Ausgabe 
9.7.1901
 
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Ich wollte ihr folgen, blieb aber ratlos stehen. War dies das Benehmen einer glücklichen Brant? Oder hatte ich sie allzcksehr überrascht und erschreckt? Ich wollte mir einreden, dah alles gut sei, und ich der glücklichste der Sterblichen vergebens. Ein unbefriedigtes, quälen­des Gefühl hatte mich erfaßt, und ich! vermochte es nickst wieder los zu werden. Würde ich so gehandelt haben einer Tarne meines Standes gegenüber? Hatte ich! gefragt, ich, der ich stets so stolz von dem Rechte des einzelnen, über sich zu bestimmen, sprach; hatte ich nicht vielmehr ihre Verwirrung benutzt, um das Wort zu erzwingen, das ich hören wollte? Und ein jäher Schrecken durchfuhr mich:, hatte ich überhaupt ihr Jawort? Hatte sie ein einziges Mal meine Liebkosungen erwidert? Nein, nein. Ich, hatte sie an mW gerissen, wie ein Ting, nach, dem ich nur die Hand auszustrecken brauchte, um es mir zu eigen zu machen.

Mit tiefer Beschämung gestand ich mir alles ein. Reuig wollte ich um ihre Verzeihung flehen, es ihr über­lassen, über mein Geschick zu bestimmen. Ich! trat aus den Bäumen hervor. Tie Sonne warf wieder funkelnde Tiamanten über den See, und begann ihre rosigen Schlösser zu bauen. Doch auf mir lastete es schwer, als hätte ich, ein Verbrechen begangen, und die helle Strahlenglut that meinen Augen weh. Ich wandte mW hinweg, und stand plötzlich Auge in Auge Sigurd gegenüber. War er mir nachgeschlichen, hatte er uns belauscht?

Sein Antlitz war fahl, unb in den Augen brannte ein düsteres Feuer. Er hob die geballte Faust einen Augenblick nur, dann ließ er sie sinken, und trat lang­sam auf mW zu.

Ich, bin fein Lauscher und Schleicher", sagte er mit tiefer, tonloser Stimme,ich will es gestehen, ich sah Sie vorhin, und--" Er brach jäh ab, und wieder ballten

sW die kräftigen Hände.

So groß aber war der Schmerz, der sich in diesen kühnen, entschlossenen Zügen abze'ichnete, so verzweifelt sah der ganze Mann ans, dah W stillschweigend stehen blieb, und verwundert wahrnahm, wie meine frühere Abneigung sich in tiefes Mitgefühl verwandelte. Ja, W glaube, idji hätte sogar eine körperliche Beleidigung geduldig ertragen. War es auch gegen meinen Willen, so hatte W doch dem Lebensglück dieses Mannes einen Todesstoß versetzt, und ihm das Wesen geraubt, das er wohl in Gedanken längst sein eigen nannte.

Ich weiß es ja", fuhr er in demselben unheimlich ruhigen Tone fort,W bin ein _ einfacher Mensch, kann ihr nichts geben. Thor, der ich war, auf die Treue eines Kindes zu bauen! Ihr zuliebe verzichtete W darauf, Seemann zu werden, ihr zuliebe hielt ich, es aus in den engen Kontoren an ihrer Seite wäre 'mir alles leicht geworden. Einen guten Menschen hätte sie aus mir machen können, glaube ich Großes sanneu wir für die Zu­kunft dieser Inseln, und jetzt ist alles vorbei."

Ich wollte seine Hand nehmen, ihm begütigend zu­reden. Wie von einer Natter gestochen, fuhr er zurück.

Sparen Sie Ihr Mitleid", sagte Sigurd, sich stolz aufrWtend,nicht darum habe ich Sie hier erwartet. Erst dachte ich, daran, Sie niederzuschlagen. Tie See ist tief und verschwiegen, und sie hätte auch für mich: Raum gehabt. Tann aber dachte ich an sie, das Mädchen, das so hoch dasteht, von alten geehrt, und ich fühlte, daß W sie trotz alledem noch: liebe. Nicht will ich daß die Leute, in ihrem Wahne bestärkt, sie als unheilbringende Nixe verfluchen und verfolgen, bis sie selbst, von Gram und Reue erfaßt,' Vergessenheit in den Fluten sucht aber W will auch nicht, daß sie zum Gespötte der Leute werden soll. Mich treibt's fort von hier, und ihr einziger Beschützer ist ein alter Mann. Die feinen Städter haben so eine eigene Art, ich weiß es wohl. Zum Zeitvertreib ist ihnen so ein junges, hübsches Ding gut genug, aber" Beleidigen Sie Gunhilda und mich nWt", rief ich, jetzt wieder ganz ich! selbst.Mann gegen Mann stehen mir uns hier gegenüber. Die ewige See sei unser Zeuge, als Gattin führe ich, sie, so Gott will, in das Haus meiner Väter."

