Ausgabe 
12.5.1901
 
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267

Weiße Haare.

Novellette Von Ernst Otto Hopp.

(Nachdruck verboten.)

So jung, und schon weiße Haare!"

Ter Zuruf galt einem kaum dreißigjährigen Manne, der ein offenes und ehrliches, hübsches Gesicht zeigte, und gleich mir bei einem Hamburger Großkaufmann zu Gast geladen war. Es war eine feierliche, sogenannteAb­fütterung", zu der sich alle eingestellt hatten, die in freundschaftlicher oder geschäftlicher Beziehung zu dem Hanse standen. Viele Augen wandten sich zu dem jungen Greis mit dem rosigen Gesicht.

Herr Lehmann", sagte unser Wirt, der Chef, der an unsere Gruppe herangetreten war, und obige Bemerkung vernommen hatte,hat sich- einmal unter wirklichen echten Menschenfressern befunden, und grausige Tage verlebt. Die Aussicht, verspeist zu werden, ich glaube es gern, hat etwas nicht gerade Angenehmes an sich. Vielleicht er­zählt uns Freimd Lehmann ein bischen davon; aber starke Nerven muß man bei der Geschichte haben, sonst wirkt sie zu rührend."

O bitte, erzählen Sie doch", riefen sämtliche, unge­mein nervöse Damen im Chor. Herr Lehmann begann:

Vor acht Jahren wanderte ich nach Brasilien aus, wo ein Onkel von mir lebte, von dem meine Familie Jahre lang nichts mehr vernommen hatte. Nach weiten Streifereien fand ich! den alten Herrn, der sich keineswegs in einer beneidenswerten Lage befand; er hatte sich eine Mulattin geheiratet, lebte in einer jämmerlichen kleinen Stadt im Innern des Landes) und ernährte seine zahlreiche Nachkommenschaft durch! fleißiges Zigarrenmachen. Er war mürrisch und trunkfällig geworden, und fristete sein Leben im köstlichen Palmenlande unter trostlosen Verhältnissen. Von ihm konnte ich nicht einmal einen guten Rat er­warten, er war körperlich und geistig gebrochen; darum begab ich nud} bald nach Bahia zurück, wo ich vor einigen Wochen gelandet war, um mein Glück zu machen.

Als ich dort eines Tages am Hafenquai umherschlen­derte, stieß ich auf einen von Tropensonne und Nord­landseis gleicherweise genug mitgenommenen alten See­bären, der ein recht gutmütiges Gesicht aufgesetzt hatte, und mich! in Lanz unverfänglicher Weise zu einemDrink" einlud. Wir traten in eine Taverne, in der einer der dort häufigen, und schon lange ansässigen echt-schwarzen, prächtig gewachsenen Minas-Neger hinter dem Schenktisch! stand, und uns einen Gin mit Eis, einengin-cobbler", kredenzte. Wir kamen in ein lebhaftes Gespräch, der alte Matrose wußte manch! ein interessantes Abenteuer zn er- erzählen, manch nettesGarn zu spinnen". Dem ersten Glas folgte ein zweites und drittes.

Plötzlich fühlte ich, wie mir das Bewußtsein schwand. Tie Augen sanken zu, bleischwer legte es sich mir aufs Hirn; umsonst kämpfte ich gegen die Schlafsucht, ich fiel zusammen, wie eine tote Masse.

Als ich! wieder erwachte, befand ich mich an Bord eines Schiffes, das mit Tabak und Kaffee nach Barcelona bestimmt war. Tie Aufklärung, die mir zu teil ward, war eine niederschmetternde. Ich warShanghaiern" oder Mensch!enräubern in die Hände gefallen, und zwangsweise angeworben. Ein starkes, narkotisches Mittel hatte mich betäubt; der alte Matrose entpuppte sich als Untersteuer­mann, machte gar kein gutmütiges Gesicht mehr, und wies lakonisch auf das Tauende, als ich Vorstellungen machen wollte. Dys genügte; falls ich widerspenstig bliebe, er­klärte er kurz und mürrisch, würde man mich zerblänen, bis ich Vernunft angenommen hätte. Gewalt geht vor Recht; ich schluckte meinen Ingrimm hinunter, und fügte mich ins Unabänderliche. ,

Unsere Reise war keine glückliche. dritten ^age setzte eine scharfe Nordwestbrise ein, die sich bald zum Sturm entwickelte; in der Nacht tobte ein Orkan, und als es Morgen ward, war unser Dreimaster, zu einem hilf­losen Wrack geworden, über das sich wütende Sturzwellen ergossen. Das Schsif gehorchte dem'Steuer nicht mehr, und begann sich langsam mit Wasser zu'füllen; den Kapitän hatte eine Riesenwoge gegen die scharfe Kante der Kajüte geschleudert, sodaß er bewußtlos dalag. Eine zweite Welle

führte ihn und drei Mann von der Besatzung mit fort in die große Tiefe.

