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guten Alten In Treuen halten, Am kräst'gen Reuen Sich stärken und freuen, Wird niemand gereuen.
Geibel.
(Nachdruck verboten.)
Auf der Felseninsel.
Eine Erzählung aus den norwegischen Schären.
Von M. O t t e s e n.
(Fortsetzung.)
Auf unseren Fahrten begegneten wir mitunter der Pastorin, welche mit ihrer jiingsten Tochter sich gern Sigurds Führung anzuvertrauen schien. Oft fühlte ich! den prüfen-, den Blick der klugen Frau auf mir ruhen, und vielleicht mit Unrecht schöpfte ich bald den Verdacht, sie wolle unser Alleinsein stören, über Gunhilda wachen. Sigurd blieb gewöhnliche im Boote, wenn die Damen ausstiegen, steif und wortkarg, jede Annäherung meinerseits ablehnend. Während Gunhilda, von der Pastorin begleitet, im Innern der schmutzigen Hütten verschwand, streifte Hannah unruhig wie ein Irrlicht überall umher. Sie brachte seltene Pflanzen und sonstige Raritäten angeschleppt; eine wahre Sammlerwut schien in der Kleinen erwacht zu sein. Ja, sie konnte gar ganz verständig und ruhig dasitzen, wenn ich ihr auf ihre fortwährenden Fragen dies und jenes erklärte. Sonst hätten mich diese Schätze mit Freuden erfüllt; jetzt hatte ich kaum ein Auge dafür und war heimlich froh, wenn die junge Dame wieder nach einem neuen Schmetterlinge oder einer glänzenden Muschel lief, um ,unsere' Samrn- lung, wie sie das Ganze stolz nannte, damit zu ergänzen.
Wie im Traume lebte ich dahin. Für mich! existierte nur ein Wesen, Gunhilda, um sie drehte sich mein ganzes Denken und Fühlen —. und doch fragte ich nicht, was daraus werden wollte.
Kurz nach meiner Ankunft in Norwegen hatte rch meinem Onkel geschrieben, daß ich mich entschlossen hätte, den Sommer dazu zu benutze«, eine Studienreise an der Küste entlang zu machen. Er schien nichts Absonderliches in dieseW Plan zu finden und ermahnte mich nur dringend, fleißig Material zu einer wissenschaftlichen Abhandlung über die ziemlich unbekannte Fauna und Flora der Schären zu sanimeln. Sein Wunsch war ja, mich als Universitätslehrer in Christiania zu sehen, und wie er sein Lebtag seine Umgebung beherrscht hatte, so fiel es ihm auch nicht un entferntesten ein, ich, sein Adoptivsohn, könnte es wagen,
mich gegen seinen mächtigen Willen auszulehnen. Und doch hegte ich im stillen ganz andere Pläne: ich wollte mich einer jener Expeditionen anschließen, welche unser Norwegen jetzt so eisrig zur Erforschung des Eismeeres ausrüstet. Nansen war mir persönlich bekannt, und er hatte mir in die Hand gelobt, dafür Sorge zu tragen, daß ich ihn das nächste Mal auf seinen kühnen Fahrten begleite. Jetzt war mir aber dies ebenso gleichgiltig geworden wie alles andere. Nur eins erfüllte mich mit jubelnder Freude: der Gedanke, daß ich hier, fern von der großen, lärmenden Welt, frei und ungestört leben könnte und ein Glück genießen, das mir ein in t)ie Unendlichkeit dauerndes, nie getrübtes erschien. Thor, der ich« war — nein, damals noch nicht!
Sechstes Kapitel.
Es war ein klarer, warmer Augusttag, als die ganze zivilisierte Bevölkerung unserer Insel, das heißt die wohner des Leuchtturms und des Pfarrhauses, auswanderte, um einer Einladung des Kaufmanns Hall Folge zu leisten. Die beiden Zwillinge trugen ihre blau und weißen Kattunkleider, frisch gebügelt und so gestärkt, daß sie bei jeder Bewegung knisterten. Hannah glich einer frischen Rosenknospe in ihrem rosa Mullfähnchen, das aber bald zerknittert und zerdrückt war, so wild und unruhig tollte sie umher. Wie leicht und kleidsam schmiegte sich dagegen der weiße Schnee ihres Gewandes um Gunhildas schlanke Gestalt! Hätte ich gewußt, daß ihr Sigurd den kostbaren Stoff mitgebracht hatte, wäre meine Freude daran vielleicht nicht so gr!vß gewesen. Ter Gedanke an den schlucken Gespielen ihrer Kindheit beunruhigte mich mitunter mehr, als ich es in meinem Stolz zugeben wollte, und ich beschloß, heute genau Obacht auf die beiden zu geben.
Unterwegs wurden eifrig Feldblumen gesammelt, und Gunhilda bestand darauf, ihre kleine Freundin damit zu schmücken.
„Sieht Hannah nicht allerliebst aus mit dem bunten Kranze?" flüsterte sie mir vertraulich zu, und ein schelmisches Lächeln spielte um den sonst so ernsten Mund.
Ich nickte nur; denn hoch oben in einem Felsspalt am Sunde hatte ich einen einsamen Rosenstrauch entdeckt. Während die Boote zurechtgemacht wurden, kletterte ich mit Lebensgefahr hinauf und brachte dem schönen Mädchen triumphierend die dunkelroten Blüten. Sie dankte mir ruhig, gleichsam etwas verwundert, und ließ es geschehen, daß Hannah ihr eine Rose in die schwarzen Haare steckte.
Tie Einschiffung ging unter vielen Schwierigkeiten von statten. Tie vier Freundinnen wollten natürlich beisammen sein, die Pastorin, welche ihre Furcht vor der See nie ganz los werden konnte, hielt fidy beharrlich an der Seite des ehemaligen Kapitäns und erklärte, sich nur dessen Führung anvertrauen zu wollen. Tas Ende vom Liede


