Ausgabe 
3.12.1901
 
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sie leise,daß es mir Koch nicht einmal eingefallen ist, wein Kostüm abzulegen? Bitte, entschuldigen Sie mich nur aus wenige Minuten, bis ich mich umgekleidet habe!"

Hilde schlüpfte hinaus, und Doktor Müller, der sich im Stillen Borwürfe machte, ihr Zartgefühl verletzt zu haben, wollte ihre Abwesenheit benutzen, um einen Blick rn das Krankenzimmer zu werfen. Als er zu diesem Zwecks das Arbeitsgemach des Hausherrn durchschritt, streifte sein Auge die aus dem Schreibtische stehenden Photographien. Und eine von ihnen wirkte auf ihn wie der Anblick eines verblüffenden Wunders. Es war ein bald nach ihrer Ver­lobung aufgenommenes Bildnis Felicia's, das sie auf seine Bitte dem Wmmerer zum Geschenk gemacht, und dem er einen so besonders bevorzugten Platz gegeben hatte. Sie selbst war nicht sehr zufrieden damit gewesen, und die Aehnlichkeit lieh in der That zu wünschen übrig. Hermann Müller aber hätte von sehr kurzem Gedächtnis sein müssen, wenn er nicht trotzdem, und trotz der Ver­änderung, welche die letzten drei Jahre in ihrem Aus­sehen hervorgebracht, in diesem Porträt die Züge seines entflohenen Weibes wiedergefunden hätte.

Ellen ja, beim allmächtigen Gott, sie ist es!" kam es von seinen Lippen, während er mit dem Bilde an die hohe Säulenlampe trat, kamen ihm leise Zweifel. Ellen hatte ihr, Haar ganz anders getragen, als dies schöne stolze Weib hier «aus der Photographie, und sie hatte nicht die herrliche, üppig entwickelte Gestalt desselben ge­habt. Auch an den Mundwinkeln glaubte er einen sremden Zug zu entdecken, und die Möglichkeit, daß es sich doch nur um eine seltsame Laune des Zufalls, um eine wunder­bare Aehnlichkeit handeln könnte, wollte ihm nicht mehr so ganz und gar ausgeschlossen erscheinen wie vorhin aus den ersten Blick.

(Fortsetzung folgt.). <

Bärenjagden.

Von Oberförster a. D- Friedrich Langnickel (Odessa).

(Nachdruck verboten.)

Seit im Jahre 1686, und zwar auf thüringischem Boden der letzte Bär in Norddeutschland geschossen wurde, ist Meister Petz ein Wild, welches für die meisten deutschen Jäger nur noch der Sage angehört, die von verzweifelten Kämpfen germanischer Recken gegen die beiden gewaltigen Recken des deutschen Urwaldes, den Ur (Auerochsen) und Baren er­zählt. Daß noch im Jahre 1835 bei Traunstein in Ober­bayern ein Exemplar erlegt wurde, welches über die nahe Tiroler Grenze hinüber gewandert war, ändert nichts an der Thatsache, daß die Bekanntschaft der meisten Weid­männer mit dem zottigen Gesellen nur von dem zoologischen Garten oder den Vorführungen von Zigeunerbanden her­rührt, die einen Tanzbären mit sich führen.

Und doch ist es heute für einen Nimrod, selbst wenn er im Herzen des zivilisierten Deutschlands wohnt, leichter als vor 80 Jahren, auf dieses Edelwild, das zugleich das größte Raubtier des gegenwärtigen Europa ist, zum Schuß zu kommen. Eine anderthalbtägige Eisenbahnfahrt bringt den Jäizer in das klassische Land der Bärenjagden, nach Siebenbürgen, und wer es noch einen Tag länger im Salon­wagen auszuhalten vermag, kann seinem Jagdgelüste im nordöstlichen, östlichen oder südöstlichen Rußland nach Herzenslust nachgehen; denn der schlecht besoldete Förster der unendlichen Wälder der sarmatischen Ebene ist, wenn er nicht im Dienste eines vornehmen Herrn steht, der sich eine solche Gelegenheit nicht entgehen läßt, nur zu geneigt, den Abschuß an den abzutreten, der ihm ein hübsches Stück Geld bietet.

Es kann also jeder, der das nötige Geld nicht scheut, einmal diese Jagd ausüben, an welche sich soviel Lügen und Uebertreibungen knüpfen, daß das Sprichwortjeman­dem einen Bären aufbinden" nicht ohne Berechtigung ist.

Während man in den unwegsamen, von gefährlichen Sümpfen durchzogenen Wäldern der Pripetgegendcn und des nördlichen Rußlands auf Meister Braun vorwiegend nur im Spätherbst oder im Winter Jagd niacht, ist er in den Karpathen und in den südlichen Gegenden das ganze Jahr vogelfrei, umsomehr als er sich dort am liebsten in trockenen Laubwaldungen aufhält, die dem Eindringen von Jägern und Treibern wenig Schwierigkeiten entgegensetzen. In Ungarn und Siebenbürgen ist darum eine Treibjagd auf

Bären auch immer ein Volksfest, das eine ganze Gegend auf die Beine bringt, und von Amts wegen abgehalten wird, wenn im Frühjahr das Vieh auf die höher gelegenen Weiden aufgetrieben wird, und Meister Petz, der das Vegetariertum satt hat, auf einmal findet, daß das frische Ochsenfleisch! einer bestimmten Herde von ganz besonderer Güte ist.

