Ausgabe 
10.2.1901
 
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Ich folgte ihm in die Kajüte, wo er sich rings um­schaute, als ob er erstaunt wäre, die Mahlzeit.noch nicht vorzufinden. Dann fragte er:

Wo ist das Frühstück, Steward?"

Ich bringe es gleich, Sir", antwortete der Mann, offenbar etwas eingeschüchtert, indem er seine Anstalten be­schleunigte.

So, Sie bringen es!" schrie mein Mann.Ei, Sie unverschämtes Faultier! Haben Sie nicht zwanzig Minuten Zeit gehabt und jetzt eben erst das Tischtuch aufgelegt? Wenn das Frühstück nicht in zehn Minuten auf dem Tisch steht" dabei zog er seine Uhr herausschreib' ich Sie wegen Ungehorsam ins Journal, schmeiße Sie aus der Kajüte raus und mache Sie zumJungen" vorne."

Und nun folgte eine volle Breitseite auf See üblicher Schmeichelnamen: Vagabund, Tümmler, Durchgänger und ähnliche Quarterdeckausdrücke. Der Steward, der wohl meinem Manne die Bekanntschaft mit diesen, in Seemanns­kreisen die höchste Verachtung ausdrückenden Beinamen gar nicht zugetraut hatte, war völlig niedergeschmettert, mur­melte, es wäre des Kochs Schuld und sprang in wenigen Sätzen die Kajütentreppe hinauf.

Sollte es sich hier um einen Kampf um die Herr­schaft zwischen mir und meinen Untergebenen handeln, so werden sie bald finden, daß ich doch etwas zu zähe für ihre Zähne bin, und wenn sie auch das dreifache Gebiß eines Haifisches hätten."

Mein Mann war augenscheinlich sehr aufgeregt; er atmete heftig und ging mit schnellen Schritten in der Kajüte auf und ab.

Was ist das für eine Mannschaft, die ich an Bord habe?" fuhr er fort.Wenn das in dieser Weise weiter fortgeht, haben wir Meuterei an Bord, ehe wir noch aus dem Kanal hinaus sind."

Ungehorsam bei einem Steward!" fuhr mein Mann fort,dem unnützesten Subjekt an Bord eines Schiffes! einem Stubenmädchen in Hosen!einer Kreatur, die nichts zu thun hat, als Messer und Gabeln zu putzen und auszu­passen, daß sie ohne Unfall mit dem Essen von vorne nach achtern kommt. Ich muß sagen, das ist wirklich, ein netter Anfang." i

Ich, war ebenso empört, wie er selber, behielt jedoch meine Gedanken für mich- und da derMSteward noch vor Ablauf der festgesetzten zehn Minuten das Frühstück auf den Tisch gebracht hatte, standen wir nach kurzer Zeit an Deck und warteten darauf, daß einige Matrosen, die in das eben zu Wasser gelassene Boot gesprungen waren, es längsseit bringen sollten.

Schon war ich im Begriff, die kurze Hängleiter an der Schiffsseite hinabzusteigen, als Richard ausrief:Komm zurück, Jessie! Boot ahoi! Hakt das Boot wieder an! Herr Short, schicken Sie ein paar Leute nach achtern, das Boot aufzuhissen. Schnell jetzt! Diesen Wind müssen wir benutzen, ehe er wieder umspringt."

Sehr überrascht verließ ich das Fallüeepl

Der Wind ist herumgegangen, so daß wir jetzt weiter können, Jessie", erklärte mir mein Mann.Deine Ent­täuschung thut mir sehr leid, aber verlaß Dich, darauf, es ist besser so."

Meine Enttäuschung war nicht so groß, wie er annahm. Wohl hätte ich, mir gerne die von dem Salzhauch, des Meeres umwehte, malerische Stadt angesehen, die sich hinter dem weißen, kieselbedeckten Strande erhob. Mein Eifer war aber durch, den kleinen Auftritt in der Kajüte und die sich daran knüpfenden Betrachtungen erheblich herabgestimmt, und da es schien, als ob mein Mann froh wäre, den ge­planten Ausflug vereitelt zu sehen, tröstete auch' ich mich schnell. (

Der Wind mußte in dem Augenblick umgesprungen sein, wo ich im Begriff war, in das Boot zu steigen, und doch war der Wechsel nicht plötzlich genug gewesen, um der Wachsamkeit meines Mannes zu entgehen. Ich, ging nach achtern, um niemand im Wege zu sein, setzte mich auf die Gräting und beobachtete genau den Vorgang des Unter­segelbringens.

