Ausgabe 
17.12.1901
 
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Wo haben Sie bett» bett Rest des Abends verbracht? Sind Sie sogleich in Ihre Wohnung zurückgekehrt?"

Nicht sogleich, sondern erst »ach einigen Stunden."

Können Sie mir bie Zeit nicht eitvas genauer an« geben?"

Es mag gegen Mitternacht geitiefen sein. Genauer vermag ich es nicht zu sagen."

Ihr Gespräch mit bem Dietier Pining hatte zwischen acht uttb neun Uhr stattgefunben. Ihre Heünkehr erfolgte, wie Sie angebeu, gegen Mitternacht. Es liegen zwischen beiben Ereignissen also minbestens drei Stunben. Natür­lich werben Sie mir ohne weiteres Mitteilen können, wo unb in wessen Gesellschaft Sie bieselben zugebracht."

In niemanbs Gesellschaft, als in meiner eigenen, Herr Rat! Ich bin eben spazieren gegangen!"

Wie? Zu solcher Tageszeit? Unb brei ganze Stunben lang? Sie müssen schon verzeihen, Herr Assessor, wenn mir eine solche Erklärung einigermaßen besremblich vor­kommt."

Sie entspricht nichtsdestoweniger ber Wahrheit."

Pflegen Sie öfter berartige lang ausgedehnte nächt­liche Spaziergänge zu machen?"

Zu meinen ständigen Gewohnheiten gehören sie jeben- falls nicht."

Daß Sie es gerabe gestern thaten, hing ivvhl auch mit Ihrer außergeivöhnlichen Aufregttng zusammen^

Vielleicht."

Nun, so werben Sie mir doch wenigstens sagen können, wo Sie spazieren gegangen sinb. Machten Sie Ihre Pro- menabe etwa in ben zur Heilstätte gehörigen Anlagen?"

Nein. Ich habe bieselben nach meinem mißlungenen Versuch, ben Doktor Müller zu sprechen, unverzüglich ver­lassen."

Unb sinb auch nicht mehr in diese Gegenb zurück­gekehrt?"

Nein."

In welchem anderen Teile der Stabt also haben Sie sich währenb der drei Stunben auf geh alten?"

Ich kann darüber nähere Angaben nicht machen."

Das heißt: Sie haben es vergessen? Obwohl erst eine so kurze Zeit seitdem vergangen ist?"

Ich habe es nicht vergessen, aber ich wünsche barüber zu schweigen."

Die klugen unb sonst so freundlichen Augen bes Unter­suchungsrichters hefteten sich mit tiefernstem, durchdringen- bettt Blick auf bas Antlitz bes Assessors. Herbert aber hielt ihnen Stand, ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken. Er war noch immer sehr bleich, unb der Umstand, daß er bisher nicht bas geringste Befremden über die sonderbaren Fragen des Landgerichtsrates geäußert hatte, bewies zur Genüge, daß er sich der Bedeutung dieses Verhörs voll­kommen bewußt war. Aber in seinen Zügen war nichts von Aufregung und Unruhe zu lesen. Mit unbewegter Miene erwartete er die Fortsetzung des Verhörs.

Es müssen sehr triftige Gründe sein, Herr Assessor, bie Sie bestimmen, auch in Bezug auf Dinge, bie jebent anderen sehr harmlos erscheinen würden, die Auskunft zu verweigern. Aber mir scheint, daß Sie in Ihrem eigenen Interesse gut thäten, etwas weniger zurückhaltend zu sein. Für jetzt nur noch eins: Wie waren Sie gekleidet, als Sie gestern mit dem Diener des Doktor Müller sprachen?"

Genau wie in diesem Augenblick, Herr Rat!"

Das heißt: Sie trugen diesen dunklen Winterpaletot und diesen Cylinderhut?"

Fa.

Wieviel Zeit ist tiaeh Ihrer Schätzung erforderlich, um von der Wohnung des Doktors bis zu der Ihrigen zu gelangen?"

Es mag ein Weg von ungefähr zwanzig Minuten sein. Ein rasch ausschreitender Fußgänger macht ihn vielleicht noch schneller."

Sie hätten also, wenn es Ihr Wunsch gewesen wäre, sich daheim utnzttkleiden und noch vor Ablauf einer Stunde wieder wt Der Nähe der Heilanstalt zu sein, eine solche Absicht in aller Bequemlichkeit aus führen können?"

Nach meiner vorigen Erklärung, Herr Rat, beantwortet sich diese Frage wohl von selbst."

Sie behaupten aber, zwischen acht und zehn Uhr nicht wieder in Ihrer Wohnung gewesen zu sein?" .LAllerdings ich behaupte es/«

Sind Sie im Besitz eines Revolvers oder einer änderen Schußwaffe?"

