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zuwarf, zeigte doch sein Gesicht in dem Moment, wo er es den Geschwistern zuwandte, das liebenswürdigste und unbesangendste Lächeln.
„Mein gnädiges Fräulein — mein lieber Herr Rechtsanwalt, seien Sie mir von ganzem Herzen willkommen. Ich schätze mich glücklich. Sie bei mir zu begrüßen."
Tie letzten Worte hatten nur noch Hanna gegolten, der er mit etwas altmodischer Feierlichkeit und Geziertheit die Hand geküßt hatte, um ihr dann seinen Arm zu reichen, und sie in das Zimmer zu führen. Mit einem einzigen, raschen Blick ihrer klaren Augen hatte sie dabei die Erscheinung des Mannes in sich ausgenommen. Sie hatte gesehen, daß er ein aufrechter, stattlicher Fünfziger war, mit stark gelichteten! Haupthaar und sorgsam gepflegten, ergrauenden Bartkottelettes. Von dem hohen weißen Stehkragen modernster Facon, der seinen Hals einzwängte, bis hinab zu den hellen Gamaschen, die er über den blitzenden Lackstiefeln trug, war sein Anzug von tadelloser Eleganz. Das in Schildpatt gefaßte Monocle hing an einem breiten schwarzen Bande auf seine weiße Weste hinab, und eine frische Blüte zierte den seidenen Kragenaufschlag seines Gehrockes. Als er zu einer anmutigen Geste die Hand mit den blank Polierten, rosigen Fingernägeln erhob, sah Hanna das Funkeln eines Brillanten.
„Meine liebe Amalie, ich habe die Ehre, Dir Fräulein Hanna Sylvander zuzuführen, die Schwester unseres lieben, jungen Freundes."
Mühsam, und mit der Rechten auf einen Stock gestützt, hatte sich die also Angeredete aus ihrem Lehnstuhl erhoben. Sie sah älter aus als ihr Gatte; denn ihr Haar war schneeweiß, und ihr Gesicht von Krankheit oder Kummer abgehärmt. Aber sie mußte einst sehr schön gewesen sein, und ihre großen, sanften Augen hatten einen Ausdruck gewinnender Herzensgüte.
„Sein Sie inir willkommen, liebes Fräulein! Und verzeihen Sie, daß ich Ihnen nicht entgegengehen konnte. Ein altes Gichtleioen macht es mir fast unmöglich, mich von der Stelle zu bewegen."
Hanna hatte ihr die Hand geküßt, und sagte ihr ein paar teilnehmende Worte. Herr von Restorp aber bemerkte:
„Es ist eine Familienkrankheit der Asseburg, und meine Frau muß es büßen, daß ihre Vorfahren seit Jahrhunderten so ängstlich auf die Reinheit ihres Blutes bedacht gewesen sind. Nur wer mit der Familie irgendwie versippt oder verschwägert war, durfte eine Komtesse Asseburg heimführen. Unsere Heirat bildete den ersten Fall, in welchem mit dieser Tradition gebrochen wurde."
Er nötigte die Gäste, sich niederzulassen, und zog sich einen Stuhl hart neben denjenigen Hannas, deren Schönheit offenbar großen Eindruck auf ihn gemacht hatte, da er sie fast unverwandt ansah.
„Ich beklage tief, mein gnädiges Fräulein", sagte er nach dem Austausch der ersten höflichen Redensarten, „daß ich genötigt bin, Sie in einer so bescheidenen Umgebung zu empfangen. Aber es ist nur ein provisorischer Zustand, in dem wir uns hier befinden — eine Art von Uebergaugs- stadium. Diese Stadtwohnung bedeutet für mich gewissermaßen nur ein Absteigequartier, das man nicht erst komfortabel einrichtet, weil man es vielleicht schon morgen oder in einer Woche wieder verläßt."
Von einer komfortablen Einrichtung konnte hier allerdings kaum gesprochen werden. War auch die Ausstattung der Wohnung nicht gerade armselig zu nennen, so trug sie doch das Gepräge einer kleinbürgerlichen Einfachheit und Nüchternheit, die einen auffälligen Gegensatz bildete zu der übertriebenen Eleganz des Hausherrn, und zu der gesuchten Vornehmheit in seinem Gebühren. Nur ein paar altersgeschwärzte Porträts, die in schweren, halbverblichenen Barockrahmen an den Wänden hingen, konnten die Vermutung aufkommen lassen, daß man sich nicht in der Behausung eines kleinen Beamten oder eines schlichten Handwerksmeisters befand; denn die Dargestellten waren zwei würdig dreinschauende Herren mit Ordenssterneu auf der Brust, und eine tief dekolletierte Dame mit hoch frisiertem, gepudertem Haar. Aber wenn es etwa die letzten Reste einer Ahuengalerie waren, die Georg von Restorp hierher gerettet hatte, so nahmen sie sich auf der bunt gemusterten, abscheulich geschmacklosen Papiertapete, und
in der Nachbarschaft der billigen Fabrikmöbel jedenfalls wunderlich genug aus.
