Dienstag den 3. Derember.
1901. — Nr. 174
Ich fort, um jemand von den Herrschaften fagte uns, daß der Herr Stadtrat vorhin ein in der Hand hatte", mischte sich nun eine „Vielleicht war es das, was da neben dem
konnte, lief zu holen."
„Minna Blatt Papier andere ein.
M aß du richt über Schaden klagest, Sich, w as bn sagst und w o dn's sagest. Rückert.
Teinen Angehörigen, etwas von meiner Flucht erfahren; denn ich gebe die Hoffnung noch nicht auf, daß wir einander dennoch angehören werden. Ich kann sie nicht aufgeben, weil ich es niemals gewisser empfunden habe, als in dieser schrecklichen Stunde, daß es für mich kein Leben mehr giebt, ohne Dich. Also kein Lebewohl, mein Geliebter, sondern auf Wiedersehen! Bis in den Tod Deine Felicia."
Herbert faltete das Blatt zusammen, und barg es in seiner Brusttafche. Fast in dem gleichen Augenblicke schon sah er Doktor Hermann Müller's breitschultrige Gestalt tut Thürrahmen stehen. Tie Mädchen wurden durch einen Wink entfernt, und mit starkem Arm .richtete der Arzt den Bewußtlosen empor.
„Schnell alle beengenden Kleidungsstücke herab! Dann eine Schale mit Eis — ein paar nasse Tücher und etwas Aether aus der nächsten Apotheke! Vielleicht ist es am besten, toettit sie Ihre Mutter bitten, mir beizustehen. Ihre Gäste aber schicken Sie jedenfalls nach Hause!"
„Also wirklich ein Schlagfluß? Und sie fürchten--?"
„Ich fürchte vorerst noch nichts-; denn der Anfall scheint mir nicht allzu bedrohlich. Sorgen Sie vor allem, daß ihre Damen nicht in unnötige Angst und Bestürzung versetzt werden. Ich wiederhole, daß meiner Ueberzeugung nach vorläiifig kein Anlaß zu ernsten Besorgnissen vorliegt."
Herbert war ihm noch behilflich, dem Kranken die für seinen Zustand zweckmäßige Lage zu geben; dann sah er sich zunächst aller weiteren Handreichungen überhoben; denn in ihrem schwarzen, knisternden Seidenkleide, mit sehr cr- schrockenem Gesicht, aber sonst merkwürdig, gefaßt, war plötzlich die Stadträtin erschienen.
Tie kleine gebrechliche Frau, die sonst so schüchtern und ängstlich war wie ein Kind, legte in diesem Augenblick eine geradezu bewunderungswürdige Entschlossenheit an den Tag. Sie jammerte nicht, und sie stellte keine überflüssigen Fragen. Hatte sie bis heute nur die Tugend der Demut und der sklavischen Unterordnung unter den Willen ihres Gebieters offenbaren können, so zeigte sie jetzt, daß es ihr auch an höheren weiblichen Tugenden nicht gebrach.
Doktor Müller hätte sich keine geschicktere Gehilfin wünschen können, als sie es ihm war, ttnd Herbert mußte bald erkennen, daß er jetzt mit all seinem guten Willen hier nur noch im Wege gewesen wäre.
Herbert kehrte in die vorderen Räume zurück, und fand ” dort alles in der größten Unruhe nnb Erregung. Tie Zuschauer waren von ihren Plätzen aufgestanden, und die bunten Gestalten der für das vereitelte Festspiel kostümierten Damen und Herren hatteit sich unter die bestürzte Gesellschaft gemischt. Hilde schien erst in diesem Augenblick von der Erkrankung ihres Vaters Kenntnis erhalten zu haben; denn in ihrem lichtblauen Gazekleide, mit blumengeschmücktem, offenen Haar und schillernden Schmet- terlingsflügeln an den Schultern, eilte fie auf ihren Bruder zu, um ihn mit angstvollen Fragen zu überschütten, Herbert beruhigte sie, so gut er konnte, und. erklärte den
(Nachdruck verboten.)
Gesprengte Fesseln.
Roman von Reinhold Ortmann,
(Fortsetzung.)
Er sah sich Beistand suchend um, und gewahrte, daß der Herr, mit dem er eben gesprochen hatte, ihm gefolgt war. Mit einigen raschen Worten ersuchte er ihn, möglichst unauffällig den Doktor Müller, den einzigen in der Gesellschaft befindlichen Arzt, herbeizurufen, da er selbst den Kranken nicht mehr verlassen wollte. Jetzt erst fiel es ihm auf, daß Felicia nicht da war, und er fragte die scheu an der Thür zusammengedrängten Mädchen, wo sie sich befinde. Die, welche ihn geholt hatte, antwortete statt der anderen:
„Wo das gnädige Fräulein ist, iveiß ich nicht. Keine von uns hat sie gesehen. Ich kam aus der Küche, und als ich im Vorbeigehen die Thür vom Zimmer des Hcrrtt Assessors offen stehen sah, blickte ich hinein. Da lag der Herr Stadtrat schon so ivie jetzt auf dem Stuhle, aber . aber er machte noch allerlei Bewegungen mit der einen Hand, nnb ich dachte, daß er mir etwas sagen wollte. Erst ivie ich merkte, daß er gar nicht mehr sprechen
. Stuhle auf der Erde liegt."
Herbert bückte sich, um den bis dahin übersehenen Briefbogen anfzuheben, und ans der Stelle erkannte er Felicias charakteristische Schrift. Ohne Bedenken durfte er von dem Inhalt Kenntnis nehmen; denn schon die Anrede sagte ihm ja, daß er für keinen anderen bestimmt gewesen war, als für ihn. Sie lautete: „Mein heißgeliebter Herbert!" — und darunter stand mit hastigen, offenbar in großer Erregung hiugeworfenen Zügen zu lesen:
„Wenn Du dies findest, habe ich das Haus Deines Vaters verlassen, um wahrscheinlich niemals dahin zurückzukehren. Aber ich gehe nicht freiwillig, sondern ein grausames Verhängnis treibt mich fort. Und Du darfst mich nicht verdammen, sondern Du mußt mich bemitleiden; denn ich bin in diesem Augenblick das unglücklichste Geschöpf auf Erden. Ich kann Dir jetzt keine weitere Aufklärung geben, aber bald, vielleicht schon morgen, wirst Du von mir hören. Und bis dahin darf niemand, außer


