlakens, wo der Mensch, gleichsam nur als Sperbentier ciufttitt.
Die Kaiserreisen haben unzweifelhaft das Gute gehabt, daß sie von dem nach Hunderttausenden zählenden, allsommerlichen, deutschen Tvuristenheere einen namhaften Teil gen Nordland lenken, das wenigstens von Norddeutschland mit nur wenig Mehrkosten zu besuchen ist als die Alpen, und in dem ein stammverwandtes Volk lebt, das uns früher zum mindesten gleichgiltig, wenn nicht feindselig gegenüber stand, seine Vorurteile gegen deutsches Wesen dank der häufigen Berührung mit deutschen Vergnügungsreisenden aber mehr und mehr aufgegeben hat. Eisenbahn- direktionen, Dampfs,chiffahrtsgesellschaften und Reisebureaus habeu es, dem allgemeinen Zuge gen Norden folgend, den Touristen denn auch; so bequem wie möglich gemacht. Man braucht nur abends in Berlin auf dem Stettiner Bahnhof den Schnellzug zn besteigen, um nach, etwa 24 Stunden über Saßnitz oder Gothenburg oder Kopenhagen Stockholm zu erreichen, und dabei kostet eine Rückfahrkarte nach diesem fernen Ziele in dritter Klasse nur 63 Mark und etliche Pfennige; in der nur wenig längeren Zeit von 28 Stunden erreichen wir Norwegens Hauptstadt Christiania, und wer die Genüsse des nordischen Meeres voll und ganz auskosten will, den führt ein Hamburgischer Salondampfer vom Stapelplatz an der Elbe in knapp 60 Stunden direkt nach Bergen und von dort entlang der zerrissenen norwegischen Steilküste bis zum Nordkap und noch; 10 Grad darüber hinaus bis zur Nordspitze des einsamen Spitzbergenarchipels,


