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„Nicht gerade irrt gewöhnlichen Sinne dieses häßlich klingenden Wortes. Wenn er hier und da ein wenig von der Wahrheit abweicht, so geschieht es immer nur, weil ihn zuvor eine allzu lebhafte Phantasie und ein unverwüstlicher Optimismus verführt hatten, sich selbst zu belügen, und weil das schöne Wahngebilde dann in seiner Vorstellung allgemach zur Wirklichkeit geworden war. Ich weiß nicht, Hanna, -ob Tn verstehst, wie ich das meine?"
Römer in den frühesten Zeiten, die fortwährenden Kämpfe der Germanen und die Kämpfe der Deutschen mit den roheir Völkerschaften des Mittelalters haben die Sprache mit vielen fremdartigen Auswüchsen „bereichert" und so in ihrer Grundlage verdorben.
Tas 16. Jahrhundert erst brachte uns einen Mann — Martin Luther, — welcher sich mit ganz entschiedener Vorliebe seiner verdorbenen Muttersprache annahm und mit dem schönen, kräftigen Laute deutscher Zunge Wunder that; dafür hat ihm unsere Nation unendlich viel zu danken. Leider aber reifte die ausgestreute Saat nicht zur gedeihlichen Frucht —: kaum im Aufblühen begriffen, wurden die Felder der Wissenschaft durch den Sturm des 30 jährigen Krieges verwüstet; die fremden Söldlinge hatten mit ihren über Deutschland gebrachten Drangsalen auch den verderblichsten Einfluß auf die Sitten unseres Volkslebens geäußert. Dem zerrissenen, tiefverwundeten Deutschland ward freilich endliche der ersehnte Friede wiedergegeben, doch die Reinheit der Sprache und der Sitten war dahin, und es bedurfte langer Zeit, ehe der Genius der Wissenschaft sie rvieder aufzurichten vermochte.
Einer dieser Ersten der Wiederhersteller ihrer Spache war Martin Opitz, der Begründer der schlesischen Dichterschule, und viele seiner Zeitgenossen bemühten sich, den Acker in der angefangenen Weise von Dornen und Disteln zu säubern. Eine Menge gefeierter Namen hat uns dre Geschichte als fleißige Mitarbeiter auf dem Gebiete deutscher Sprache und Dichtkunst hinterlassen, deren Andenken ttef im Herzen des Volkes wurzelt, wir nennen Flemming, Simon Dach Paul Gerhard, F. v. Logau, Gottsched u. s. w.; der Weg war einmal gebahnt, und er wurde mit Eifer ver- rolgt. Namentlich waren es auch, mehrere gelehrte Gesell- | schäften, wie der Palmenorden oder die Fruchtbringende Ge- wllschaft zu Weimar, die Aufrichtige Tannengesellschaft zu Ztraßburg, die Deutschgesinnte Genossenschaft zu Hamburg, oer Blumenorden der Schäfer an der Pegnitz zu Nürnberg, der Schwanenorden an der Elbe und die Deutsche Gesell- schäft zu Leipzig, welche unsere Sprache zu veredeln und sie von dem Wncherkraute des Nichtdeutschen zu säubern be-
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Leider war damals die junge Presse ausschließliches Eigentum der „Nur"-Gelehrten, von einer Volkslrtteratur fand sich nur ganz vereinzelt eine kleine Spur; es fehlten Darum auch die Mittel, die veredelte Sprache tns Volksleben zu verpflanzen. Unter den Gelehrten jener Zett bestand der Sprache wegen ein ewiges Kämpfen und Ringen, I zur Umgangssprache der Vornehmen ward die französische I gemacht. Selbst Friedrich der Große war letder auf diesem I wichtigen Gebiete nicht mächtig genug, als erleuchtetster I Geist seines Jahrhunderts, der deutschen Sprache die ihr I gebührende Achtung zu verschaffen, obschon das Volk I darnach lechzte. Wir wissen von seiner Berufung Voltaires I an den Berliner Hof, und wir kennen ferne Schrift „De la I litterature allemande".
Deutsche Sprache, deutsche Sitten.
Von Maxim Trapp.
(Nachdruck verboten.)
Die Merkmale, durch welche ein Volk sich vonr andern unterscheidet, sind seine Sprache und seine Sitten; diese in der Reinheit des Glanzes zu erhalten, ist die erste Bedingung zur Selbständigkeit. Die besten und edelsten Sitten der Deutschen sind ihre Beharrlichkeit, ihre Treue; sie sind dem Deutschen gleichsam angeboren, mit seinem Leben verwachsene Charakterzüge, und er hat sie im Strome ..der Jahrhunderte zu erhalten gewußt, nicht gleiche Sorgfalt aber hat er auf die Reinheit feiner Sprache verwendet. Mancherlei Verhältnisse, besonders die Unterjochung der
„O ja — auch mir sind derartige sonderbare Phantasten I schon begegnet, und ich weiß, daß sie unter allen Lügnern I die gefährlichsten sind. Was also ist damals geschehen? I Und was haben Dietrich von Restorps Spekulationen mit I den Millionen-Ansprüchen seines Bruders zu thun?"
