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Seumes Spaziergang nach Syrakus vor 100 Jahren. (8. Dezember 1801.)
Literarische Erinnerung von Friedrich Thieme.
(Nachdruck verboten.)
Vor 100 Jahren gab es nächst Schiller und Goethe kaum einen volkstümlicheren Dichter in Deutschland wie Johann Gottfried Seume, und obgleich seine poetischen Schöpfungen nicht entfernt an die Werke jener Dichterfürsten heranreichen, erfreut er sich heute noch, nachdem gelehrtere und litterariscb bedeutendere Zeitgenossen längst vergessen sind, eines hohen Ansehens in den Herzen vieler edlen und großen Männer unserer Nation. Woran liegt das? Tie Lösung des Geheimnisses liegt in dem edlen, ehrenwerten, unerschütterlich festen Charakter dieses schlichten Bauernsohnes, der in Wahrheit ein deutscher Edelmann, ein kostbarer, deutscher Edelstein zu nennen ist. Immer wieder hat die Bewunderung dieses seltenen Charakters schwärmerische Verehrer nach seinem Grabe in Teplitz geführt und manchen deutschen Dichter zu wahrhaft begeisterten Ergüssen hingerissen.
, Seume war der Sohn eines einfachen Bauers und am 29. Januar 1763 in Poserna bei Weißenfels geboren. Früh ..erweist, besuchte er durch die Güte des Grafen von Hohen- hal-Knauthain die Nikolaischule und später die Universität ,a Leipzig. Das Studium der Theologie brachte ihn jedoch bald mit seinen Anschauungen in inneren Zwist, und so verließ der erst Siebzehnjährige, nachdem er alle seine Schulden bezahlt, kurz entschlossen Leipzig, um sich, nach Paris zu begeben. In einem Torfe bei Erfurt geriet er in die Hände der Werber des Landgrafen von Hefsen, der ihn mit einer Anzahl Unglücksgenossen an die Engländer verkaufte, von denen er nach, Amerika gebracht wurde, um die für ihre Unabhängigkeit kämpfenden Nordamerikaner mit unterdrücken zu helfen. Der Krieg war aber bereits! seiner Entscheidung nahe, und Seume bekam kein Pulver zu riechen, statt dessen machte er fleißig Gedichte und „erlebte" sein berühmtes Gedicht „Der edle Wilde":
„Ein Kanadier, der noch Europens Uebertünchte Höflichkeit nicht kannte" usw.
Zurückgekehrt, benutzte er die erste Gelegenheit zu entweichen. Der Unglückliche geriet aber aus dem Regen in die Traufe, er fiel preußischen Werbern in die Hände und mußte als gemeiner Soldat in Emden Gamaschendienst thun. Sobald es ging, desertierte er aufs neue, wurde wieder eingefangen, aber begnadigt; der dritte Versuch mißlang abermals, und das Kriegsgericht verurteilte ihn zu zwölfmaligem Spießrutenlaufen, welche Strafe aber aus besonderer Gnade in sechD Wochen Arrest umgewandelt wurde. Nun wählte er einen anderen Weg. Ein Bürger borgte ihm 80 Thaler, die er als Sicherheit bot, wenn man ihm Urlaub gewährte. Er erhielt den Urlaub und kam glücklich bei seiner Mutter in Poserna an.
Jetzt konnte er sich in Leipzig den Wissenschaften widmen, er wurde Magister, später Erzieher bei der Gräfin Jgelström. General Jgelström machte ihn 1793 zu seinem Sekretär und verschaffte ihm eine Offizierstelle bei den Grenadieren; glücklich entging er den Schrecken des polnischen Ausstandes von 1794 und widmete sich in der Folge in Leipzig und Grimma litterarischen Arbeiten. Seine merkwürdigen Lebensschicksale hatten die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt, die wahrhaft stoisch,e Lebensweise, die er führte, die Unerschrockenheit, mit welcher er in seinen Gedichten die Stimme der Wahrheit ertönen lieh, die Eigenart seines Stils, machte ihn bald zum Liebling der Lesewelt. Noch berühmter wurde er durch seine großen Fußwanderungen, vor allem durch, seinen Spaziergang nach, Syrakus (1801/2) und seine Reise nach, Rußland, Finnland und Schweden (1805). Sein Spaziergang nach Syrakus erregte Aufsehen, und das darüber veröffentlichte Werk ward bald eins der gelesensten Bücher seiner Zeit.
