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Lief erschrocken, ließen sie sich los, doch nur einen Augenblick dauerte Sigrids Verlegenheit. Sie nickte den neugierig Nähergekommenen freundlich zu, dann sagte sie lächelnd:
„Für die Armen!" und bot Kallnow den Mund hin. Dieser küßte sie verwirrt.
Ungeheure Aufregung bemächtigte sich aller. Welch eine Schmach! Dies Benehmen schlug ja jeder Sitte ins Gesicht. Unter dem Schilde der Wohlthätigkeit sich von aller Welt küssen zu lassen, war denn doch unerhört. Und Kallnow hatte wohl den Verstand verloren. Wie konnte er, der mittellose Offizier, 1000 Dollar für einen Küß zahlen. Aber vielleicht bekam er ihn billiger, weil er jung und hübsch war?
Herr Arnson hatte auch davon gehört und trat, zum erstenmale unzufrieden mit seinem Töchterchen, auf Sigrid zu. Sie sprachen leise miteinander. Er schüttelte den Kopf. Dann nickte er und ging auf die Vorsitzende des Komitees zu.
Man hatte die kleine Szene zwischen Vater und Tochter beobachtet, aller Augen richteten sich auf ihn, als er an die Damen des Komitees herantrat. Wie würde er seine Tochter entschuldigen? Im Grunde ihres Herzens gönnten sämtliche Damen diese Bloßstellung dem schönen Mädchen, das sie um ihre Erfolge heimlich beneideten.
„Gnädigste Gräfin", begann Herr Arnson laut und vernehmlich, sodaß man ihn weithin im Saale hören konnte. Alles horchte auf, wie unabsichtlich näherkommend: „Gestatten Sie, daß ich für den Kuß, den Baron Kallnow eben meiner Tochter gegeben hat, 10 006 Dollars in Ihre Hände für die Armen lege. Sie werden diesen Kuß nicht für überzahlt finden, wenn ich Ihnen zu gleicher Zeit sage, daß es — der Verlobungskuß — meiner Tochter mit dem Herrn Baron war."
„Ah! wir gratulieren", erscholl es von allen Seiten.
Das Blatt hatte sich gewendet. Nach einem Augenblick der vollkommensten Verblüffung strömte alles herbei, um dem Brautpaare Glück zu wünschen.
Kallnow stand sprachlos. Er konnte es noch nicht fassen. Narrte ihn ein süßer Traum oder war es Wirklichkeit, daß dieses entzückende heißgeliebte Mädchen ihn wiederliebte, .und daß Herr Arnson ohne Kämpfe und Schwierigkeiten seine Einwilligung gab? Das übertraf die kühnsten Hoffnungen des armen Offiziers.
Sigrid lachte ihm zu und schob ihren Arm in den seinen. Jetzt gehörte er ihr, und sie wollte ihn schon fürs Leben festhalten.
Der alte Geheimrat, der durch das neue Geschehnis ganz um seinen Ruhm gebracht war, trat auch an das Brautpaar heran, um ihm zu gratulieren. Er konnte es sich nicht versagen, Kallnow gegenüber zu bemerken:
„Ja, mein lieber Herr Baron, ich bin Ihnen doch zuvorgekommen. Ich war der erste."
Dieser lachte siegesbewußt auf.
„V o r mir — konnten Sie kommen, Herr Geheimrat, n a ch mir — nie."
Verletzt warf der alte Mann den Kopf zurück.
Diese Anspielung auf seine Ungefährlichkeit, war doch etwas zu unverblümt. Kallnow, dies gewahrend, beeilte sich, zu sagen: Daß es nicht für ihn, sondern für jeden gegolten hätte. Der alte Herr, dadurch versöhnt, verließ das Brautpaar.
Man hörte ihn später im Saale sagen:
„Dieser Kallnow ist ein unerhörter Glückspilz. Ich muß für einen flüchtigen Kuß ihr 1000 Dollars zahlen, während sein Schwiegervater für seinen Kuß 10 000 Dollars zahlt, und er außerdem noch das „Prachtmädel" bekommt."