Hanna, welche' durch die leicht hingeworfenen Worte Restorps in einiges Erstaunen versetzt worden war, hatte schon eine Frage auf den Lippen, aber ein bedeutsamer, bittender Blick ihres Bruders, den sie noch rechtzeitig aufgefangen hatte, veranlaßte sie, zu schweigen. Und der Hausherr selbst ging rasch darüber hinweg. Er begann von seinen freundschaftlichen Beziehungen zu der Familie Sylvander zu sprechen, die nach seiner Versicherung schon um mehrere Jahrzehnte zurüüreichten. Und da von den aristokratischen Namen, die er in seine Erzählung einflocht, manche für Hanna mit heiteren oder ernsten Erinnerungen aus ihrer Kinderzeit verknüpft waren, ging sie sehr bald mit ungekünstelter Lebhaftigkeit auf die Unterhaltung ein, während Bernhard sich fast ausschließlich der armen, halb gelähmten Frau im Lehnstuhl widmete.
Bon der vor wenig Tagen vollzogenen Verlobung war zu Hannas stiller Verwunderung noch mit keiner Silbe die Rede gewesen, und mau plauderte nun schon seit beinahe einer Stunde, ohne daß Inge sich gezeigt hätte, oder daß auch nur ihr Name genannt worden wäre.
Da endlich öffnete sich eine der beiden Thüren, geräuschlos und langsam, wie wenn die Hand, die draußen auf dem Drücker lag, durch eine Empfindung hangen Zagens zurückgehalten wurde, und die von Hanna mit ungeduldiger Neugier Erwartete trat in das Zimmer. Sie glich dem Bilde auf Bernhards Schreibtisch, und sie glich ihm auch wieder nicht; denn so wenig die Photographie im stände gewesen war, den anmutigen Reiz wiederzugeben, den die zarten Farben des lichten Blondhaars und der weißen, von einem warm rosigen Schimmer durchleuchteten Haut darstellten, so wenig hatte sie den eigenartigen Zauber einer holden mädchenhaften Befangenheit zum Ausdruck bringen können, von dem die ganze, anspruchslose Erscheinung Inges umflossen schien.
Sie war hübsch und einfach gekleidet, aber sie hatte freilich nicht Hannas prächtige Gestalt, die auch der bescheidensten Toilette einen Anschein von Eleganz und Vornehmheit verlieh. Ihrem Aeußeren nach hätte man sie ohne Zweifel viel eher für das liebenswürdig schlichte Kind einer guten Bürgerfamilie als für eine junge Dame aus altadeligem Hause gehalten.
Zögernd, in sichtlicher Beklommenheit setzte sie ihren Fuß über die Schwelle. Bernhard, der noch ungeduldiger auf sie geharrt haben mochte, als seine Schwester, sprang auf, um ihr entgegenzueilen. Hanna aber kam ihm zuvor. Ohne -erst die Förmlichkeit einer Vorstellung abzuwarten, ging sie auf Inge zu, und bot der Errötenden in einer anscheinend aus ihrem innersten Herzen kommenden Aufwallung schwesterlicher Zärtlichkeit beide Hände.
„So also sieht meines Bruders Lebensglück aus!" sagte sie, und ihre Stimme hatte ganz jenen bestrickend süßen Klang, dem kein beseeltes Geschöpf zu widerstehen vermochte. „Wollen Sie um seinetwillen versuchen, Fräulein Inge, auch mich eilt wenig lieb zu gewinnen?"
„Ja," erwiderte die Gefragte leise. „Aber ich brauche es nicht erst zu versuchen; denn ich mußte Sie längst lieb haben, da Bernhard ja so viel von Ihnen hält."
„Und Sie nehmen natürlich als zweifellose Wahrheit gläubig alles hin, was aus seinem Munde kommt. Nun, da es zu meinem Gunsten ist, habe ich keinen Anlaß, Einspruch dagegen zu erheben. Wir wollen also gute Freundinnen sein, nicht wahr? Bis wir eines Tages zwei treue Schwestern sein werden."
Und sie schloß die Braut ihres Bruders mit -fast ungestümer Zärtlichkeit in die Arme, um sie auf beide glühende Wangen zu küssen. Fran von Restorp hatte die Hände gefaltet, und in ihren Augen schimmerte es feucht vor freudiger Rührung. Bernhard aber, der auf eine derartige warme Gefühlsäußerung seiner gestern so kühl ablehnenden Schwester kaum gehofft haben mochte, bemühte sich gar nicht, seine glückliche Ueberraschung zu verbergen. Nur nach Herrn von Restorps Gesckmack schienen derartige Ge- sühlsszenen nicht zu sein, denn nachdem sein wiederholtes Räuspern unbeachtet geblieben war, sagte er:
„Könntest Du nicht vielleicht jetzt anrichten lassen, Inge? Ich hoffe, unsere lieben Gäste werden den bescheidenen


