Ausgabe 
5.3.1901
 
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f Henriette Davidis.

Gedenkblatt.zu ihrem 100. Geburtstage von Emma Heine.

(Nachdruck verboten.)

Am 1. März 1901 war ein Jahrhundert vollendet, seit- dein diese weltberühmte und von der ganzen Frauenwelt so hochverehrte und gefeierte Schriftstellerin in dem Kirch­dorfeWengern a. d. Ruhr das Licht der Welt erblickte. Ein wörtlicher Auszug aus dem dortigen Taufregister lautet:

Sontag den 1. Mertz abends halb acht Uhr gebohren und den 11.' Mertz getauft: Johanna Friederika Heinriette Catharina. Eltern: tit. Herr Pastor Ernst Henr. Davidis und Frau Maria Catharina Lithauer." Jahr 1801."

Es ist nicht unsere Absicht, an dieser Stelle ein aus­führliches Lebensbild der genialen Frau zu bringen. Aber wir halten es für eine gebotene Pflicht, diesen Erinnerungs- tag nicht schweigend vorübergehen zu lassen, sondern allen deutschen Frauen, und namentlich den unzähligen Ver­ehrerinnen der Davidisschen Werke die unermüdliche Schöpferin dieser vorzüglichen Bücher, deren rastlos schaffende Hand nun lange im Grcche ruht, in kurzem Wort wieder nahe zu bringen.

Eine nicht lange vor ihrem Tode ausgezeichnete Selbst­biographie von Henriette Davidis beginnt folgendermaßen:

Endliche habe ich mich dazu entschlossen, den warmen Anregungen und freundlichen Wünschen meiner vielen An­hängerinnen und den vielseitigen Aufforderungen, eine Biographie von mir für die Oeffentlichkeit aufzuzeichnen, nachzukommen, und ihr Erscheinen könnte vielleicht Ver­wirklichung finden, so Gott der Herr mir Leben und Gesund­heit schenkt. Oft und oft habe ich es abgelehnt; denn es erscheint mir nichts so schwer, als öffentliche von meinem Lebenslauf zu erzählen. Derselbe hat sich still und einfach entfaltet und ist nicht mit auffallenden Ereignissen ver­woben, so daß ich immer glaubte, ein Schriftchen darüber könne kein Interesse erwecken. So sei denn mein Leben und Wirken ohne Ausschmückung offen und wahr darge­boten" u. s. w.

Dieses Manuskript ist wegen des unerwartet eingetreten Todes der Verfasserin, und weil es dann lange Jahre verschollen gewesen, noch nicht zum Drucke gelangt. Es ist jedoch mit noch anderen von ihrer Hand verfaßten wertvollen Schriften, die noch nicht ganz vollendet sind, wieder aufgefunden, und wir wollen demnächst der uns von der Verstorbenen überkommenen Verpflichtung gerecht werden und deren Biographie, sowie diese aus ihrer eigenen Feder geflossen, in ihrem Jubiläumsjahre veröffentlichen. Herr Eugen Twietmeyer in Leipzig, der die Lieblingswerke von Henriette Davidis im Verlage hat, wird natürlich auch ihre Biographie verlegen.

Henriette Davidis entstammte einer angesehenen, hoch- beliebten Pfarrersfamilie, und war das 10. von 13 Kin­dern des Pastor Davidis. Unter treuer Obhut rind guter Erziehung geliebter Eltern und inmitten einer blühenden, fröhlichen Geschwisterschar ist sie im traulichen, gastfreien Pfarrhause aufgeivachsen. Hier in ihrer westfälischen Heimat, in dem mit Bergen, saftigen grünen Wiesen und Waldungen umgebenen schönen Ruhrthale, uttb im regen Verkehr mit ihrem geistig sehr begabten und wissenschaftlich gebildeten Vater, von dem Henriette größtenteils ihren Schulunterricht erhielt, hat sich ihre geistige und körperliche Entwickelung frei und naturgemäß vollziehen können. Auch! ihr poetisches Talent fand hier Nahrung, und manch Samen­körnchen, das im Herzen der späteren Schriftstellerin schon im Vaterhause unbewußt zu keimen begann, ist nach Jahren zu einem gemütsinnigen Gedichte ausgeblüht. Ihre Ge­dichte sind ein Spiegel ihrer feinen Herzensbildung, wie auch ihres frommen, gläubigen Sinnes; diese sinnigen Gefühlsäußerungen waren indessen nicht für die Oeffent­lichkeit bestimmt.

