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ganz zufällige sei, war längst geschwunden, sein biederer, offener Charakter hatte keinen Raum für unbegründetes Mißtrauen. Und angesichts dieses Unglücks schämte er sich fast jenes bitteren Gefühls wegen, das eine so nahe Verwandtschaft mit der von ihm so gehaßten Eifersucht zeigte.
Doch jetzt das Geräusch sich nahender Menschen! Man kam, und dem Unglücklichen würde Hilse werden. Es mußte alles aufgeboten werden, das fast entschwundene Leben zu retten, nicht allein aus Nächsten- und Freundesliebe, sondern auch, um dem Thäter auf die Spur zu kommen; denn es war doch immerhin möglich, daß Mohrmann seinen Angreifer erkannt hatte. Sie mußten sich ja gegenübergestanden haben, Auge in Auge, Mann gegen Mann, dafür zeugte der Schuß in die Brust.
Man hatte den Verwundeten vorsichtig auf die mit Matratzen belegte Bahre gehoben und eine leichte Decke über ihn geschlagen. Zu jeher Seite ein Fackelträger, setzte sich nun der traurige Zug in Bewegung. Der Forstmeister und seine Beamten sahen ihm noch eine Weile nach, dann schlugen auch sie still und nachdenklich den Nachhauseweg ein.
Hin und wieder wurde eine leise Vermutung zwischen den drei Männern getauscht, die sich aus den traurigen Vorfall bezog. „Ich kann kaum glauben", sprach unter anderem der Forstmeister, „daß der Staatsanwalt die Person gewesen ist, aus die es der Mörder abgesehen hat. Wahrscheinlich war die Kugel mir bestimmt. Wir sind so ziemlich von gleicher Höhe und Stärke, da war es wohl leicht, uns in der Dunkelheit zu verwechseln. Ich mache mir deshalb auch Vorwürfe, daß ich Mohrmann auf diesem Weg allein gelassen habe."
„Aber, Herr Forstmeister, Sie konnten doch nicht ahnen, daß hier eine Kugel auf den Herrn Staatsanwalt lauere", sprachen die Beamten.
„Nein, allerdings nicht, aber ich! hätte ihn dennoch! zurückhalten sollen, gerade diesen Weg zu gehen, auf dem er heute schon die seltsame Begegnung hatte."
Der Forstmeister erzählte nun die Vorgänge des Nachmittags und Abends.
„Tann stammt auch, die Kugel von einem jener beiden, wer wohl der Rothaarige sein mag?"
„Das zu erforschen wird Sache der Untersuchung sein, ob es aber gelingen wird? Karsten wird sich schon herauslügen."
Das gaben auch die beiden anderen zu. Ja, es würde schwer halten, den Schuldigen zu fassen, obgleich auch sie nicht zweifelten, daß der lieberfall einem anderen gegolten hatte, so war nun gerade dadurch, daß der Staatsanwalt das Opfer geworden, die Sache verwickelter geworden; denn dadurch fiel dem äußeren Anschein nach jeder Verdacht, daß die That von Wild- oder Forstfrevlern verübt sei, fort, während ein stichhaltiger Grund, der die That als einen Racheakt gegen Mohrmann ausfassen ließ, auch gerade nicht vorhanden war, hingegen Werner, durch zwar gerechte, aber strenge Ahndung jeder Uebertretung der in sein Bereich fallenden fiskalischen Gesetze, sich Feinde erworben hatte.
(Fortsetzung folgt.)
Vom Monat September.
September 1901.
(Nachdruck verboten.)
Mit dem September geht der Sommer zur Neige, fast sämtliche Wald-, Feld- und Gartenfrüchte sind gereift und werden eingeerntet, wodurch der Markt eine Fülle notwendiger wie auch üppiger Gaben bietet. Gut versorgt ist der Obstmarkt mit Nutz- und Dauerobst, sowie mit Nach- tischsrüchten, wie Pfirsichen, Melonen und Weintrauben. Der Wald liefert zum Einkochen reiche Mengen Preißel- beeren. Auch die scharlachroten Hagebutten sind schon zu bemerken, die vorzügliche Suppen, Saucen, Kompotts, und Fruchtkonserven geben. Zu der reichen Obstwahl kommen die reifen Wallnüsse und die im dichten Blätterschmuck geborgenen Haselnüsse. Spanischen Pfeffer und Tomaten bietet der Markt in Menge. Gute madenfreie Pilze liefert der Wald bei nicht allzu großer Trockenheit den ganzen September hindurch. Als bemerkenswerte Neuheit, freudig begrüßt von der feinen Küche, erscheint die Aristokratin der Pilze, die schwarze Hannoversche Trüffel.
