Ausgabe 
8.9.1901
 
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-als schuldig hinstellte und darlegte, daß eben nur die handgreiflichsten Beweise zu seiner Verurteilung fehlten."

Ich selbst habe ihn tut Verdacht, bei dem neuerdings wiederholt vorgekommenen Forstfrevel die Hand im Spiel zu haben. Es könnte daher wohl leicht zutreffen, daß ich Ihnen bald wieder eine Anklage einreichen werde, Herr- Staatsanwalt."

(Fortsetzung folgt.)

Wilhelm Raabe.

Zu seinem siebzigsten Geburtstage, 8. September. Von Karl Neumann-Strela.

(Nachdruck verboten.)

Er wird berühmter als viele andere." llnd als der Leihbibliothekar Adolf Stülpnagel das zu mir sagte, zeigte er über die Bücherreihen hinter dem Ladentisch.

Stülpnagels in den fünfziger Jahren viel benutzte Leihbibliothek befand sich ziemlich an der Ecke der Mark­grafen- und Behrenstraße in Berlin. Damals, 1857, war Wilhelm Raabes ErstlingswerkDie Chronik der Sperlings- gasse" erschienen, und als Stülpnagel dieses gelesen hatte, schaffte er noch ein zweites Exemplar davon an. Zwei Exemplare eines Erstlingswerkes in einer Leihbibliothek das war damals ein Ereignis in Berlin.

, Und Stülpnagel hat recht gehabt. Mit demEr" meinte er Wilhelm Raabe,der nicht nur berühmter als viele andere", sondern ein Meister der von dem feinsten und erquickendsten Humor erfüllten Erzählungskunst ge­worden ist. Von 1857 bis heute ein langer Weg auf litterarischem Gebiete, doch ivas Raabe auf diesem Wege ersonnen, und geschrieben hat, ist zum größeren Teile in viele »Herzen gedrungen, und wird allen, die Sinn und Verständnis für das Schöne haben, zur Freude und zum Gewinn bis in ferne Zeiten gereichen.

An Dich, Freund Stülpnagel, an Deine eingetroffene Prophezeiung von Raabes dereinstigem Ruhme und an jenen Sommerabend muß icty denken, als wir beide durch die Berliuer Spreegasse schritten. Dort zeigtest Du mir die Stube, in der Studiosus Raabe sein erstes Buch geschrieben, statt der Spreegasse die Chronik der Sperlings­gasse genannt. Du wußtest auch, daß Raabe, am 8. Sep­tember 1831 zu Eschershausen im Herzogtum Braunschweig geboren, erst Buchhändler wurde, dannumsattelte" und nach! Berlin kam, um Philosophie zu studieren. In der hochgelegenen Wohnung in der alten Spreegasse, jener schmalen Verbindung zwischen der Brüderstraße nnd dem Wege am WasserAn der Schleuse", reifte er zum Dichter heran. Ob er, der Chronist dieser Gasse, die von ihm geschilderten Menschen dort auch wirklich gekannt und gesprochen hat? Uns genügt, daß er diese Künstler, Frauen und Mädchen, und das ganze altfränkisch-origi­nelle Treiben der Kleinbürger in den stillen Gassenwinkeln auf so innige, rührende Weise und im schönsten Schmucke dichterischer Farben beschrieben hat.

Und an Dich, Freund Gutzkow, an die Abendstunden in Weimar muß ich denken, als wir im Familien- und Bekanntenkreise 1863 RaabesHungerpastor" lasen. Gutz­kow, der in belletristischen Büchern meist nur zu blättern pflegte, kannte Raabe von Dresden her. Den jungen, stillen, bescheidenen Mann, wie er ihn nannte, hatte er lieb gewonnen. Zwar war es ihm nicht recht, daß Raabe das Brotstudium verlassen, und dieso höchst prekäre Schriftsteller-Existenz ergriffen" hatte. Dennoch bewahrte er ihm eine bei Gutzkow höchst seltene Anhänglichkeit, die ihn denn auch veranlassen mochte, den Leseabendeu beizuwohnen. Ich sehe ihn noch deutlich vor mir, in die Sophaecke gelehnt, den Kopf ein wenig geneigt, die rechte Hand am Kinn. So lauschte der Meister den Worten des werdenden Meisters doch nein, trotz seiner Jugend war Raabe schon damals ein Meister geworden. Nicht seine inzwischen erschienenen sechs andern Romane, son­dern dieChronik der Sperlingsgasse" und besondersDer Hungerpastor" hatten ihn bereits zum Meister gemacht. Von dem Werte und der Bedeutung des letztgenannten Buches mag in unserer heutigen Litteratur nur wenig vor­handen sein. Das tief angelegte, im Grundton und in jeder Person streng durchgeführte Werk erhebt, erschüttert

und regt zum Nachdenkeu an. Klarer als durch manche wissenschaftliche Schrift erhält der Leser aus diesem Ro­man ein gewinnreiches Bild gesunder Lebensphilosophie. Der durch die Welt gehende Hunger, der echte und falsche Hunger nach Glück und Ehre, Geld, Ruhm und Zufrieden­heit trotz mäßiger Lebenslage ist geschildert; das große Entstehen, Sein und Vergehen, das unendliche Werden, die Weltentwickelung, zieht an uns vorbei. Der Leser wird belehrt, im Innersten geläutert, und kann den Autor mit einem Kanzelredner vergleichen, den die Zuhörer im dankbaren Bewußsein verlassen, daß seine Lehre ihnen einen Gewinn fürs Leben bereitet hat.

