322
taffen, werde ich mich solange fern halten, bis fte selcht mich auffordert zu tommen. Ich kann es nicht länger ruhig hinnehmen, daß sie mir ausweicht wie etwas Verhaßtem."
„Sie wird schon von selbst zur Einsicht kommen — verlaß Dich darauf. Aber es ist ganz richtig, daß Du fre Tein Gekränktsein fühlen lässest und eine Weile fortblerbst. Gerade das wollte ich Dir raten."
„Wenn ich nur nicht so furchtbar darunter litte, Hanna! Ach, ich kann Dir nicht sagen, wie oft und wie ingrimmig ich- diesen unseligen Brief schon verwünscht habe, der an allem schuld ist."
„Da er aber nun einmal da ist, muß man sich wohl mit seinem Vorhandensein abfinden. Wenn er wieder verloren ginge, ehe man ihn photographiert hat, würden ja alle Hoffnungen der Restorps unfehlbar zu Wasser werden — nicht wahr?" . ,,
„Da er der einzige greifbare Beweis für die Berechtigung ihrer Ansprüche darstellt — gewiß." _
„Findest Du nicht, Bernhard, daß es unter solchen Umständen eine sehr große Verantwortlichkeit ist, die Du mit seiner Aufbewahrung übernimmst? Wie nun, wenn er Dir gestohlen würde?"
„Fast hätte ich gesagt: Möchte es doch: geschehen! Aber das ist weder zu fürchten noch zu hoffen. Der Wandschrank dort ist völlig diebes- und feuersicher. Die Schlüssel aber, die ich während des Tages stets bei mir trage, pflege ich in der Nacht unter meinem Kopfkissen zu verwahren/
„Einen Mangel an Vorsicht also könnte man Dir jedenfalls nicht zum Vorwurf machen, wenn etwa dennoch ent Unglück geschähe, doch will ich Dich jetzt nicht langer in Deiner Arbeit stören. Also ich bin den ganzen ^rag für niemand zu sprechen — hörst Du — auch nicht für Harro. Uebrigens ist es garnM wahrscheinlich, daß er heute kommt." .
Sie ging, und ihr Verlangen nach ungestörtem Alleinsein mußte wohl in der That ein sehr ernsthaftes sein, da sie beide Thüren ihres Zimmers hinter sich, verschloß.
Vierzehntes Kapitel.
„Ich: muß Sie in einer für Sie Sie sehr wichtigen Angelegenheit unbedingt noch heute sprechen. Erwarten Sie mich nm sieben Uhr im Konversationszimmer Ihres Hotels-
Der kleine Zettel, den Hubert Wedeking dem mattroten Umschläge eines eben eingelaufenen Rohrpostbriefes entnommen hatte, enthielt nichts als diesen lakonischen Befehl. Er war so wenig mit einer Anrede als mit einer Unterschrift versehen, und die festen, gleichmäßigen Züge machten es zweifelhaft, ob eine männliche oder eine weibliche Hand die Feder geführt habe. .
Der Regierungs-Assessor aber schien m Bezug aus die Herkunft des winzigen Blattes doch eine sehr bestimmte Vermutung zu hegen; denn sein hübscher, energisch geformter Mund verzog fich zu einem behaglichen Lächeln.
„Wenn sie Lust hat, das Abenteuer fortzusetzen", sagte er vor sich hin, „weshalb sollte ich mich dagegen sträuben?"
Und durch ein Klingelzeichen rief er den Hoteldiener herbei. ■ , , .
„Ich habe unten im Bureau für heute abend einen Logensitz im Opernhause bestellt. Ich mache Ihnen denselben zum Geschenk. Vielleicht gelingt es Ihnen, einen Abnehmer dafür zu finden."
Der Kellner verbeugte fich dankend.
„Haben der Herr sonst noch einen Befehl für mich?"
„Ich bin von fünf Uhr an nicht mehr zu Haus. Tas heißt, ich erwarte einen Besuch, und will nicht gestört sein. Sie verstehen mich?"
Ohne daß sich eine Muskel in seinem glattrasierten Gesicht verzogen hätte, verbeugte sich der Kellner abermals.
„Vollkommen, Herr Regierungs-Assessor!"
Und das Zimmermädchen soll den Salon ein bischen behaglich machen. Vielleicht hier nnd da ein paar frische Blumen, und mit dem Zerstäuber irgend ein diskretes Parfüm! Es soll nicht so niederträchtig nach dem Gasthause riechen." _
„Es wird alles geschehen, wie Sie es befehlen.
Hubert Wedeking nickte, und der dienstbare Geist war entlassen. Noch einmal nahm der Assessor den Zettel zur Hand und studierte aufmerksam die schönen, charaktervollen Schriftzüge.