Allmählich glätteten sich die Wogen der Aufregung, und das Fest nahm seinen weiteren Verlauf. Die Damen des Komitees waren außerordentlich zufrieden über ihre glänzende^ Einnahme und wünschten solche Fälle öfters. Am glücklichsten aber waren die jungen Mädchen, sie brauchten die schöne Amerikanerin nicht mehr zu fürchten, und sie lachten und scherzten fröhlich mit ihren Verehrern, die reurg zurückgekehrt waren.
Gemeinnütziges.
F u ß b o d e n a n st r i ch. Der Schutz, welchen der Anstrich) sei derselbe aus Oelfarbe und Kopalsirniß, oder aus weingeistlgem Schellackfirniß, gewährt, ist nur ein vorübergehender; durch das Gehen u. s. w. und das nur zu oft wiederholte Aufwaschen findet baldige Abnutzung statt, und die Splitter treten von neuem hervor. Ein neues Anstreich- mittel, welches die „Süddeutsche Bauzeitung" mitteilt, dürfte sich vielleicht besser bewähren. Dasselbe wird bereitet, indem man 1 Kilogramm Tischlerleim, 30 Gr. gepulvertes, doppelt chromsaures Kalium, 100 Gr. Anilinbraun, 10 Liter Wasser in einen: Blechgefäße zusammenmengt, nach Verlauf von 6 Stunden, wo der Leim vollkommen aufgequollen ist, allmählich bis zum Siedepunkt erwärmt. Der Anstrich soll warm, aber nicht heiß, mit einem gewöhnlichen Zimmerbesen aufgetragen werden. Derselbe wird nach zwei bis drei Tagen vollständig wasserdicht; deckend ist derselbe, da ihm der erdige Körper fehlt, nicht. Der Leim ist geeignet, die Holzfasern zur festen Verbindung zu bringen. Unauflösbar wird derselbe durch Zusatz von doppeltchromsaurem Kalium bei der Einwirkung von Licht. Es empfiehlt sich, das Kaliumbichromat und das Anilinbraun erst zuzusetzen, wenn der Leim nach dem Aufquellen gelöst worden ist.
Eine gute Schuhwichse. 1 Kilogramm Galläpfelpulver, 40 Gr. Blauholzextrakt, 25 Liter Essig. Die drei Körper tverden eine halbe Stunde gekocht, der flüssige Anteil abgeseiht, mit 300 Gr. Eisenvitriol versetzt, nach 24 Stunden der klare Anteil abgezogen und mit 250 Gr. Gummi, 3 Gr. Zucker, 2 Kilogr. Syrup, so lange erwärmt, bis diese Stoffe gelöst sind. Die Flüssigkeit wird versetzt mit 2 Liter Weingeist, 1 Liter Schellacklösung, 130 Gr. Gerbstoffextrakt. Die Schellacklösung wird bereitet, indem man in sehr starken: Weingeist so viel braunen Schellack löst, als sich überhaupt zu lösen vermag.Prakt. Wegw.
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Skatarrfgabe.
Nachdruck verboten.
(a b c d die vier Farben; A Aß; K König; D Dame, Ober;
B Bube, Wenzel, Unter; V M 8 die drei Spieler.)
Es wird nach Werten gereizt. M, der Mittelhandspieler, hat den ganzen Abend im Glück gesessen und fängt auf folgende Karte gleich wieder an, übermütig zu reizen:
a, b, cB; bK; cK; dA, 10, K, D, 9.
Das ist natürlich ein unverlierbares Großspiel. V, der Borhand- sp'cker, ärgert sich hierüber, und zum Trotz hält er auf seine nur 33 Augen zahlende Karte, in der sich kein Aß befindet,' alles, was auch M bieten mag, und schließlich macht er a-Handspiel. Dies geht ohne 6 Matadore, wird aber mit Schneider gewonnen. Die Gegner kommen mir bis 29. Wie war Kartenverteilung nnd Gang des Spiels?
Auflösung folgt in nächster Nummer.
Auflösung des Diamanträtsels in voriger Nummer: F
REU NEBEL FEBRUAR BRUST BAD R
Redaktion: T. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Umverfitäts-Buch. und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Siegelt.