In einem andern Raabeschen RomanDer Schüd- derump" (1869) ist Sein und Vergehen gleichfalls dar­gestellt, hier aber mehr zu einem Ganzen verschmolzen. Der durch die Welt gehende Tod, der durch einen alten, Schüdderump genannten Pestkarren nähere Begründung und tiefere Erklärung findet, rollt unaufhaltsam dahin. Die Räder des Schüdderump lassen sich nicht aufhalten; wieviel Gutes, Edles und Liebes, und wie manches, das sich für bedeutend, epochemachend, unverwüstlich hielt, oder dafür gehalten wurde, wird auf diesen Karren gelegt. Tie das Werk erfüllende Schwermut und der düstere, weh­mütig stimmende Hintergrund mochten der weiteren Ver­breitung desselben anfangs im Wege gestanden haben. Während eines Vierteljahrhunderts, meinte Raabe, hätten es die meisten Leser beiseite geschoben. Doch von man­chem, der sich alljährlich vergrößernden Raabe-Gemeinde wurde der große Wert desselben, eines würdigen Seiten­stückes zumHungerpastor", schon früher erkannt. Man muß nur sorgsam lesen, um durch tieferen Einblick zu bemerken, daß auch hier wieder der feinste Humor dem Schwermütigen die Wage hält. Die Komik, das Lächerliche im Weltwesen ist freilich nicht Raabes Humor. Der f einige wurzelt in einer großen Weltanschauung und ist der lebendigste Ausdruck reinster Herzensgüte und Seelenheiter­keit. Ueber die menschlichen Thorheiten kann er lächeln, sogar spotten, die Verwandtschaft zwischen Humor und Ironie weist er niemals ab, doch sein innigstes Mitleid mit dem Geschöpfe blickt überall hervor, und ist der Sonne zu vergleichen, die Schatten und Nebel siegreich durch^- dringt.

Eine Aufzählung seiner sämtlichen Schriften würde ein längeres Bücherverzeichnis erfordern. Seine historischen Ro­mane enthalten für mein Empfinden eine zu große Fülle wüster und leidenschaftlicher Szenen, und haben mich mehr­fach an Ritter- und Räuberromane nach dem Geschmacke unserer Großväter erinnert. Im Gegensätze zu ihneu sind diedem Fleische und Blute der Gegenwart" entnommenen Romane von Raabe wirkliche Kunstwerke zu nennen. Jeder der letzteren beweist, wie sorgsam sich Raabe auch um das Kleinere, Alltägliche kümmert und es durch eigen­artige Beleuchtung zu wirklicher Bedeutung erhebt. Bis auf das Kleinste, das andere gar nicht beachten, erstreckt sich seine Aufmerksamkeit, um es ' im Rahmen eines größeren Werkes verwenden zu können. Darüber hat schon Otto Müller, Raabes Stuttgarter Freund, berichtet:Eines Tages sehe ich ihn breit in seinem Fenster im dritten Stock liegen, mit tief herunter gesenktem Kopse, das Gesicht etwas zur Seite gekehrt. Ich bleibe stehen, um zu warten, bis er mich sieht. Aber er regt sich nicht. Ich warte und warte, denke bei mir, will doch sehen, wer von uns zuerst die Geduld verliert. Aber endlich wird es mir doch zu lang, und ich lasse meinen bekannten schrillen Pfiff er­tönen. Da fährt er bolzenstrack in die Höhe und ruft: Ich komme gleich. Habe nur meiner Mauerwespe ein wenig zugesehen, wie sie ihr Nest znklebtej" Er schrieb damals anAbn Telfan" oderDie Heimkehr vom Mondgebirge", in dem auch die Erdflöhe eine Rolle spielen."

Müller tadelte dieabsonderlichen Verschnörkelungen" in Raabes Stil nnd suchte ihnvon den rein äußerlichen, bizarren Paradoxen abzubringen, die zu seinem gedanken- tiefen Wesen gar nicht paßten." Dagegen läßt sich ein- wenden, daß Raabe, ohne diesen Stil der Raabe, wie wir ihn kennen, schätzen und lieben, nie geworden wäre. Gerade dieser Stil bleibt eine Eigenart seines ganzen Wesens, seiner Tarstellungskunst und litterari- schen Bedeutung. Zutreffender möchte der Tadel be-