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erlitten hat undgezwuugen gewesen ist, di« Kleider Lag und Nacht auf dem Leibe zu behalten.
Glücklicherweise war ich ntemals besonders eitel. Sonst wäre id). durch das Bild, das mir aus dem kleinen Spiegel entgegenblickte, vor dem ich! mich frisierte, wohl etwas herabgestimmt worden. Die ganze rechte Serie mernes Gesichts war scharlachrot von der Sonne verbrannt, die andere mit verschiedenen Flecken bedeckt, und mein Nacken, auf den die Sonne damals int Boot so erbarmungslos herabsengte, sah aus wie die Schale eines gekochten Hummers. Mein Aussehen überraschte mich jedoch nicht int mindesten. Im Gegenteil, ich war erstaunt, daß es nicht noch schlimmer sei, da ich mich völlig vorbereitet hatte, zu entdecken, daß die! Gluthitze des vergangenen Tages mich in eine Negerin verwandelt haben würde.
(Fortsetzung folgt.)
Sittenbilder aus China.
(Nachdruck verboten.) V.
Essen und Trinken.
„Es giebt keinen Festschmaus, der nicht einmal zu Ende kommt!" sagt ein Sprichwort der Chinesen; aber es ist erstaunlich, wie weit sie dies Ende hinauszuschieben vermögen, wie viele Stunden lang sie an der Tafel sitzen können. Und wen das noch nicht davon überzeugt, wie sie ihr Mahl genießen, den wird der Anblick, wie sie gerade bei dieser „Arbeit" erhitzt ein Gewand nach, dem andern ablegen, das Geräusch, wie sie laut schmatzen und schlürfen und rülpsen, wohl um so leichter darüber belehren. Diese äußeren Kundgebungen des Wohlbehagens gelten nicht nur nicht als Irgendwie ungeziemend, sondern die gute Sitte erheischt sie sogar unbedingt, um dem gütigen Gastgeber immerfort die Anerkennung darzuthun, die sein Mahl bei seinen Gästen findet.
Wenn ein Chinese ein solches veranstalten will, so lädt er, ebenso wie der Japaner, seine Freunde nicht zu sich ins Haus, sondern in ein Theehaus, wobei natürlich die Frau Gemahlinnen hübsch daheim gelassen werden. Doch besuchen sich die Damen vielfach unter einander und geben sich auch wohl regelrechte Schmäuse.
Das Hauptnahrungsmittel der Chinesen ist, wie int ganzen Osten, Reis, der lediglich in Wasser abgekocht wird. Im übrigen essen sie int allgemeinen so ziemlich, alles was ihnen Eßbares in den Weg kommt. Fleisch wird aber nur deshalb so wenig genossen, weil es so selten ist. Zumal ist Rind- und Büffelfleisch, Kalb- und Hammelfleisch infolge der mangelnden Wiesen und allen Grünfutters schwer zu erlangen. Doch würde kein Chinese ein Stück von einem Büffel verschmähen, vorausgesetzt, daß dieser eines natürlichen Todes gestorben. Dann fragt man aber auch, nicht weiter, woran er gestorben. Wohl aber würde man Anstand nehmen, ein solches Tier zu schlachten. Das wäre nicht nur den Lehren Buddhas wegen des Glaubens an die Seelenwanderung zuwider, sondern verstieße auch gegen diejenigen des Confucius, insofern das Tier, das den Pflug zieht und für die Kultivierung der Reisfelder so notwendig erscheint, viel zu wertvoll, zu heilig ist, lediglich, zu Nahrungszwecken geschlachtet zu werden. Doch schützt eben schon die Seltenheit allen Rindviehs die große Masse vor der Gefahr, nach dieser Richtung hin sich! zu versündigen. Häufiger wird noch Schweinefleisch gegessen und noch öfter Fisch nnd alles, was int Wasser lebt, einschließlich Wasserschlangen. Huhn spielt int Wirtshausleben etwa dieselbe Rolle wie bei uns. Man mag desselben überdrüssig werden und freut sich doch oftmals, wieder darauf zurückgreifen zu können, genau wie an einer abendländischen Wirtstafel. Auch Enten, Fasanen und anderes Geflügel, aber auch §unbe, Katzen und Ratten werden, wenigstens int südlichen China, viel gegessen. Doch es sind nicht genau dieselben Ratten wie bei uns, und auch die Hunde, die verspeist werden, sind nur eine besondere Rasse kleiner, mopsartiger Hunde, die eigens zu diesem Zweck aufgezogen werden. Hunde- wie Katzenfleisch gilt für besonders nahrhaft und als ein Mittel gegen Krankheit int allgemeinen, während Rattenfleisch als ein treffliches Mittel gegen Kahlköpfigkeit angesehen wird. Andere besondere chinesische Delikatessen sind Schwalbennester, Hai- sischflossen und Heuschrecken. Gemüse und Obst aller Art giebt es reichlich; und auf keiner wohlbesetzten Tafel fehlt
eine Schäle mit gerösteten Melonenkernen, welche zwischen den einzelnen Gängen gegessett werden.
