Ausgabe 
5.2.1901
 
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keit mit dem Nebel hatten, dein wir soeben entgangen waren. Die See war weithin, bis an die äußerste Grenze des Horizontes, klar, und verschiedene Schiffe kamen in Sicht. Bon der englischen Küste konnte ich aber keine Spur mehr entdecken, obgleich ich mich an den Kompaß begab, und ausmerksam in die Richtung schaute, wo sie liegen mußte.

DieAurora" sollte jetzt alle Segel beisetzen, die sie führen konnte. Auf dem Quarterdeck ertönten die Kom­mandorufe meines Mannes und des Steuermanns, vorne die heisere Stimme des Zimmermanns, und dazwischen das Aussingen der Matrosen. Eine Raa nach der anderen wurde gehißt, ein Segel nach dem anderen entfaltete sich vor dem.Winde. Ich hätte mit unter die Mannschaft gehen, und nach dem Takte des Gesanges mit den Matrosen ziehen und holen mögen: eine so fröhliche Stimmung hatte sich meiner bei dem Anblick des geschäftigen Treibens an Deck bemächtigt. Inzwischen legte sich die Bark unter dem wachsenden Segeldruck immer mehr auf die Seite, und schoß förmlich durch das Wasser, während der weiße Schaum an ihren Seiten vorüberrauschte.

Als nun auch noch das Bor-Royal beigesetzt wurde, befand sich dieAurora" unter vollen Segeln. Sie legte sich so aus die Seite, daß ich den längsseits zischenden Schaum fast mit ausgestrecktem Arm berühren konnte, und warf, das Spritzwasser vorne in ganzen Wolken empor, die in allen Farben des Regenbogens schillerten. Unter den gewaltigen weißen Segeltuchflächen, die über dem schlanken Rumpf zum Himmel emporragten, sauste die Heine, stolze Bark dahin wie ein Dampfer.

Die Farbe des Wassers hatte sich verändert. Sie war nicht mehr grau, sondern ein klares, leuchtendes Grün. Dbo Wölbungen und Thäler der Wogen wurden eben­mäßiger und waren hier und dort von langen Schaum­streifen durchzogen, die sich mit ihnen hoben und senkten, während sich darüber ein winterlich blauer Himmel aus­breitete, über den Scharen von leichten Wolken hinweg fegten.

Richard ging auf einige Minuten hinunter, und Herr Heron trat an den Steuerkompaß, um hineinzublicken. Ich fragte ihn, was er von derAurora" hielte.

Es ist ein nettes, kleines Schiff", antwortete er, indem er mich kaum ansah und sofort seinen Blick wieder auf die Rose richtete.

Er war entschieden sehr unbeholfen und kurz an­gebunden; ich hielt ihn jedoch für nervös.

Ich wünschte, wir könnten diesen Wind ein paar Wochen behalten", sagte ich;dann würden wir eine schnelle Reise haben."

Das würden wir; Sie haben recht", war die Antwort.

Nach Ihrem Accent zu schließen, Herr Heron, sind Sie kein Nordengländer", sagte ich lächelnd mit dem Vor­satz, die Unterhaltung in freundschaftlicher Weise weiter zu führen, vielleicht auch mit der Empfindung, es solle als Entschuldigung dafür gelten, daß ich den Verweis meines Mannes mit angehört hatte.

Nein, ich bin kein Nordengländer", antwortete er, indem er dabei nach oben blickte. Dann ging er schnell einige Schritte nach vorn und rief ein paar Mann nach achtern, um einen kleinen Pull an den Luvroyal- und Bronn­brassen zu holen.

Seine Einsilbigkeit, um nicht zu sagen Unhöflichkeit, ärgerte mich zwar nicht er dachte vielleicht, es wäre ganz in der Ordnung, einem Gespräch mit mir auszu­weichen, nachdem ihm Richard in meiner Gegenwart ge­sagt hatte, er solle seinen Pflichten besser nachkommen und einen scharfen Ausguck halten ich bedauerte jedoch leb­haft, daß ich die erste Seereise mit meinem Manne nicht in der Gesellschaft eines Steuermanns machte, der den Vor­stellungen, die ich mir durch den Umgang mit meistem Vater und dessen Freunden über Seeleute im allgemeinen gebildet hatte, besser entsprach, als Herr Heron.

Ich begann allmählich den Einfluß des stetig wehenden kalten Windes in meinem Gesicht zu spüren. Ein Gefühl von Schläfrigkeit, wie es sich meistens bei Personen einstellt, die eine Seereise antreten, und sich gleich zu Anfang längere Zeit in der scharfen, frischen Luft aufhalten, bemächtigte sich meiner. Es gab auch noch maucherlei in der Kajüte für wich zu thun, ehe alles sich in der richtigen Ordnung be­

finde^'würde. Ich ging daher hinunter, allerdings mehr in der Absicht, Schutz gegen den Wind zu suchen,' als um zu arbeiten. Indessen räumte ich doch noch etwas auf und kramte herum, wobei ich mich wohl hütete, meines Mannes Tisch zu. berühren. Dort lagen nämlich ver­schiedene, zur Navigation gehörige Sachen: Instrumente, Bücher und Papiere. Ermüdet setzte ich mich endlich in den Lehnstuhl in die Schlafkammer, und in wenigen Mi­nuten war ich fest eingeschlafen wie ein Baby.

