Ausgabe 
18.6.1901
 
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er anders redet, als er denkt, der handelt auch anders, als er redet. Sprichwort.

(Nachdruck verboten.)

Die Göttin des Glücks.

Roman von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Er starrte sie an, als hätte sie in einer ihm völlig fremden Sprache zu ihm geredet. Dann griff er sich- mit beiden Händen an die Stirn.

Ja, bin ich denn von Sinnen oder seid Ihr es? Nicht von der Hand Julius Wedekings, sondern von der Deinigen? Soll das ein Scherz sein, Hanna?"

Man scherzt in der Regel nicht mit solchen Dingen. Ich habe Eure Glücksgöttin sein wollen; aber ich habe dabei nicht hinlänglich mit Eurer Schwäche und Feigheit gerechnet. Gieb mir den halb verbrannten Fetzen zurück, Bernhard; denn da Inge jetzt ohne allen Zweifel plaudern wird, hat er ja doch jeden Wert verloren."

Dem jungen Rechtsanwalt schwindelte. Er mußte sich in einen Stuhl sinken lassen, weil er eine Empfindung hatte, als schwände ihn der Boden unter den Füßen.

Sei barmherzig, Hanna stöhnte er,bringe mich nicht um den Verstand! Was Du da andeutest, ich kann es nicht fassen. Und ich will es auch gar nicht fassen; denn es ist ja undenkbar, unmöglich. Die That, deren Tu Dich anklagst, Du kan n st sie garnicht begangen haben."

Ich klage mich! nicht an; denn ich sehe dazu Dir gegenüber nicht die geringste Veranlassung. Nicht weil ich ein Bedürfnis fühlte, Dir als reuige Sünderin mein Herz auszuschütten, sondern nur, weil ich! sehe, daß das Spiel ohnehin verloren ist, gebe ich Dir mein Geheimnis preis. Ja, dieser Brief da ist eine Fälschung. Vom ersten bis zum letzten Buchstaben ist er von meiner Hand geschrieben. Ich besitze einige Geschicklichkeit in der Nachahmung von Handschriften, und was in diesem Fall das Wichtige war auch einige Kenntnisse in der Chemie. Ich wußte, daß es keineswegs unmöglich sei, eine Schrift verschwinden zu machen, und eine andere an ihre Stelle zu setzen. Und da doch nun einmal ein Beweisstück geschaffen wer­den nmßte, wenn Du Deine Mitgift erhalten solltest, und Harro seine Million, so machte ich mir meine Uebung und meine Wissenschaft zu Nutze. Es war ja für eine gerechte Sache, wie Du selbst mich versichert hattest, und einer gerechten Sache zum Siege zu verhelfen, ist kein Verbrechen."

Hanna allbarmherziger Gott! es ist also wirk­lich wahr?"

Glaubst Tu, daß ich in der Laune bin, Dich mit inter-

Glaubst Du, daß ich in der Laune bin, Dich mit inter­essanten Märchen zu unterhalten? Manche halbe und ganze Nacht habe ich opfern müssen, ehe es zu meiner Zu­friedenheit gelang. Endlich aber war es gelungen. Und so wie Tu und Restorp, und der Assessor Wedeking getäuscht worden sind, so wären auch das Gericht und die Sach­verständigen getäuscht worden. Eine einzige nur ließ sich nicht täuschen, und das war Deine Braut. Sie wußte, daß der Brief eine Fälschung sei, noch ehe "Du ihn ihr zum erstenmal gezeigt. Und sie allein wäre im stände gewesen, es auch zu beweisen."

Sie wußte es und sie hat geschtviegen?"

Ja, vielleicht weil sie mich schonen wollte, vielleicht auch aus irgend einem anderen Grund. Ihr Benehmen mußte mich ja ahnen lassen, daß sie an der Echtheit des ihrer Aufmerksamkeit angeblich entgangenen Briefes zweifelte, und daß sie mich im Verdacht hatte, seine Ur­heberin zu sein. Aber so länge es nur ein Verdacht war, brauchte iäy mir nicht viel Sorge darum zu machen, zumal ich überzeugt war, sie würde um ihres Vaters und um Deinetwillen reinen Mund halten. Heute früh aber erhielt ich einen von ihr geschriebenen Brief, der mir bewies, daß ich mich darin geirrt. Sie beschuldigte mich geradezu, der Fälschung, und erklärte, daß sie die Last nicht länger auf ihrem Gewissen behalten könne, wenn sie nicht den Verstand verlieren oder zur Selbstmörderin werden sollte. Und sie unterließ nicht, mich! auf das kleine, und doch untrügliche Merkmal hinzuweisen, an dem sie die Fälschung erkannt hatte. Ta das Dokument nur dann für echt gelten konnte, wenn es auf einen der von Julius Wedeking wirk­lich benutzten Briefbogen geschrieben stand, hatte ich mir aus den vielen Geschäftsbriefen den kürzesten ausgewähllt, weil die an und für sich sehr schwierige Beseitigung der älteren Schrift dadurch ja beträchtlich erleichtert wurde. Daß der Bogen am unteren Rande eingerissen, und daß dieser Riß auf der Rückseite mit dünnem Seidenpapier ver­klebt war, störte mich weiter nicht; denn dieser Umstand konnte ja in keiner Weise Anlaß geben, die Echtheit des Schreibens zu bezweifeln. Hütte ich gewußt, daß Inge die kleine Ausbesserung selbst! vorgenommen hatte, mtb zwar kurz vor dem Tage, an welchem Dir die Papiere ausge­händigt wurden, so würde ich es allerdings trotz der größeren Mühe vorgezogen haben, einen anderen Brief für das Experiment zu wählen. Aber man ist eben bei aller Vorsicht und Ueberlegung doch niemals klug genug."

Was schrieb sie Dir weiter?" fragte Bernhard mit völlig klangloser Stimme.Das vor allem will ich wissen."

Sie schrieb, daß sie bisher vergebens über ein Mittel nachgesonnen habe, das unselige Schriftstück zu ver-