Tas war eine Idee, des Mannes würdig, welcher das Wort gesprochen hat: „Es stünde viel besser in der Welt, wenn man mehr ginge." Ein Wort freilich,, das heutzutage nicht mehr viel Anklang finden dürfte, heutzutage, wo zu den Wagen, Equipagen und Posten, welche der ehrliche Seume im Auge hatte, noch Eisenbahnen, Fahrräder und Automobile hinzugekommen sind. Schon lange gährte der Plan zu der großen Reise in ihm, denn schon als der Buchhändler Göschen kn Grimma ihm die Aufsicht über seine damaligen
typographischen Unternehmungen antrug, antwortete er: „Zwei Jahre will ich, bei Ihnen sitzen, dann muß ich mich aber wieder ein wenig auslaufen. Ich will nach Syrakus." Was ist hercte eine Reise nach Italien? Ein ivirklicher Spaziergang, weiter nichts. Seumes sogenannterSpaziergang stellte dagegen eine beschwerliche und nicht ungefährliche Reise vor; denn erstens war das Reisen nach dem Lande der Kunst und Antike damals noch nicht so bequem, sodaß die Reisenden sich oft mit den erbärmlichsten Unterkunstsstellen begnügen mußten, und dann hatte auch das arme Land die Folgen der napoleonischen Kriege noch nicht überwunden, und auch im Punkte der persönlichen Sicherheit erfreuten sich einige Gegenden nicht gerade des besten Rufs. Trotzdem wagte Seume im Vertrauen auf sein unscheinbares Aeußere und seinen Knotenstock das Abenteuer; mit dem letzten Tage der zwei Jahre, am 8. Dezember 1801, trat er seine Reise an „und nach, neun Monaten, an demselben Tage, den er als Ziel seiner Abwesenheit bestimmt hatte, traf er wieder in Göschens ländlicher Hütte ein, zum frohen Erstaunen der ganzen Familie."
Der „edle Cyniker", wie Goethe ihn nannte, traf für feinen Spaziergang die sorgfältigsten Vorbereitungen. Eine derbe, allen Unbill des Wetters Trotz bietende Kleidung, ein Tornister von Seehundsfell, derbe Stiefeln, die fast die halbe Reise aushielten, ein tüchtiger Knotenstock, bildeten seine Ausrüstung, sein Geld trug er in Goldstücken eingenäht.
So begab er sich, von einigen Freunden ein Stück Wegs und seinem Freunde, dem Maler Schnorr bis Wien begleitet, wohlgemut von Grimma aus auf den Marsch Tie Sonne blickte warm wie der Frühling. „Unbemerkt", erzählt der Wanderer in seinem Reisewerk, „suchte ich einige Minuten für mich, setzte mich Sankt Georgens großem Lindwurm gegenüber und betete mein Reisegebet, daß der Himmel mir geben möchte billige, freundliche Wirte und höfliche Thorschreiber von Leipzig bis nach Syrakus, und zurück" ans dem anderen Wege wieder in mein Land."
lieber Dresden und Prag ging es nach Wien, und von da über Graz, Laibach, Triest, Venedig, Bologna und Ancona nach! Rom, dann weiter nach Neapel, zu Schiffe nach Palermo und hierauf zu Fuß nach Syrakus, wo er am 1. April anlangte und mit Asmus fröhlich, ausruft:
„Heute will ich fröhlich, fröhlich sein, Keine Weise, keine Sitte hören;
Will mich wälzen und vor Freude schrein. Und der König soll mir das nicht wehren!"
Der Dichter sah überall, ivas zu sehen war, und schilderte seine Erlebnisse in seiner kritisch-eckigen Art, spricht begeistert über die Schönheiten des Landes und die Herrlichkeiten der Kunst, mit Ingrimm und Wehmut aber von den traurigen politischen und sozialen Zuständen, die er allenthalben vorfindet. Die Ersteigung des Aetna gewährt ihm einen hohen Genuß, aber die Reize des Vaterlandes halten denjenigen des Südens doch die Wage:
„Am Aetna wächst die Frucht der Hcsperiden Und Oel und goldner Wein,
Allein man wohnt am Aetna nicht zufrieden Und kann nicht ruhig sein.
Der Feuerberg stürzt aus dem Höllenschlunde Oft seine Flut herab.
Und wälzt die Stadt mit Oel und Frucht zu Grunde, Und macht ein großes Grab!
Anr Hügel hier, blüh'n jetzt noch schöne Rosen, Und ivächst auch etwas Wein;
Auch können wir 6eint Lied vertraulich kosen Und immer ruhig sein!
Zwar nickt uns nicht von einem hohen Baume Tie Ambrafeige zu.
Doch pflücken wir vom Ast die Mohrenpflaume Und cffen sie in Ruh'.
Tie Mandel fehlt, wir haben aber Kirschen Und haben dran Gewinn;
Und gäben wir wohl uns're Purpurpsirschen Für die Granate hin?
Ter Aetna ist ein häßlicher Herr Vetter
Mit seiner Feerei:
Hier kommt wohl auch kleines Donnerwetter, Doch ist es bald vorbei.
Trum wollen wir genießen, singen, kosen Und froh sein wollen wir, Singt, Freunde, singt: es leben unsre Rosen Auf unferm Berge hier!"