Zur Herausgabe ihrer Gedichte hat sich Henriette Da­vidis, nachdem sie schon seit vier Jahren, als die Ver­fasserin d es berühmten Kochbuches, überall bekannt war, rasch entschlossen, als die Nachricht von der plötzlichen Verarmung einer ihr befrenndeten Familie sie erreichte. Die immer Hilfsbereite, wo es galt, Thränen zu trocknen, die sich stets in den Dienst der Liebe stellte, und die meistens

Rat wußte, wenn auch die eigenen Mittel schon versiegt ivaren, besann sich nicht lange und übergab ihre Gedichte sogleich, ungesichtet, einem Verleger. Die innere Befrie­digung und die Freude, die ihr wurde, als sie bald ihrer Freundin das Honorar über 200 Thlr. einhändigen und somit die größeste Not von den Hartbedrängten ab­wenden konnte, war wahrlich ein schöner Erfolg für die edle Frau. Es war im Jahre 1848, als diese Gedichte er­schienen, sie sind dann noch einmal aufgelegt worden. Ihre sinnigen Poesien haben oft Anklang gefunden, und einzelne sind in Gedichtsammlungen auch, wohl in Schulbücher ausgenommen worden.

Die litterarische Wirksamkeit auf hauswirtschaftlichem Gebiete war das eigentliche Arbeitsfeld, in dem die Wurzeln ihrer Kraft fußten, seit der schriftstellerische Beruf in ihr erwacht war, und auf diesem Felde hat sich Henriette Davidis ihre Lorbeeren gepflückt.

Sie wollte ihren deutschen Mitschwestern als treue Lehrerin und zuverlässige Ratgeberin in allen Hausfrauen­wissenschaften und praktischer Lebensweisheit dienen, und der Inhalt ihrer vorzüglichen, gediegenen Lehrbücher ist nicht auf Theorie begründet, sondern dem Bereiche ihrer eigenen Erfahrung entnommen; denn sie hatte ihre haus­wirtschaftlichen Studien , im praktischen Leben aufgebaut. Die Vorschule war ihr Elternhaus, und ihr leuchtendes Vorbild darin die geliebte vortreffliche Mutter, welche mit geschickter Hand das große Hauswesen leitete. Im gast­lichen, von vielen blühenden Kindern belebten Pfarrhause, wo liebe Gäste stets willkommen waren und ein sehr großes Einkommen nicht zu Gebote stand, war eine verständige, sparsame Einrichtung durchaus erforderlich, und so lernte Henriette schon frühe die Notwendigkeit einer praktischen Wirtschaftsführung erkennen. Ihre Mutter, eine feingebildete Holländerin, hatte den Pflichten einer Hausfrau verständ­nislos gegenüber gestanden, als sie den Pastor Davidis heiratete. Es konnte darum nicht ausbleiben, daß die junge Frau mit vielfachen Schwierigkeiten und peinlichen Verlegenheiten zu kämpfen hatte, besonders, als sich das Haus mehr und mehr mit Kindern füllte, bevor es ihr gelang, den Betrieb des großen ländlichen Pfarrhaushaltes in einer musterhaften Weise in Ordnung zu halten. Das Bestreben, ihre Familie zu beglücken, ließ der braven Pfarr­frau nicht Ruhe, bis sie sich mit eiserner Willenskraft, durch Klugheit, Umsicht und Fleiß nach und nach zu einer durchaus tüchtigen und erfahrenen Hausfrau herangebildet hatte. Bei ihren Töchtern sollte es anders werden, und darum zog sie diese schon frühe zu allen häuslichen Ar­beiten heran und bildete sie durch Beispiel und Wort zui ihrem künftigen Berufe vor.

Tie Lehren der geliebten Mutter fielen in Henriettens empfängliches Herz und brachten segensreiche Frucht, und somit legte jene den Grundstein zum Lebensglück ihrer Tochter. Mit dankerfülltem Herzen erkennt die Schrift­stellerin in ihren biographischen Aufzeichnungen es noch an, daß der Aufenthalt im teuren Elternhause so segens­reichen Einfluß auf ihren späteren Beruf ausgeübt habe, und wjr finden alsMotto" über einem AbschnittEr­innerungen aus meiner Jugendzeit":

Die Jugend ist das Saatfeld zur Ernte unseres Lebens."

In dem Vorworte zu ihrerHausfrau" sagt sie:

Um indes neben der praktischen Anleitung im elter­lichen Hause auch persönliche Anschauungen von verschieden­artigen Lebensverhältnissen zu gewinnen, verbrachte ich an­fänglich mehrere Jahre als Erzieherin und lebte dann meiner schriftstellerischen Thätigkeit in verschiedenen Gegenden, in größeren Städten und aus dem Lande, wo sich überall Gelegenheit fand, tiefere Blicke ins innere Familienleben und in Familienschicksale zu werfen."

Eigene traurige Herzenserfahrungen sind auch mit die Veranlassung dazu gewesen, daß Henriette Davidis sich ganz in den Dienst der Frauenwelt stellen konnte. Zweimal hat ihr ein schönes Eheglück gewinkt, und beide Male faßte der Tod mit eisernem Griff hinein und nahm ihr den Bräutigam. Still hat sie dieses tiefe Leid für sich getragen und ihre seelischen Schmerzen mit sich ausgekämpft, indem sie diese harten Schicksalsschläge als einen Fingerzeig von Oben ergeben hingenommen hat. Sie ist unvermählt ge-