„Um Dir das klar zu ntachen, muß ich mich wohl genau I an den Bericht meines Schwiegervaters halten. Er erzählt, 1 daß vor nunmehr zehn Jahren sein Bruder Dietrich, mit I dem er sonst eben nicht in lebhaftem Verkehr stand, eines I Tages zu ihm nach Klitzow gekommen sei, krank, hinfällig, ein völlig gebrochener Mann. Er hatte alles verloren, was er besessen, und er fühlte, daß ihm diesmal nicht mehr Spannkraft gnenug geblieben war, sich von dem Schlage zu erholen. In bitteren Worten erging er sich über seinen alten Freund Wedeking, dessen kalte Selbstsucht ihm eine sehr schmerzliche Enttäuschung bereitet hatte. Eine der letzten Spekulationen, die sie gemeinsam unternommen — und zwar diesmal ans Wedekings hartnäckiges Zureden | — war die Erwerbung ausgedehnter Brachländereien in der Nähe des Badeortes Salzbergen gewesen. Die Terrains, ! die für eine nutzbringende Bewirtschaftung nur mit einem gewaltigen Kostenaufwande §u gewinnen gewesen wären, hatten an und für sich bei weitem nicht den Wert das dafür gezahlten Kaufpreises. Aber das Projekt einer vom Staate" zu erbauenden neuen Eisenbahnlinie schwebte in der Luft, und Wedeking war überzeugt, daß man dazu einen Teil dieser Ländereien brauchen und um jeden Preis kausen werde. Wie es bei derartigen allzu feinen Spekn- lationen öfter zu gehen pflegt, hatte er sich in dieser Berechnung getäuscht. Tie neue Eisenbahnlinie wurde zwar gebaut; aber sie umging in einem weiten Bogen jenes Terrain, das jetzt fast noch wertloser geworden war als zuvor. Für den reichen Wedeking bedeutete der Verlust nicht allzu viel; Dietrich von Restorp aber, der bald nachher bei anderen, größeren Unternehimmgen fein ganzes Vermögen verloren hatte, würde sich noch einmal in die Höhe gearbeitet haben, wenn er seinen Anteil an dem Spekulations-Terrain hätte veräußern können. Er war bereit, einen großen Teil des ans Wedekings Andrängen aufgewendeten Geldes preiszugeben, menn der Freund ihm seine Eigentumsrechte abkausen wollte. Aber er erfuhr eine kühle und bestimmte Zurückweisung, die ihn säst tiefer schmerzte, als sein wirtschaftlicher Ruin. Daran, daß er einen anderen Käufer für seinen Anteil au den beinahe wertlosen Ländereien sinden würde, warnachseinereigenen Versicherung nicht zu denken, und auch der Bruder ver- I dieser unpatriotischen Art der Reichen und Vormochte ihm nicht zu heljen. Seelisch tief bedruckt und I . en $ undeutscher Sitte zu fröhnen, war doch das Ge-
körperlich leidend, reiste er nach zweitägigem Aufenthalt I ) unferer ara mißhandelten Sprache günstig. Tie Zett
wieder von Klitzow ab. Wenn Tu das wettere verstehen I 1$ e ßJe ® gei'Hger Kräfte hervorgebracht; Männer sollst, muß ich Dir dies alles so ausführlich erzählen, I Vaterland und ihre Muttersprache liebten und alle liebe Hanna, obwohl ich sicher bin, daß es Dich wenig I ^tel aufboten um das verächtliche Nachäffen der überinteressiert." ,, I rheinischen Sprache und Sitten, welche die Salons ver-
„Doch! Es interessiert mich. Fahre nur fort! I Atet Utten verdrängen. Große Verdienste um die reute
(Fortsetzung folgt.) I grammatikalische Sprache erwarben sich Adelung, Campe,
Stosch, Eberhard, Heinsius, Ch. v. Schmidt u. a., wozu noch kam, daß um dieselbe Zeit die genialen Werke eines Klop- stock, Wieland, Schiller, Goethe, Matthisson nut dem tiefen Gehalt ihrer Dichtungen die Muttersprache wieder zu hohen Ehren brachten. Und die Liebe für vaterländische Sprache und Sitten steigerte sich und gewann einen sicheren Halte- vunkt durch den Freiheitskampf.
Da« edle Feuer begeisterter Vaterlandsliebe hatte sich tief in die deutschen Herzen gesenkt und infolge langjähriger knechtischer Bedrückung einen glühenden Haß für alles Fremdländische hervorgerufen. Nach dem Stege über den welterobernden Korsen Bonaparte kam ein neues Leben, eine andere edlere Denk- nnd Handlungsweise über das deutsche Volk. Derjenige, welcher eine andere Sprache als die deutschen Ursprungs redete, wurde als Feind detz


