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da, und ich glaube, es verlangt ihn sehr lebhaft danach, Dich zu sehen."
„Die Thatsache, daß er sich für das Wiederkommen eine ganze Woche Zeit gelassen hat, macht diese Vermutung nicht gerade wahrscheinlich. Hat er seine Sehnsucht so lange beherrschen können, wird es ihm auch wohl noch weiter gelingen. Ich bin sehr wenig zum Plaudern aufgelegt."
„Nein, Liebste, mit einem solchen Bescheid mag ich ihm nicht kommen. Er sieht aus, als ob ihm gute Worte und freundliche Menschengesichter recht nötig wären."
„So? Was ist ihm denn widerfahren? Hat er etwa von Professor Herbolds holdem Töchterchen einen Korb bekommen?"
„Nicht doch! — und es thut mir beinahe leid, daß ich Dir im Scherz von seiner klernen Schwärmerei für Fräulein Erika Herbold gesprochen habe. Er denkt höchstwahrscheinlich gar nicht daran, ihr jemals einen Heiratsantrag zu machen. Und wenn Deine Vermutung zuträfe, würde er für eine solche Herzenswunde schwerlich gerade bei uns Heilung suchen. Nein, es ist sicherlich etwas ganz anderes. Aber ich mochte ihn nicht danach fragen."
Hanna schien einen Augenblick zu schwanken, dann aber sagte sie:
„Gut! Wenn Du es für so notwendig hältst, werde ich kommen. Nur diese Papiere will ich zuvor noch in Sicherheit bringen:"
Wenige Minuten, nachdem der Rechtsanwalt zu dem Freunde zurückgekehrt war, trat sie denn auch in der That über die Schwelle von Bernhards Arbeitszimmer.
Harro Boysen, der bis dahin ruhelos auf und nieder gegangen war, blieb bei ihrem Erscheinen stehen und wandte ihr sein Gesicht zu. Ein tiefer Ernst, der Ausdruck einer noch nicht völlig überwundeneu seelischen Erschütterung war in seinen Zügen. Hanna mochte fühlen, daß es nicht angebracht fei, in diesem Augenblick die §Em- pfindliche zu spielen, denn sie reichte ihm mit gewinnender Freundlichkeit die Hand. '
„Sie haben lange aus sich warten lassen, Herr Boysen! Es war, wie ich hoffe, kein für sie betrübender Anlaß, der Sie uns ferngehalten."
„Ein sehr betrübender leider, Fräulein Hanna! Ich habe alle diese Abende an dem Krankenlager eines Mannes zugebracht, der mir teuer ist wie ein Vater."
„Ist es der Professor Herbold, den Sie damit meinen?"
„Ja! Bernhard hat Ihnen also allem Anschein nach bereits erzählt, in welchem Verhältnis ich zu Klemens Herbold stehe. Er war nicht nur mein Vormund und der Lehrmeister, dem ich alles verdanke, was ich in meiner Kunst gelernt, sondern er ist mir auch seit Jahren der treueste, hochsinnigste Freund. Ich weiß nicht, wie ich es ertragen soll, ihn zu verlieren."
„Aber ist es denn schon gewiß, daß Sie ihn verlieren werden? Ist seine Krankheit so bedenklich?"
„Vor einer Stunde sagte mir der Arzt, daß er keine Hoffnung mehr aus Genesung habe. Er glaubt, daß sich die Auflösung noch um Wochen oder vielleicht selbst um Monate hinausschieben lassen werde; aber er hält ihren Eintritt für unabwendbar."
„Tas ist allerdings sehr traurig — besonders für Professor Herbolds Tochter. Und er hat doch eine Tochter — nicht wahr?"
„Ja. — Und wie traurig es für sie ist, das können Sie nicht einmal ahnen, Fräulein Hanna! Denn von dem wahrhaft idealen Verhältnis zwischen diesen beiden Menschen vermag sich nur der eine Vorstellung zu machen, der es aus der Nähe beobachtet hat."
„Ich weiß nicht, wo ich einmal gehört oder gelesen habe, Professor Herbold sei persönlich ein sehr unangenehmer Herr."
„Er ist es nur für solche, die eünen Menschen lediglich nach Aeußerlichkeiten zu beurteilen wissen. Für mich steht er als Charakter ebenso groß und verehrungswürdig da wie als Künstler."
„Haben Sie wirklich eine so hohe Meinung von seiner Kunst? Ich verstehe nicht viel davon, und ich erinnere mich:
auch nicht, jemals eines seiner Werke gesehen zu haben. Aber man pflegt seinen Namen nicht zu nennen, wenn von den ersten Bildhauern der Gegenwart gesprochen wird. Liegt seine Glanzzeit denn schon so weit zurück?"