Die westwärts bestimmten Schiffe in den Downs waren ebenso flink, wie wir; von einigen ertönte bereits das Klipp- Klapp des Spills und das Klappern der hereinkommenden

Ankerkette. Sobald unser Boot aufgehißt war, begab sich unsere ganze Mannschaft nach vorne auch das finstere Gesicht des Stewards bemerkte ich darunter und be­mannte das Ankerspill. Herr Heron stand ganz vorn auf der Back, der Zimmermann hüwte mit den übrigen Leuten, und mein Mann ging auf dem Quarterdeck langsam auf und nieder.

Der Steuermann, dessen Posten beim Ankerlichten ganz vorne ist, pflegt die Leute bei dieser schweren Arbeit anzu­feuern und zu ermutigen. Herr Heron stand da, ohne ein Wort zu sprechen und sah nur anscheinend teilnahmlos zu. Man hätte ihn eher für einen Passagier und zwar für einen Zwischendeckspassagier halten können, als für einen Steuer­mann, die verantwortlichste und beschäftigtste Person an Bord eines Schiffes.

Sobald der Anker auf war, wurden sämtliche Segel beigesetzt, und nun zeigte unsere kleine Klipper-Bark erst, was sie leisten konnte. Wie ein Rennpferd über die Bahn, so jagte sie durchs Wasser, und bald hatten wir sämtliche Schiffe, die mit uns vor Anker gelegen hatten, überholt und weit hinter uns gelassen.

Deinetwegen thut es mir leid, Jeß, daß wir nicht an Land gehen konnten", sagte Richard zu mir, als ich gerade durch ein Doppelglas die majestätischen Felsen von Dover betrachtete.

'Das ist gar nicht nötig, Schatz", erwiderte ich.Dies ist doch wahrlich viel schöner, als ein Spaziergang durch Deal."

Ich kann es Dir ja jetzt sagen", fuhr er fort,daß nur Dein Wunsch, an Land zu gehen, mich dazu veran­lassen konnte. Ich hätte keine ruhige Minute an Land gehabt mit dem Bewußtsein, Heron hier als Befehlshaber der Bark zurückzulassen."

Traust Du ihm denn so wenig zu?"

Ich traue ihm überhaupt nicht", meinte er kopf­schüttelnd.Es thut mir leid; denn er mag vielleicht ganz gut sein. Abgesehen von seiner Befähigung als Seemann, scheint mir sein Charakter zweifelhaft."

(Fortsetzung folgt.)

Stockholm im Winter.

Von Paul Elsner.

(Nachdruck verboten.)

Leise, leise ist er gekommen, der erste Schnee in der stillen, dunklen Nacht. Wie mit einem Zauberschlage ist das düstere Grau, bisher die vorherrschende Farbe der Stadt, den schimmernden Flocken gewichen, die in immer dichtere» Tänzen vom Himmel herabschweben, um die Residenz als eine echte Königin des Nordens, mit einem Diadem funkeln­der Schneejuwelen zu schmücken. Das Rädergerassel in den Straßen verstummt, und rasch und leicht gleiten mit klingen­den Schellen die Schlitten durch das von der Sonne be­glänzte, blendende Schneemeer. Aus kostbaren Pelzen blühen die frischen, rosigen Gesichter all der Damen hervor, die, bequem in den Schlitten zurückgelehnt, die über Nacht gekommene Herrlichkeit auch nächster Nähe betrachten wollen und mit graziösem Neigen des blonden Hauptes für die ihnen gespendeten Grüße danken. In rascher Fahrt geht es zur Stadt hinaus, aus deren Schornsteinen eine ganze Wolke hellster Rosen in die frostklare Luft emporsteigt. Sie erblassen und erstrahlen dann wieder in Purpurfarben, um endlich vor dem erwachenden Nordwind in einen feinen Blütenstaub zu zerfließen. Der Djurgarden ober1 das ro­mantisch gelegene Gasthaus von Lidingöbros ist das Ziel Von hier erschließt sich ein herrlicher Blick auf die reif­frostblitzenden Tannenwälder mit blaßrotem Schein über ihren Wipfeln, auf die von der Anhöhe wie eine luftige wetßgraue Wolke herniederschauenden Birkenwälder, auf die weiten Felder, bereit daunenweiche, glitzernde Decke nur hier und da eine rauchende Bauernhütte unterbricht, bis tn der Ferne Nadelwald und ein Bergrücken ihre schwarzen Striche zwischen der weißen Erde und dem blaugefrorenen Himmel ziehen.

Im Dezember, der nur einen Uebergang von dem dunllen, schneelosen Spätherbst zum frischen, nordischen Winter hildet, bleiben freilich die ersten Schneefälle nicht immer liegen. Sie kommen und gehen. Welche Freude aber.