Tas Schiff schlingerte heftig; wir versuchten, uns zu entlasten, und einen Teil der Fracht ins Meer zu werfen; aber es war schon zu spät, und Menschenhilfe vergebens. Die letzte Hoffnung beruhte auf dem Boote, das groß und stark war, und uns retten mochte. Wider Erwarten gelang das Flottmachen gut, allein eine ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln konnte nicht mehr vorgenommen werden. Wir waren unser elf, als wir abstießen. Wasser und Lebens­mittel reichten höchstens auf vier Tage.

Mit Mühe behaupteten wir uns gegen den Schwall der Wogen. Wie sie angerollt kamen, bergehoch, in ge­waltigen Reihen sich bäumend und überschlagend! Wie der Sturmwind dazu seine wildfrohen Weisen spielte, wie er ächzte und grollte, und in den Abgründen pfiff und heulte! Die Wasser waren lebendig geworden, und führten ihre Reigen auf. Der Tag war noch erträglich; aber dann kam die Nacht, nicht mild und ambrosisch, und Ruhe und Segen spendend, nicht sternengeschmückt und duftig, wie sie zur Sommerzeit über der deutschen Heimat schauert, fondern schwarz, und unheimlich-gellende, höhnische Stimmen tönten aus dem wüsten Chaos des Ozeans, bis die bleichte Frühe erschien, und die erste Hoffnung auch uns spendete, die wir in unserer Nußschale um die Existenz stritten.

Am dritten Tage erscholl plötzlich der willkommene Freudenruf: ein Segel! Es erschien weit entfernt, und die Wellen gingen noch immer so hoch daß man unser kaum gewahr werden konnte. Wir banden Kleidungsstücke an die Ruder, und schwenkten diese Notfahnen, wir feuerten Schüsse ab aus einem Revolver, den der Obersteuermann bei sich trug eitles Wähnen! Am fernen Horizont glitt das Segel dahin, und verschwand unbarmherzig am Rand der grauen Wüste, da wo Meer und Wolkenstreifen in eins überzugehen schienen. Wieder kam die Nacht, und wieder der Tag mit seinem gelben Schein.

Todmüde hockten wir auf den Bänken, von Sprüh­wellen stetig benetzt, fieberschauernd, hungernd und dürstend die Lebensmittel gingen uns aus. Den Kamps gegen Wind und Wogen hatten wir siegreich bestanden, gemach lullte sich die See in Ruhe, aber das Ringen wider den Durste war das Schrecklichere. Mitleidlos stieg die Sonne empor, und warf ihr sprühendes Tropenlicht auf uns herab, die Gaumen waren verdorrt blaue Lippen stiere Augen Ausbrüche von wahnsinniger^ Wut und Verzweif­lung wehe dem, der sich mit Meereswasser die lechzende Zunge netzte! Einige machten sich Einschnitte in die Arme und tranken gierig ihr eigenes Blut. Der Mulatte, unser Koch, erlag zuerst, und stürzte sich in einem Verzweiflungs­anfall ins Meer; wir versuchten ihn zu retten, doch fanden wir seine Leiche nicht mehr, niemand mochte oder konnte noch rudern.

Da sprach unser Obersteuermann mit heiserer Stimme: Es geht zum letzten, wir müssen das Los ziehen, ich habe noch zwei Schüsse im Revolver. Wen das schwarze Los! trifft, den erschieße ich; von dessen Fleisch und Blut können die andern sich nähren". Der Plan fand die Zustimmung aller, bot er doch immerhin eine kurze Frist! Als die Reihe an mich kam, und ich gezogen hatte, wußte ich schon mein Geschick; alle Augen richteten sich auf mich. Ich hatte den Einsatz ums Leben verloren.Eine Stunde Gnadenzeit wollen wir ihm gönnen", sagte der Obersteuer­mann, der mir wohl wollte, der Bootsmann zog die Uhr. Eine kurze Stunde und vor mir saßen die hungrigen Hyänen nnd sahen mich! mit verzehrenden Blicken an! Eine Viertelstunde war bereits vergangen, noch eine eintönig rief der Mann die Zeit aus, leise, fast stockend, ihm graute selber vor dem Entsetzlichen . . .

Der Erzähler holte tief Atem, dann fuhr er fort:

Was in den wenigen Augenblicken alles von mir noch einmal durchlebt ward, kann ich heute kaum in kurze Worte fassen. Mein ganzes verflossenes Leben zog an mir vorüber; vor meinen Augen standen die Eltern und Ge­schwister, die Freunde meiner Jugend, das Heimatsdvrf mit seinen grünen Linden ich weinte nicht, ein Krampf schnürte mir die Brust zusammen so jung noch und schon sterben ich konnte es nicht mehr ertragen, die Genossen,