Ausgabe 
9.3.1901
 
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Kurs wir zu steuern haben, wird uns der Kapitän schon saaen. Außerdem kommen wir mit jeder Stunde näher an die Route der nach dem Süden gehenden Schiffe. Und nun, wo ich gerade daran denke, können wir ein Notsignal aufhissen;' denn wir können gar nicht wissen, ob wir nicht schon bald bemerkt werden. Wo sind die .Flaggen aufbewahrt?"

In jener Kiste", erklärte Spence, und zeigte auf einen langen, schwarz gemalten Kasten, der gegenüber dem Ruder an ein paar Klampen am Kajütsschott festgezurrt war. Ich that so unbesorgt und zuversichtlich wie möglich!, da ich fürchtete, daß dieses arme Wesen, dessen Verstand durch die erlittenen Leiden und Schrecken womöglich schon erschüttert sein konnte, sich jetzt ganz der Verzweiflung überlassen, und so alle Kraft und allen Willen zur Arbeit verlieren würde.

In dem Kasten fand ich eine ziemlich große National­flagge, die ich! bis zur halben Höhe mit der Union nach unten am Gaffel aufhißte. Die rote Flagge hob sich scharf von dem blauen Himmel ab, und mußte unfehlbar von jedem innerhalb des Horizonts auftauchenden Schiffe ge­sehen werden. Ich dachte an unser Hochzeitsfest und des Vaters Schreck, als er das Notsignal hinter seinem Stuhle entdeckte. Eine Flut von Erinnerungen strömte auf mich ein, und nur mit Mühe vermochte ich, meine Thränen zurück­zudrängen.

Ich durfte mir jedoch Spence gegenüber keine Schwäche anmerken lassen, und so zeigte ich auf die Flagge, und erklärte mit möglichst heilerer und zuversichtlicher Miene, daß dies nun der erste Schritt sei, und daß bald irgend ein Schiff auf uns zuhalteu würde, um zu erfahren, was uns fehle. Zu meiner großen GenugthUung bemerkte ich, daß mein zuversichtliches Wesen seine Wirkung nicht verfehlte. Er schien sich seiner Niedergeschlagenheit zu schämen, und sagte:

Ich bin gerne bereit, jede Arbeit, die etwa Ihre Kräfte übersteigen sollte, zu verrichten; wenn Sie wollen, Madame, nehme ich vier Stunden am Ruder, und Sie zwei. Ich glaube, ich kann wohl mit weniger Schlaf aus­kommen als Sie, und Sie können die Wachen einrichten, wie es Ihnen am besten paßt."

Nein, nein", sagte ichiWir wollen uns ehrlich darin teilen. Ich bin zwar eine Frau, habe aber keine Angst vor Matrosenarbeit, und wenn es nicht meiner Kleider wegen wäre, ginge ich ebenso gerne mit nach oben, wie ich"meinen Ruderturn nehme."

Ein altes, lederbezogenes Fernrohr ruhte in einigen Klampen unmittelbar über dem Flaggenkasten unter der Achterluke der Kajüte. Ich stellte es mir zurecht und fand, daß es ein gutes Glas war. Den ganzen blauen Umkreis des Horizontes suchte ich Zoll für Zoll damit ab. Mit Hilfe des Glases war es möglich, die riesige Ferne zu durch­dringen, und die Grenzlinie zwischen Himmel und Wasser wurde deutlich sichtbar. Es war nichts zu entdecken, auf dem ganzen mächtigen Gürtel auch nicht der geringste Punkt oder Schatten irgend welcher Art.

(Fortsetzung folgt.)

Amerikas Taufpate.

Zur Erinnerung an den 450. Geburtstag Amerigd Vespuccis. ' 9. März.

Von Franz Büttner.

(Nachdruck verboten.)

Bekanntlich hat die Neue Welt ihren Namen nicht nach ihrem Entdecker, Kolumbus, erhalten sonst müßte sie Ko- lnmbia heißen, sondern sie ist nach einem anderen ver­dienten Seefahrer der damaligen Zeil, nach Amerigo Ves- pueci, getauft worden, eine Thatsache, die nicht nur schon seinerzeit unendlichen Staub aufgewirbelt hat, sondern die wir noch jetzt als einen Ausfluß schwärzesten Undanks em­pfinden, ohne daß sich nach so langer Zeit an der Sache natürlich, noch etwas ändern läßt. Kolumbus selbst hat davon glücklicherweise nichts erfahren; denn die Bezeichnung bürgerte sich erst nach seinem Tode ein, er ist ja überhaupt in dem Glauben gestorben, einen neuen Weg nach der Küste Ostasiens entdeckt zu haben. Wäre der Mißgriff noch zu seinen Lebzeiten geschehen, so würde ihn der hochverdiente,

vom Undank Spaniens und des Königs tief niedergebeugte Mann jedenfalls schmerzlich empfunden haben, und der Umstand, daß später doch noch ein kleiner Teil des von ihm aufgefundenen Erdteils seinen Namen erhalten hat (Kolumbia), würde ein schwacher Trost für ihn gewesen fein.