Nein."

Wünschen Sie mir vielleicht aus freien Stücken noch irgend etwas zu sagen, das Ihrer Ansicht nach zur Aufklär­ung der Sache oder zur Ermittelung der Schuldigen bei­tragen kann?"

Ich weiß nichts derartiges, Herr Rat!"

?lun, Herr Assessor Jgnatins, so muß ich Ihnen zu meinem tiefsten Schmerz erklären, daß Sie selbst in hohem' Grade verdächtig erscheinen, dieser Schuldige zu sein. Und um des Namens willen, bett Sie tragen um Ihres! ehrenwerten, hochgeachteten Vaters willen, lege ich Ihnen bringend ans Herz, die Wahrheit zu sagen und Ihr Gewissen' zu entlasten. Ein Mann von Ihrer Bildung und Erziehung! kann doch unmöglich gesonnen sein, sich den Folgen einer vielleicht in blinder Leidenschaft begangenen Thal durch! feiges Leugnen zu etitziehen."

Um Herberts Lippen zuckte es wie ein bitteres Lächeln.

Daraus, daß ich eine solche Mahnung würde über mich ergehen lassen müssen, war ich bei meinem Eintritt in dies Zimmer allerdings nicht vorbereitet. Aber ich be­greife Ihren Irrtum, Herr Landgerichtsrat, und gestehe offen, daß ich wahrscheinlich zu denselben Schlüssen ge­kommen wäre, weuti ich dort an Ihrer Stelle säße. Am Ende muß ich ja noch froh sein, daß Sie in so humanen! Worten an mein Ehrgefühl appellieren und tnich nicht vielmehr von vornherein wie einen überführten Meuchel­mörder behandeln."

Auf ber Stirn des alten Herrn erschien eine Falte des Unmutes.

Statt mir diese überflüssige Anerkennung zu teil wer­den zu lassen, sollten Sie lieber darauf bedacht sein, mich meines angeblichen Irrtums zu überführen. Sie haben mir auf eine ganze Reihe von Fragen bie Antwort verweigert, unb gerabe bas ist es, was den gegen Sie vorliegenden Ver- dachtsgrünben ein so schweres Gewicht giebt. Ich fordere Sie also nochmals dringend auf, dies gefährliche Versteckspiel nicht fvrtzusetzen und mir wenigstens zu sagen, welcher Art die Differenzen waren, die ohne allen Zweifel zwischen Ihnen und bem Doktor Müller bestauben."

Ich vermag meinen vorigen Erklärungen nichts hinzu- zufügen, Herr Rat! Was ich sagen konnte unb durfte, habe ich gesagt."

Dann haben Sie sich's selbst zuzuschreiben, wenn ich nach den prozessualischen Vorschriften, die kein Ansehen ber, Person kennen, gegen Sie verfahre. Ich erkläre Sie für! verhaftet, Herr Assessor!"

Herbert verbeugte sich leicht.

Ich konnte es' nicht anbers erwarten unb ich habe für bett Augenblick nur noch eine einzige Bitte."

Lassen Sie hören!"

Mein Vater ist noch immer leibend uttb jebe hoch­gradige Aufregung bedeutet eine Gefahr für sein Leben'.! Wenn es also möglich wäre, ihm die Nachricht von meiner! Verhaftung und die Ursachen derselben auf eine schonende! Weise beizubringen--"

Ich werde mich! bemühen, diesem Wunsche Rechnung zu tragen. Sonst also haben Sie mir nichts zu sagen?"

Nichts!"

Der Landgerichtsrat machte eine vielsagende Bewegung mit ben Schultern, bann griff er nach ber Glocke, um bie Abführung bes Untersuchungsgefangenen Herbert Ignatius! zu verfügen.

Neunzehntes Kapitel.

Es schien fast, als hätten bie schmerzlichen unb aufregen-! bett Ereignisse der letzten Zeit ben Stabtrat Ignatius nach­gerade unempfindlich gemacht für die Pfeile, bie das! tückische Schicksal in so rascher Folge auf ihn absandte. Als ber Polizeikommissar Pauli unmittelbar nach Herberts! Vernehmung vor bem Untersuchungsrichter erschien, um nach gewissen Gegenständen zu suchen unb zugleich den Angehörigen des Verhafteten in schonender Weife von dem Vorgefallenen Kuttde zu geben, legte unter allen Bewohnern bes Hauses gerade der Kämmerer die größte Fassung und! eine beinahe an Gleichmut grenzende Zuversicht an den Tag. , ,

Er unterbrach die Erzählung des Kommrsfars toteber» holt durch ein sarkastisches Auflachen und sagte, der Herr Landgerichtsrat werde schwerlich Veranlassung haben, sich des heute bewiesenen, Scharfsinns später mit besonderen