Wenig verändert ist'der Gemüsemarkt bis auf zarten jungen Spinat, der sorgsam zubereitet und mit Bruunen-
kresse, Petersilie oder Schnittlauche gewürzt, immer ein gesundes, und wegen seines reichen Stickstoffgehaltes auch nahrhaftes Gemüse ist. Die Kohlarten befinden sich noch! im besten Wachstum, die Köpfe des Rotkohls sind noch etwas klein, besser ist der Weißkohl und zur schnellen Zubereitung von srischem Sauerkraut schon geeignet. Blumenkohl geht fast durchweg in die Delikateßhandlungen, nur wenige Großhändler des Marktes haben gute Ware. Man achte stets darauf, nur frischen Blumenkohl zu bekommen; denn welkgewordener schmeckt kohlrübenartig. Auch schon kleine Proben Rosen- oder Brüsseler Kohl^ sieht man, bei uns ist er nur Luxusgemüse, in Holland ist er Volksnahrung. Endivien ist in guter Bleichware vorhanden, zum Teil auch noch gute grüne und Wachsbohnen, Schoten werden knapper. Die Gurkenvorräte werden schnell geringer, namentlich gute Salatgurken. Reife Früchte für Senfgurken sind jetzt am besten, ebenso werden eine Menge kleiner Gurken sür Pfeffergurken angeboten. Die mährische Stadt Znaym hat sich durch! eingelegte Pfeffergurken einen Weltruf erworben. Sellerie und alle Wurzelgemüse werden in guten Knollen angeboten. Sellerie gehört zu den beliebtesten Knollengewächsen der kultivierten Pflanzen. Mitte des 17. Jahrhunderts tauchte er aus Italien eingeführt in Frankreich auf, um sich von dort nach, Deutschland und den Niederlanden zu verbreiten, er wird in Suppen, Salat, gebacken, gefüllt, in Saucen und auch als Gemüse gegessen. Eine wohlschmeckende Zubereitung ist die folgende: Man wäscht einige zarte Sellerieknollen gut, schält sie und schneidet sie in Scheiben. Inzwischen verkocht man ein Stück in Mehl gerollte Butter mit 3 Tassen Sahne, sügt Pseffer und Salz bei, kräftigt die Sauce mit einer Messerspitze. Liebig's Fleisch-Extrakt, dämpft den Sellerie in der Sauce ein Weilchen durch, und reicht sie zu Bratwurst oder gebratenem Fleisch.
Als Neuheit des Gemüsemarktes sind Teltower Rübchen zu erwähnen. Für Rettichliebhaber giebt es guten Winterrettich, weißen Herbstrettich und in den Delikateßläden schneeigen Bamberger oder Münchener Rettich. Von den in allen Sorten gut gediehenen Zwiebeln kommen nun auch die in der feinen Küche sehr geschätzten Rockenbollen in den Handel. Die Rockenbolle ist eine sogenannte Luftzwiebel, von der man nicht die im Boden wachsende Zwiebel, sondern die an Stelle der Blütenköpfe auf 40 Zentimeter hohem Stiel sich entwickelnden kleinen Zwiebeln, die von der gemeinsamen Blütenhülle wie von einer bräunlichen Papierdüte umschlossen sind, verwendet.
Im September ist das Hausgeflügel von gutem Geschmack, die ersten Puten erscheinen, ebenso Poulets und Poularden zum Teil aus Mastanstalten jenseits des Rheins.
Tie Wildsaison entwickelt sich, im Laufe des Monats zu voller Höhe, die Jagd auf Hasen, Auer-, Birk- und Haselwild, Fasanen und Wachteln beginnt. Hirsch, Reh, Hase, Rebhuhn und Fasan bilden die Hauptartikel in den Wildhandlungen. Zu der reichen Wahl gesellt sich noch des Häsens nächster Verwandter, das Kaninchen. Welche Bedeutung das Kaninchen als Volksnahrungsmittel sch!vn erlangt hat, beweist folgende Versandnotiz einer deutschaustralischen Zeitung: „Mit dem Dampfer „Maori" wurden in der letzten Woche 9000 Körbe, mit der „Narrung" 8500 Körbe, mit dem Dampfer „Kent" 11000 Körbe und mit dem Dampfer „Sussex" 12 000 Körbe Kaninchen nach London verschifft. In Frankreich, Belgien und England ist das Kaninchen für die bürgerliche Küche schon lange eingeführt; gebraten, geschmort oder auch als Frikassee kommt es auf den Tisch. In Deutschland findet es noch wenig Beachtung. Mit kräftiger Sauce nach ungarischer Art giebt es eine recht gute Speise. Zwei Kaninchen schneidet man in Stücke, bestreut sie mit Salz, dämpft sie nebst einer sein geschnittenen Zwiebel, und Wurzelwerk in 125 Gramm Butter halbweich, stäubt einen Lössel Mehl darüber, gießt nach einigen Augenblicken ein halb Liter Fleischbrühe aus 10 Gramm Liebigs Fleisch-Extrakt und einviertel Liter saueren Rahm zu und bringt alles unter fortgesetztem Rühren zum Kochen, dann würzt man die Brühe mit einer Messerspitze Paprika, dämpft das Fleisch vollends weich, nimmt es heraus, entfettet die Sauce, seiht sie durch, kocht sie noch ein wenig ein, und giebt sie über den Kaninchen auf.
Sehr gute Auswahl bietet auch der Fischmarkt, in erster Linie sind zu nennen: Karpfen, Hechte, Brassen; und viele Weißfische. Gleich gut sind die Seefische in allen