Die Frage, wie es nun eigentlich gekommen ist, daß man der Neuen Welt nicht den Namen des Kolumbus, sondern denjenigen des Amerigo Vespucci gegeben, ist früher in keineswegs richtiger und für den Taufpaten Amerikas nicht geradezu schmeichelhafter Weise beantwortet worden. Man bezichtigte ihn der Hinterlist und der be­trügerischen Vorspiegelung, aber ganz mit Unrecht. Der arme Vespucci war ein guter Freund des Kolumbus, den dieser selbst dem König Ferdinand V. von Aragonien em­pfohlen hat, und auch er befand sich, wie sein berühmter Gönner, bis zu seinem Tode in dem Wahn, er habe aus seinen Reisen die Küsten Ostasiens näher erforscht. Außer­dem ist er ebenfalls schon 1512 gestorben, während sich die Bezeichnung Amerika erst später allgemein eingebürgert hat und überdies zuerst von einem deutschen Gelehrten aus­gegangen ist, von dessen Existenz der wackere Vespucci gar keine Ahnung hatte. Einzelne Historiker haben hinterher die irrige Benennung zu rechtfertigen versucht, , indem sie deren Berechtigung damit begründen, Vespucci habe vor Kolumbus als erster Seefahrer das Festland Amerikas erblickt, aber auch das ist ein Irrtum, wie aus den vor­handenen beglaubigten Urkunden als sicher hervorgeht.

Amerigo Vespucci war von Geburt, wie Kolumbus, ein Italiener und stammte geboren am 9. März 1451 zu Florenz aus einer angesehenen und sehr wohlhabenden Familie. Seine Erziehung war eine sehr sorgfältige, er studierte fleißig Physik, Mathematik, Astrologie, Geographie und nautische Astronomie. Schon 41 Jahre alt, trieb ihn sein Thatendraug noch in die Welt, er ging nach Spanien und übernahm (1493) die Stelle als Geschäftssührer eines be­deutenden Handlungshauses in Sevilla. Der Besitzer des Geschäfts war sein Landsmann Juauoto Berardi, und als derselbe 1495 starb, legten die Erben die Leitung desselben in die Hände Vespuccis.^

In dieser Stellung machte Vespucci die Bekanntschaft des Kolumbus, der gerade von der betreffenden Handlungs- firma die Mittel zu seiner zweiten Reise empfing. Nach Kolumbus' Rückkehr brach ein allgemeines Entdeckungs­fieber aus, von der spanischen Regierung dadurch noch ge­steigert, daß sie am 10. April 1495 eine allgemeine Er­laubnis zur Entdeckung neuer Gebiete erteilte, die sie bereits zwei Jahre später wieder zurücknahm, ohne aber da­durch die herbeigeführten schweren Mißbräuche wieder aus der Welt schaffen zu können. Vespucci wurde ebenfalls von dem allgemeinen Entdeckungsfieber ergriffen, erfühlte sich nicht an seinem Platze und meinte wohl, daß seine hervorragenden Kenntnisse ihn für einen höheren Wirkungs­kreis befähigten. So schloß er sich zuerst 1499 der Expedition des Alfonso de Hojeda an, welche am 20. Mai 1499 den Hafen von Santa Maria verließ, und zwar scheinen seine Funktionen die eines Schiffsastronomen, eines allgemein in der theoretischen Schiffskunde erfahrenen Mannes ge­wesen zu sein, und zwar nicht nur auf dieser Reise, sondern auch während seiner nächsten Fahrten.

Die kleine Flotte erreichte bereits nach 27 Tagen den amerikanischen Kontinent. Dem Lande, wo man anlegte, gab man den Namen Venezuela, weil die auf Pfählen er­bauten Wohnungen der Eingeborenen an Venedig ge­mahnten. Die Expedition entdeckte in der Folge noch die Insel Margarita, die Bai las Perlas usw. und machte auf den Karaiben-Jnseln viele Gefangene, um solche in Spanien als Sklaven zu verkaufen. Am 18. Oktober 1499 langte Vespucci in Spanien wieder an. Varuhagen behauptete nun, die erste Reise des Vespucci habe bereits 1497 stattgefunden. Dieser sei am 10. Mai 1497 abgereift und habe einen großen Teil des amerikanischen Festlandes als Erster er­forscht, um dann im Oktober 1498 nach Cadix zurückzu­kehren. Wäre das wirklich! der Fall, so hätte er allerdings das amerikanische Festland eher gesehen als Kolumbus; denn dieser trat seine dritte Reise erst am 30. Mai 1498 an und bekam auf derselben erst am 1. August 1498 zum ersten Male den neuen Kontinent zu Gesicht. Es ist aber zweifellos festgestellt, daß Vespucci von Mitte August 1497 bis zur Ab­reise des Kolumbus die Ausrüstung der Schiffe des Kolum-