„Es ist von ihr — daran giebt's gar keinen Zweifel", bestätigte er sich seine erste Vermutung. Sie schreibt, wie sie spricht und wie sie aussieht. Also hat sie mich damals mit gleicher Münze bezahlt, die kleine Gletscherhexe! Das gefällt mir — und es giebt überdies einen hübschen Anfang für das zweite Kapitel unseres Romans. Wir können damit beginnen, uns gegenseitig anszulachein. Und ihr Lachen ist so entzückend! Gebe der Himmel, daß dieser Abend ebenso vergnüglich werde, wie es das Plauderstündchen in der Region be§‘ ewigen Eises war."
Und er spann den angenehmen Gedanken, der für den Angenblick alle lästigen Sorgen aus seinem Kopfe verscheucht hatte, lächelnd weiter, während er sich zum Aus- !geheu ankleidete. Denn die Uhrzeiger wiesen erst auf drei, und er konnte gemächlich dinieren, ohne daß er hätte fürchten müssen, das Stelldichein zu versäumen.
Als er den Glaeeehandschuh über die Linke streifen wollte, siel sein Auge auf den schmalen, schlichten Goldreif, den er am Ringfinger trug, und er zog ihn ab, um ihn in der Westentasche verschwinden zu lassen.
„Ich könnte es nachher vergessen", dachte er, „und ich vermute, er würde uns stören."
Tann barg er den Zettel, dessen Absenderin er mit solcher Bestimmtheit erraten zu haben glaubte, sorgfältig in seinem Portefeuille, und schritt mit den leichten elastt- schen Schritten eines seiner Jugendkraft und blühenden Gesundheit bewußten Mannes die mit dicken, weichen Teppichen belegte Stiege hinab.
Zwanzig Minuten vor sieben Uhr kehrte er in das Hotel zurück. Tie vortreffliche Mahlzeit hatte sein Gesicht lebhafter gerötet, und seine Augen schwammen in jenem eigentümlichen Glanze, den der Champagner zu erzeugen pflegt. Der mit erlesener Pracht ausgestattete Empfangssalon war zufällig leer, und Hubert Wedeking ließ sich behaglich in einen der schwellenden Sessel fallen, um ohne besonderes Interesse in dem ersten besten Journal zu blättern, das er auf dem mit Büchern und Zeitungen bedeckten Tische gefunden. Die Ungeduld, mit der er dem bevorstehenden Abenteuer entgegen sah, schien nicht eben eine brennende zu sein; denn als er nach Verlauf einer Viertelstunde die Zeitschrift mit lässiger Handbewegnng beiseite legte, verriet ein leichtes Gähnen, daß er sich allgemach zu langweilen begann.
Da wurde die Glasthür geöffnet, und eine schlanke, dunkle Mädchengestalt trat herein. Ihr Gesicht war hinter einem dichten, fast undurchsichtigen Schleier verborgen; aber Hubert Wedeking erkannte sie nichtsdestoweniger sofort. Ter gelangweilte Ausdruck war augenblicklich aus seinen Zügen verschwunden/ und er sprang elastisch ans seinem Sessel empor, um ihr entgegen zu gehen. Als erriete sie das vertrauliche Wort, das er auf den Lippen hatte, und als wollte fte ihn unter allen Umständen verhindern, es auszusprechen, kam Hanna seiner Anrede zuvor.
„Ich! habe mich entschlossen, Sie aufzusuchen, Herr Wedeking, weil ich glaube, Ihnen eine wichtige Mitteilung machen zu können. Werden wir hier nnbelauscht fern?
Er ging sofort auf den von ihr angeschlagenen Ton ein, und seine Erwiderung klang ebenso ehrerbietig als artig. ...
„Ta es ein Saloti ist, der allen Hotelgästen und ihren Besuchern offen steht — wohl kaum! Ich wußte in diesem Hans "keinen anderen Ort, an dem wir vor Späheraugen und Lauscherohren unbedingt sicher wären, als mein Zimmer." t
„Und ich: habe Ihr Ehrenwort, daß ich Ihnen dahm folgen dürfte, ohne mein Vertrauen in Ihre Ritterlichkeit später bereuen zu müssen?" . .
„Es beschämt mich tief, mein gnädiges Fräulein, daß Sie eine solche Frage für notwendig halten."
„Nun wohl, lassen Sie uns denn gehen!"
Tie aus einem kleinen eleganten Salon mit anstoßendem Schlafzimmer bestehende Wohnung des Regierungs-AsstssE lag int zweiten Stock. Hanna hatte es abgelehnt, den Fahrstuhl zu benutzen, und sie war ein wenig außer Atem, als fte oben angenommen. Noch ehe sie ihren Fuß in das Gemach setzte, dessen Thür er dienstfertig vor ihr geöffnet hatte, sagte sie: , .
„Oeffnen Sie, bitte, ein Fenster! Mir ist warm, um