So hatte er in der Piatra Alba in den transsilvanischen Alpen, wo ich meine Lehrjahre als junger Forstbeamter durchmachte, einer Rindviehherde meines Nachbarbezirkes in kurzer Aufeinanderfolge, während die Betyaren (d. i. Rinderhirten) um ihr Lagerfeuer schliefen, seine Besuche abgeftattet, nicht, ohne jedesmal einen jungen Ochsen zu reißen, und trotz des Brüllens der Herde, des Heulens! der Hunde und des Schreiens der Hirten, im Rachen mit spielender Leichtigkeit davonzutragen. Die an die Gemeinde erstattete Anzeige war vom Kössegbiro (Ortsrichter) an den Szolgabiro (Stuhlrichter) weiter gegeben worden und nach Wochenfrist, nachdem der feinschmeckerische Petz wahrschein­lich längst weitergewandert war, kam der offizielle Befehl zur Abhaltung einer amtlichen Bärenjagd herab, der die Nimrode bis Hermannstadt, Kronstadt und Klausenburg, sowie Hunderte von Treibern aus deu nächsten Dörfern aufbot.

Frische Spuren bewiesen, daß ein Bär wahrscheinlich war inzwischen ein neuer eingewandert in einer Thal­schlucht sich) aufhielt, in welcher heraufgetrieben werden sollte, während die Schützen am oberen Ende der Schlucht halbkreisförmig die Uebergänge besetzt hielten. Anfangs herrschte lautlose Stille, die nur ab und zu durch den rauhen Schrei eines Waldvogels unterbrochen wurde. Danu erhob sich allmählich! ein dumpfes Summen, das Geräusch, welches die anrückenden Treiber verursachten, und aus welchem man einzelne Schreie heraushörte, bis plötzlich! der durchdringende Angstruf eines Zigeunerbübleins tioit höchstens 12 Jahren anzeigte, daß mau auf Meister Petz gestoßen sei.

Diesen in der That höchst ungeeigneten Moment, wo jeder echte Weidmann nur Aug und Ohr hat für das, was vor ihm vorgeht, mußte mein linker Nachbar, ein blutjunger Komitatsbeamter mit hochadligem Namen, der später übrigens doch ein wackerer Jäger geworden ist, benützen, um seinen Nasenwärmer (kurze Pfeife) mit frischem Wer- peleter Tabak zu stopfen. In demselben Augenblick erschien auch schon 30 Schritt vor ihm der Gesuchte, ein starkes, etwa 4 Jahr altes Exemplar. Die Schußunfertigkeit meines Nachbarn gewahrend, legte ich an und fehlte; aber ehe ich noch zum zweiten Male zuni Schuß kommen konnte, hatte sich! Meister Petz mit einigen mächtigen Sätzen und nerven­erschütterndem Gebrüll gegen den an einer ziemlich scharfen Stelle des Grates stehenden unschuldigen Juristen gestürzt, nicht, um ihn in allzu zärtlicher Umarmung an seine zottige Brust zu pressen, sondern um in sinnloser Hast das nächste Thal zu gewinnen. Ehe man bis drei zählen konnte, kugelten der Herr Graf, samt Bären, Pfeife und Gewehr auch schon den steilen Bergabhang hinunter, an dessen Ende sich der Bär schleunigst von dannen machte, da niemand wegen der Gefahr, den Jäger zu treffen, es wagen konnte, hinter­drein zu schießen. Der unglückliche Schütze, der bei dem Sturze von den Tatzen des Ungeheuers gehörig zerkratzt war und eine große Narbe auf der rechten Wange zeitlebens als Andenken an diesen Zwischenfall herumträgt, bekam obendrein manchen Kernfluch zu hören. Der Bär aber blieb verschwunden, obgleich an diesem Tage noch mehrere Triebe angelegt wurden. Das war das glorreiche Ergebnis der mit Aufgebot von etwa 400 Menschen veranstalteten Treib­jagd.

Seitdem sind fast 40 Jahre vergangen, in denen es mir vergönnt war, gar manchen Bären selber zu strecken, und noch viel öfter mit meinen eigenen Augen zu sehen, wie meine vom Glück begünstigten Nachbarn den gefährlichen Räuber besiegten. Unvergeßlich wird mir aber eine Bären­jagd bleiben, welche just ein Jahr später fast genau an der­selben Oertlichkeit stattfand. Eine starke Bärin mit mehreren Jungen hatte die Herde» beunruhigt, und wir jagten schon den zweiten Tag mit Treibern und Bracken ohne das geringste Resultat. Mißmutig machten wir uns, 6 Jäger an der Zahl, am Spätnachmittag in glühender Hitze an den Abtrieb eines Eichenwäldchens mit Unterholz, welches an drei Seiten von Kukuruzfeldern und Wiesen umgeben war. Bald begann es im Unterholz« zu rascheln, und es erschien eine mächtige Bärin mit 3 Jungen, von meinem linken