Tie See ist wankelmütig tote des Weibes Gunst", sagte er bitter lächelnd.Einen anderen Zeugen wünschte ich-

mir. Doch Ihnen will W Glauben schenken wen Gun- hilda liebt, der muß ein braver Mensch sein."

Am Ufer lag ein Nachen lose angebunden. Er sprang rasch hinein, ergriff die Ruder, und bald sah ich nur einen schwarzen Punkt weit draußen auf der glutrotes Fläche der See die Sonne nahte sich ihrem Untergange.

Achtes Kapitel.

Als ich mW endlich entschloß, den Rückweg anzutreten, begann es bereits zu dämmern. Im Hause sand ich alles zum Aufbruch bereit; man wartete nur auf Sigurd und mich.

Ein fremder Gast hatte sich indes eingefunden: Dr. Falsen, der sich auf dem Wege nach dem Pfarrhanse befand und sehr erfreut war, hier seine Wirte zu treffen. Er kam mir schon im Garten entgegen, und darauf fußend, dah er mich schon als Krtaben gekannt hatte, behandelte er mich mit der größten Vertraulichkeit, erzählte allerlei Stadtneuigkeiten und berichtete zuletzt, daß mein Onkel dieser Tage als Minister in den Rat des Königs be­rufen sei.

Noch will man es mit dem Alten versuchen", sagte er mit seiner klaren, scharfen Stimme.Aber bald wird das Lied aus sein, und bann kommt die junge Generation ans Ruder. Jetzt gilt es, das Segel nach dem Winde zu richten, junger Mann. Lavieren Sie gut, und Sie können übers Jahr vielleicht der Nachfolger Ihres würdigen Onkels werden."

Während dieser Rede musterte er mich? fortwährend mit feinen stahlgrauen Augen, die ebenso scharf und schneidig erschienen tote die blanken Messer, die er am Operationstisch so trefflich zu handhaben wußte.

Nun, mir kann es gleich sein, wie sie es treiben", fuhr er, behaglich seine feine Zigarre rauchend, fort. Uns Aerzteu ist ja die ganze Gesellschaft nur eine Ver­sammlung mehr oder weniger verwertbarer Objekte, da gießt es immer Schäden auszubessern. Krank ist der Eorpus der Welt und die einzelnen Individuen und glauben Sie es nicht, so fragen Sie nur unsere 'Dichterfürsten. Tie schildern Ihnen den ganzen Jammer trotz eines Me­dicus, und jedes Kind toeiü heutzutage, daß man sich nie zeitig genug von dem überflüssigen Ballast, Illusionen genannt, trennen kann. Potztausend", unterbrach er sich plötzlich, als Gunhilda mit leichtem Gruß an uns vorüber­schritt,wer ist denn die stolze Schöne? Sie scheint eigens hergekommen, um meine Worte Lügen zu strafen. So etwas sieht man doch nur hier weit fort von der Groß­stadt. Eine königliche Gestalt, auf Ehre."

Es ist Fräulein Hansen, die Tochter des Leuchtturm- bertoafterg", erwiderte ich kurz, den Doktor dorthin wün­schend, wo der Pfeffer wächst. In meiner Aufregung meiner Besorgnis um Sigurd, den ich jeder verzweifelten Handlung fähig hielt, eine Konversation führen zu müssen!

Tochter des alten Brummbären! Unmöglich!- Die hat Rasse, sage ich Ihnen." Er starrte ihr nach!, bis sie in der Hansthür verschwand.Wissen Sie, an wen Sie mich erinnert? An Ihre Tante, Cordelia Ravenskjold. Eine solche Erscheinung habe ich! seitdem nicht gesehen. Nun, kann jetzt gern die Jugendthorheit eingestehen. Sie war meine erste Liebe, und als sie mit ihrem Italiener davou- lief, kurierte sie mich: ein für allemal davon, mW in ein glattes Weibergesicht zu vergassen."

Ich blickte erstaunt auf. Noch! war fein Jahr ver­gangen, seit ich eine Anzeige gelesen hatte, in welcher der Brigadearzt den Verlust feiner heißgeliebten Gattin, der unvergeßlichen Mutter seiner Kinder, der Welt mitteilte.

Der Menschenkenner hakte in meiner Seele gelesen. Ruhig nahm er das Wort.

Sie meinen, ich habe mich doch verheiratet. Pah, lieber Freund, das ist etwas ganz anderes. Wer heiratet denn gleich seine erste Liebe? Einer ist in der Jugend zu arm dazu, ein anderer kann sich nicht entschließen, über den Rubikon zu schreiten, und ehe er sich's versieht, wird ihm die Geliebte vor der Nase weggeschnappt. Jeder muß es lernen, sich zu bescheiden. Erst genießt man seine Freiheit, dann sieht man sich unter den Töchtern des Landes um, und bietet sich eine passende Partie, so greift