„Er war noch an dem Tage, als ihn diese letzte, tückische Krankheit niederwarf, so genial und so schafsens- mächtig, wie nur je in seinem Leben. Aber er ist seit anderthalb Jahrzehnten mit keinem seiner Werke mehr an die Oeffentlichkeit getreten. Tie tiefste. Verstimmung über eine schwere Ungerechtigkeit, die ihm damals widerfuhr, hat ihn bewogen, auf die Anerkennung der Mitlebenden zu verzichten und einem zukünftigen, verständnisvolleren Geschlecht die Beurteilung seines Schaffens zu überlassen."
„Eine seltsame Art, erlittene Unbill zu rächen! Glaubt denn Ihr Professor im Ernst, daß die Strafe, die er da über seine Zeitgenossen verhängt hat, von irgend jemand schmerzlich empsunden werde, außer von ihm selbst?"
„Ich kann Ihnen darauf nicht antworten, Fräulein Hanna, so lange Sie den Mann nicht kennen. Er ist eben in jeder Hinsicht so ganz anders als die gewöhnlichen Durchschnittsmenschen, daß man ihm von vornherein Unrecht thäte, wenn man seine Entschlüsse und Handlungen mit dem kleinen Maßstabe der Alltäglichkeit messen wollte."
Hanna schwieg, und es gab eine kleine Stille, bis der Rechtsanwalt fragte:
„So wird Klemens Herbold die Vollendung des großen Werkes nicht mehr erleben, an dem Du gemeinsam mit ihm seit zwei Jahren arbeitest?"
„Aller menschlichen Voraussicht nach — nein! Und das ist es gerade, was mich so tief erschüttert. Tenn der Erfolg dieser Gruppe sollte — wie ich hoffe — wenigstens zum Teil wieder gut machen, was Unverstand und Beschränktheit an dem trefflichen Manne gefehlt hatte. Wenn Klemens Herbold vor sechzehn Jahren seiner Zeit zu weit vorausgeeilt war, und wenn sie ihn damals verlachte, weil sie die herbe Größe seiner Kunst nicht begriff, so würde man ihr heute eine ganz andere Aufnahme bereiten, dessen bin ich gewiß. Nur vier oder fünf Monate noch, und das Werk'wäre für die öffentliche Ausstellung fertig gewesen, in die zu willigen, ich ihn mit unsäglicher Mühe bestimmt hatte. Für die, die ihn lieben und die die ganze Tragik seines Schicksals mit ihm empfunden haben, ist es wahrhaft herzzerreißend, zu denken, daß er jetzt vielleicht als ein halb Vergessener aus dem Leben scheidet, während er noch einmal das Glück des Ruhmes in vollen Zügen hätte genießen können, wenn ihm nur eine kurze Zeitspanne mehr vergönnt gewesen wäre."
„Aber sagte nicht Bernhard soeben, daß Sie gemeinsam mit dem Professor an jenem Werke gearbeitet haben? Tie Hälfte des Erfolges fiele also auf Sie?"
Harro Boysen machte eine fast ungestüm verneinende Geste.
„Welchen Ruhmesanspruch dürfte der Schüler erheben für die Handlangerdienste, die er seinem Meister geleistet! Es war Glück genug für nlich, daß er mich solcher Mitarbeit für würdig hielt."
„Und nun? Wird die Gruppe jetzt etwa unvollendet bleiben?"
„Ich weiß es nicht; denn der Schöpfer allein hat darüber zu bestimmen, was mit ihr geschehen soll. Und er hofft noch immer, zu genesen. Sein starker Geist wehrt sich noch mit Riesenkraft gegen den täglich fortschreitenden Versal! seines armen schwachen Leibes."
„Natürlich ist es Fräulein Herbold, die ihren Vater in seiner Krankheit Pflegt. Und Sie stehen ihr dabei freundschaftlich zur Seite, nicht wahr?"
Es war durchaus nichts Spöttisches in dieser Frage Hannas gewesen, und Bernhard, der einen raschen, mißtrauischen Blick auf das Gesicht der Schwester geworfen, sah zu seiner Beruhigung, daß sich auch die feine sarkastische Linie nicht zeigte, die zuweilen im Gespräch an ihren Mundwinkeln sichtbar wurde. Dem jungen Bildhauer aber war überhaupt nicht für einen Moment der Verdacht gekommen, daß ihre Worte etwas anderes, als der Ausdruck einer herzlichen Teilnahme sein könnten.
(Fortsetzung folgt.)


