Ausgabe 
9.5.1901
 
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Ihnen hoffentlich nur als ein Beweis dafür, daß wir Sie schon ganz als zur Familie gehörig betrachten."

Hanna gab eine unbefangen heitere Antwort, und es war wohl zumeist ihrenl feinen Taktgefühl zu ver­danken, daß die gute Laune des Hausherrn bald voll­ständig zurückkehrte. Er bestritt die Kosten der Unter­haltung auch jetzt fast ganz allein imd suchte seine Gäste für die Einfachheit der Bewirtung, die ihnen heute zuteil wurde, durch eine sehr lebhafte Schilderung der glänzenden Festlichkeiten und üppigen Tiners zu entschädigen, die nach seiner Darstellung auf Klitzow zu den alltäglichsten Dingen gehört haben mußten. Dabei ließ er beständig durchblicken, daß die Bescheidenheit seiner jetzigen Ver­hältnisse nichts als ein kurzer und im Grunde ganz inter­essanter Zwischenzustand sei, den zu beendigen eigentlich ganz von seinem Belieben abhänge. Als Inge eine halbe Stunde später mit einigen entschuldigenden Worten das Zimmer verlassen hatte, weil das Anrichten des Nachtisches ihre Anwesenheit in dec Küche notwendig machte, sagte er:

.Sollte man es für möglich halten, daß dies ge­schäftige Hausmütterchen die dereinstige Erbin von zwei Millionen ist? Wahrhaftig, mein lieber Herr Rechts­anwalt, Sie haben das große Los gezogen! Denn Inges wirtschaftlicher Sinn ist noch mehr wert als die dreimal- hunderttausend Mark, die sie Ihnen als Mitgift zubringen wird."

Hanna, die schon durch alle die früheren, ihr ganz unverständlichen Anspielungen in ein beständig wachsen­des Erstaunen versetzt worden war, glaubte ihren Ohren nicht trauen zu dürfen. Da die ernsthafte Miene des Hausherrn jeden Gedanken an einen Scherz ausschloß, rich­tete sie ihre Augen groß nnd fragend auf das Antlitz des Bruders, der mit verlegenem Lächeln ihrem Blick auszuweichen suchte und nach einigem Zögern eine ziem­lich nichtssagende Antwort auf Restorps Bemerkung gab. Dieser aber schien den Ausdruck einer grenzenlosen Ver­wunderung aus dem Gesicht seiner schönen Nachbarin wahr­genommen zu haben; denn er wandte sich an sie:

Sie wissen doch, daß Ihr Bruder sich seine Braut eigentlich erst noch erkämpfen muß? Nicht mit gewaltigen Heldenthaten; denn die schönen Zeiten des Rittertums sind ja leider unwiderbringlich, dahin, wohl aber mit den Waffen der Klugheit und des juristischen Scharfsinns, die heutzu­tage mehr gelten, als ein tapferer Arm und ein gutes Schwert. Der Tag, der mich in den Besitz der mir ge­stohlenen Millionen bringt, bedeutet auch für ihn den Sag seines höchsten Glückes."

Wieder schien Bernhards Blick die Schwester anzu­flehen, keine weitere Frage zu thun; diesmal aber schenkte sie der stummen Bitte keine Beachtung.

Ich bin in Verlegenheit, Ihnen darauf zu ant­worten, Herr von Restorp", sagte sie;denn ich weiß von alledem in der Thal nicht das geringste."

Wirklich nicht? Nun, alle Hochachtung, lieber Freund, vor Ihrer Verschwiegenheit! Aber ich entbinde Sie für diesen besonderen Fall ausdrücklich von Ihrer Ver­pflichtung zur Diskretion. Sic mögen Ihrer Schwester in Gottes Namen alles erzählen ja, ich bitte Sie sogar darum, damit das gnädige Fräulein nicht länger in dem Glauben lebt, es sei eine Bettlerfamilie, mit der sie ver­schwägert werden soll."

Ter Wiedereintritt Inges ließ ihn plötzlich verstummen. Und auch Hanna fragte zunächst nichts weiter. Aber ihr Wesen war seit diesem Augenblick merkwürdig verändert. Sie schien zerstreut und nachdenklich. So oft und so lange ruhte ihr Blick auf Inges anmutigem Köpfchen, daß das schüchterne junge Mädchen manchmal davon sichtlich! in Verwirrung gesetzt wurde, und es war kaum eine halbe Stunde seit der Beendigung des einfachen Mahles ver­gangen, als sie ihrem Bruder das Zeichen zum Auf­bruch gab.

Tie Verabschiedung von Inge war ebenso herzlich, als es vorhin die Begrüßung gewesen war, und Herr von Restorp, der es sich nicht nehmen ließ, sie bis zur Thür der Wohnung zu geleiten, schien aufrichtig entzückt von ihrer Versicherung, daß sie sich viel zu gut unter­halten habe, um nicht bald und oft wiederzukommen.