Indessen, so widerwärtig uns manche dieser Gerichte erscheinen mögen, würde der Chinese sich seinerseits doch kaum dazu bereit finden, ungekochte Austern oder rohen Schinken zu essen. Bei ihm ist alles wenigstens tüchttg — nach unseren Begriffen nur zu tüchtig — durchgekocht. Jedenfalls geben die Chinesen recht gute Köche ab. Und wenn bei den immer anspruchsvoller und dazu immer seltener werdenden europäischen Dienstboten in künftigen Tagen die chinesischen Millionen erst das Abendland überfluten, da wird manche europäische Hausfrau vielleicht herzlich froh sein, einen chinesischen Koch in ihren Dienst nehmen zu können, wie die Amerikanerin es längst gethan, sofern wir aus sozial-ökonomischen Gründen die Einwanderung der bezopften Menschen nicht beschränken müssen, wie das ja auch in Amerika bereits geschehen ist. Sie würden jedenfalls in der Lage.sein, nach, unserem Geschmack zu kochen, wennschon sie ihre eigenen Gerichte, abgesehen von manchem Material,, das sie dazu verwenden, auch durch, überreiche liche Zuthaten von Zwiebeln und Knoblauch und eine Masse öliger Substanzen — vielfach, selbst von Ricinusöl — nach unseren Begriffen oftmals ganz unleidlich machen.
Tischtücher zum Bedecken der polierten Tische sind sehr selten. Doch sind Servietten aus dünnem Papier an der Tagesordnung. Außerdem erhält jeder Gast einen Porzellan-Löffel, einen kleinen Becher und ein paar Stäbchen aus Holz oder Elfenbein, die statt Messer und Gabel dienen, aber "beide in einer Hand gehalten werden.
Damit esse mal einer, der es nicht gelernt hat. „Dte Stäbe sind" — wie ich in meiner jüngst veröffentlichten „Reise um die Welt" genauer ausgeführt ■— „von der Größe zweier gewöhnlicher, nngespitzter Bleistifte. Man stemmt nun das Ende des einen in den Einschnitt zwischen Daumen und Zeigefinger und legt zugleich, die Spitze des Ringfingers! fest dagegen, während man den andern mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger hält. So werden sich die unteren Enden der Stäbe leicht berühren und auch, wieder auseinander bringen lassen.
Unsere Speisen würden wir mit solchen Stäben wohl schlecht zu Munde führen. Aber in China wird alles vor dem Kochen erst in kleine Stücke zerlegt, und alle Fleischspeisen werden durch das überreichliche Kochen so weich, daß sie sich auch mit den Stäben leicht noch mehr verkleinern lassen. Und so bildet auch der Reis, der nur in Wasser abgekocht wird, eine so kompakte Masse, daß er sich ohne Widerstreben von den Stäbchen fassen läßt. Mit diesen Eßwerkzeugen, die er eben selbst in den Mund gesteckt, wird der höfliche, selbstverleugnende Chinese dann die leckersten. Bissen von seinem Tellerlein nehmen und auf den unsrigen legen — vorausgesetzt, daß wir jeder einen besonderen Teller haben. Denn die eigentliche chinesische Art zu essen ist die, daß alle ihre Stäbchen itt dieselbe Schüssel tauchen.
Die Weintraube ist dem chinesischen Boden keineswegs fremd. Aber es haben erst die Europäer in neuerer Zeit angefangen, Wein daraus zu bereiten und zwar mit recht günstigen Ergebnissen. Der Chinese trinkt bei Tisch, nur „Samschu" (einen aus Hirse hergestellten Branntwein), aber er ist äußerst mäßig im Trinken; und zwischen den Mahlzeiten rührt er nie etwas anderes an als Thee. Diesen, den eigentlichen Nationaltrank, nimmt er aber auch zu allen Stunden des Tages ein, ohne Milch, Zucker oder Kuchen.
Thee wird auch stets dem Besucher dargeretcht. Und ist der Topf leer, so wird aufs neue Wasser aufgeaossen. Aber einem Diener Weisung zu geben, frischen Thee hereinzubringen, würde für den Besucher ein Wink sein, daß er sich jetzt verabschieden könne.
Nach Beendigung des Mahls beginnt ttt den gebtl- deteren Kreisen erst die eigentliche geistige Würze desselben. Dann wird eine dichterische Aufgabe gestellt. Und Wert und Gäste wetteifern miteinander, dieselbe in möglichst formvollendeten geistvollen Sonetten zu lösen.
Wilh. F. Brand..
Der Garten im März.
(Nachdruck verboten.)
Mit immer steigender Unruhe hat der Gartenfreun8 «m Fenster gesessen und in den Garten hinan« geblickt!