Als ich die Augen öffnete, stand Richard in der Thür und betrachtete mich.

Ei, Jessie, mein Lieb", sagte er,wenn Du müde bist, so geh doch lieber ordentlich zu Bett Und schlafe Dich aus."

O, ich biu schau wieder frisch; und munter", versicherte ich, und stand auf. Ich mußte mich auf seinen Arm lehnen, um nicht zu fallen. Das Deck hatte eine Neigung wie der Abhang eines Hügels, und das Schiff sprang 'und stampfte wie ein Pferd beim Hürdenrennen.

Nach dem Thee folgte ich meinem Manne wieder an Deck. Die Nacht war mit tiefer Dunkelheit angebrochen. Sobald die letzte Spur von Tageslicht am Himmel ver­schwunden war, erglänzten die Sterne heller zwischen den Wolken. Einige funkelten in einem scharfen, klaren, grün­lichen Licht, andere in schwachem Rosa, und darüber glitzerte das schwarze Firmament von Myriaden winziger Punkte, wie mit Silberstaub bestreut.

Seit langen Jahren war dies die erste Nacht, die ich auf See verlebte. Damals, als ich jene Reise mit meinem Vater machte, war ich noch jung, und hatte noch nicht das volle Verständnis für die Schönheiten von See und Himmel. Jetzt betrachtete ich das alles mit gereimterem Geiste und alles, was ich sah, wirkte auf mich wie eine Offenbarung. ~ Die regelmäßige Seeordnung hatte bereits begonnen. Schon seit mehreren Stunden waren die Leute gemustert und in Wachen eingeteilt. Die Dunkelheit und Stille an Deck verstärkte noch den Eindruck des brausenden Windes und des zischenden Geräusches der sich brechenden Wellen. Vorne. war keine Spur von Licht zu bemerken, und die Umrisse der Gestalt des Ausguck haltenden Matrosen waren nur schwach .erkennbar. . Achtern glänzte ans dem Ober­licht mit mildem Schein die Kajütenlampe, und der Steuerkompaß war von einer leuchtenden Nebelwolke um­geben, hinter welcher der Mann am Ruder stand, und die Speichen des Rades mit beiden Händen gefaßt hielt.

DerOffizier" der Wache war jetzt der Zimmermann, ein starker Mann mit mächtigen Schultern. Er ging an Deck auf und ab. Bei dem vom Oberlicht ausströmenden Scheine sah seine Gestalt aus wie der eines Riesen, dem die Beine an den Knieen abgeschnitten sind.

Nuri, Jeß", meinte mein Manu und trat zu mir. Ich kann nicht erlauben, daß Du gleich am ersten Abend der Reise hier zu Tode frierst. Ich gehe hinunter, um mir einen Zwieback und ein Glas Grog zu leisten. Komm mit."

Da dies bereits die dritte Aufforderung war, das Deck zu verlassen, so folgte ich.

Ich kann Deine Bewunderung in einer schönen, warmen Mondscheinnacht wohl verstehen", sagte et lachend. Aber jetzt ist es so finster wie in meiner Tasche, und das Thermometer steht auf dem Gefrierpunkt, wenn nicht gar darunter. Es ist eine Nacht, die sich besser dazu eignet, an das warme Bett zu denken, als sich! mit den Wundern der See zu beschäftigen."

Aber ich erfreue mich daran. Zweifellos werde ich mich daran gewöhnen, und mich dann vielleicht ebenso wie Du über mein jetziges Entzücken wundern. So lange der Eindruck frisch ist, muß ich meinen Willen haben." '

Ja", _ sagte er, indem er mich liebevoll anblickte,es ist wohl keine Frage, daß Du bei mir Deinen Willen durch­setzest. Laß nur Heron und die Leute nicht merken, daß Du der wirkliche Kapitän bist. Sonst weigern sie sich viel­leicht, andern Befehlen zu folgen, als den Deinigen. Vor­läufig geht das noch nicht; wenn Du indes so fort* fährst, wie bisher, wirst Du mich bald nach oben schicken, während Du mit dem Sextanten auf die Sonne Jagd machst oder Versuche mit dem nautischen Jahrbuch anstellst."

Ich fragte, wo Herr Heron sei.

Wo jeder vernünftige Mensch in einer solchen Nacht während seiner Wache zur Koje ist, nämlich im Bett."

(Fortsetzung folgt.)