Viertes Kapitel.

Kaum hatten die Geschwister die Straße gewonnen, als Hanna ihren Arm in den des Bruders legte und mit einer gewissen Erregung sagte:

Was, um des Himmels willen, sollten diese Reden von einer Millionenerbschaft Deiner Braut und von einer nach Hunderttausenden bemessenen Mitgift bedeuten? Wie soll ich es mir erklären, daß Tu bisher von alledem mit keiner Silbe gesprochen?"

Ich wollte Dir zuvor Gelegenheit geben, Herrn von Restorp kennen zu lernen, Hanna! Seine kleinen Eigen­tümlichkeiten, die ja Deinem Scharfblick unmöglich ent­gangen sein können, sollten es Dir begreiflich machen, weshalb ich ihn gegen meine Ueberzeugung noch immer in einer für ihn so beglückenden.Selbsttäuschuug lasse."

Ah, es handelt sich also nur um eine Wahnidee? Ter Mann ist geistig nicht ganz gesund?"

O doch. Ter Anspruch, auf den sich seine hochfliegen- oen Hoffnungen stützen, ist möglicherweise sogar ein völlig berechtigter. ' Nur, daß er sich eben niemals beweisen lassen wird, und daß es aus diesem Grunde kaum etivas Aus­sichtsloseres geben kann, als den Prozeß, von dessen Aus­gang er die glückliche Wendung in seinem Schicksal er­wartet."

Was für ein Prozeß ist das? Komm, laß uns einen kleinen Umweg durch den Tiergarten machen! Ich mag noch nicht nach Hause gehen, unb man wird uns dort ebenso wenig belauschen, als daheim in unseren vier Wänden."

Bernhard willfahrte ihrem Verlangen, und als sie in das Halbdunkel einer matt erlenchteten Baumallee einge­treten waren, begann er:

Tu weißt, daß der Vater meiner Braut einen älteren Bruder hatte, und Du hast in unserem Elternhause sicher­lich oftmals von diesem Dietrich von Restorp erzählen hören. Er galt für einen genialen Kopf. Und in einem gewissen Sinne mag er es wohl auch gewesen fein, wenn­gleich seine sogenannte Genialität ihm nicht gerade zum Segen gereicht hat. Er hatte beständig die kühnsten und abenteuerlichsten Ideen, die sich bald auf irgend eine neue Lösung der sozialen Frage, bald auf eine weltbewegende Erfindung oder ein gewaltiges industrielles Unternehmen richteten. Als er bei den Versuchen, seine menschenbe­glückenden Pläne auszuführen, den größten Teil seines Vermögens eingebüßt hatte, verlegte er sich allerdings nur noch auf "rein geschäftliche Spekulationen. Und es kann gewiß als ein Beweis für seine ungewöhnliche Be­gabung gelten, daß es ihm mehr als einmal gelang, große Reichtümer zu gewinnen, die bann freilich immer inieber ebenso schnell bei anberen, mißglückten Projekten barauf gingen. Ta er eigentliche kaufmännische Kennt­nisse nicht besaß, konnte er für die Verwirklichung seiner oft geradezu tollkühnen Entwürfe den Beistand eines gewiegten Geschäftsmannes nicht entbehren. Und er fand einen solchen in der Person eines gewissen Wedeking, mit dem er übrigens schon von Jugend auf bekannt gewesen war. Nach allem, was ich davon weiß, muß das Ver­hältnis zwischen diesen beiden Männern ein höchst sonder­bares, von allen Gepflogenheiten kaufmännischen Verkehrs abweichendes gewesen sein. Es war offenbar ganz auf rück­haltloses gegenseitiges Verrrauen gegründet/ und wenn ich auch nicht behaupten möchte, daß Wedeking das Ver­trauen seines Freundes in betrügerischer Weise mißbraucht hat, so scheint Dietrich von Restorp doch in seiner genialen Verachtung der einfachsten Vorsichtsmaßregeln vielfach weiter gegangen zu sein, als es für seinen Vorteil er­sprießlich war. Jedenfalls ist es eine Thatsache, daß Herr Wedeking als sehr wohlhabender Mann aus dem Leben schied, während Restorp um dieselbe Zeit gänzlich ver­armt war. Es geschah das vor ungefähr zehn Jahren, als Inges Vater noch als Rittergutsbesitzer auf Klitzow hauste, und vermutlich bereits einen schweren Verzweiflungskampf um seine Existenz zu führen hatte. Hinsichtlich der Vor­gänge, die sich damals abgespielt haben, bin ich ganz und gar auf feinen Bericht als auf die einzige heute noch zugängliche Quelle angewiesen."

Das klingt fast, als ob Du von der Zuverlässigkeit dieses Berichts keine allzu hohe Meinung hättest. Hältst Du Deinen zukünftigen Schwiegervater für einen Lügner?"