Ausgabe 
3.2.1901
 
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Vierzehntes Kapitel.

Dickes Wetter.

Wir hatten eben zur Genüge von unserem sehr guten I Pudding gegessen, als wir plötzlich die Stimme des Steuer- I manns hörten, der scharf und laut irgend jemand anrief. I

Vielleicht hatte mein Mann die Worte verstanden oder I doch aus dem Tone auf die Wichtigkeit des Rufes ge- I schlossen; denn er sprang auf, nahm seine Mütze und stürzte I die Treppe hinauf. Ich folgte ihm.

Die Mannschaft rannte umher und war beschäftigt, das I Großsegel aufzugeien. Richard stand dicht neben dem Mann I am Ruder und gab von dort aus einige Befehle; vorn auf | der Back stand der Steuermann, blickte über die See und 1 drohte irgend einem dort befindlichen Gegenstände mit der I Faust, während er die andere Hand als Sprachrohr benützte I und jemand etwas zurief.

Das Wetter war vorher schon diesig gewesen, jetzt aber I hatte sich dichter Nebel herabgesenkt und verhüllte die See. I Die Bark war in den Wind geschossen, der zwar nicht stärker 1 geworden war, aber doch Kraft genug hatte, die backschlagen- I den Segel heftig zu schütteln. Zu dem Geräusch der I schlappenden Segel kamen noch das stoßweise Stampfen des I Schiffes und die dampfartigen Nebelschleier, die ein Gefühl I von Unsicherheit und fast von Furcht in die Verwirrung I mischten, indem sie alles verhüllten.

Ich stand in der Kajütskapp, um niemand im Wege zu | fein, und konnte, als ich in die Richtung blickte, wohin der I Steuermann mit der Faust drohte, gerade noch die Umrisse 1 eines großen Fahrzeugs erkennen, das unter dem vollen I Druck seines dunkeln Segels über die Wogen hintaumelte, I aber hartnäckig denselben Kurs weitersteuerte, auf dem wir I es eben fast angerannt hätten. I

Warum haltet Ihr nicht ab?" schrie Herr Heron, als in dem Aussingen unserer Leute eine Pause eintrat. Seine I Stimme klang vor Wut so heiser wie die eines Raben. I Es war ein förmliches Gekrächze.

Einige unbestimmte Laute ob Worte oder Gelächter, konnte ich nicht unterscheiden drangen von den schnell im Nebel verschwindenden Umrissen zu uns herüber. In wenigen Sekunden war der dunkle Schatten verschwunden, und dieAurora" lag nun mit dem Kopf im Winde und stampfte furchtbar in den aus dem Nebel ihr entgegen­rollenden Seen. Alle Segel lagen back, und das Schiff j machte keine Fahrt mehr.

Glücklicherweise war der Wind nicht heftig genug, um die Lage zu einer gefährlichen zu gestalten. Nachdem der Besan eingegeit, die Achterstagsegel niedergeholt, die Klüver­schoten angeholt und die Achterraaen Vierkant gebraßt wären, fiel die Bark endlich wieder ab.

Lassen Sie das Großsegel festmachen und halten Sie das Schiff nur unter Marssegeln und Fock, bis das Wetter sich aufklärt", rief Richard dem Steuermann zu. |

Richard sah blaß und ärgerlich aus. Er ging an Deck auf und ab, und dicht an mir vorüber, ohne mich an­zusehen. Der Steuermann am Fallreep blickte düster auf die Matrosen auf der Großraa, die das Segel aufrollten, und eben dabei waren, mit einem Chorgesang den Bauch aufzuholen. Mein Mann rief ihn heran. <_

Herr Heron, wie lange haben wir schon diesen Nebel?"

Ungefähr fünf Minuten, ehe Sie vom Essen herauf­kamen."

War jenes Fahrzeug, das wir beinahe überrannten, in Sicht, ehe der Nebel aufkam?"

Ich habe es nicht gesehen, Herr."

Ich fragte, ob es in Sicht itxxr?"

Der Ausgucksmann hat es gesehen", antwortete der Steuermann, und bemühte sich sichtlich, seinen Aerger zu ver­bergen,aber nicht gemeldet, da er annahm, ich hätte es auch gesehen. Er hielt das Fahrzeug für weiter ent­fernt und glaubte, daß es vor unserem Bug vorbeisegeln würde."

Wie heißt der Mann?"

James Snow."

Aber wo hatten Sie denn Ihre Augen, Herr Heron?" Keine Antwort.

Und weshalb benachrichtigten Sie mich nicht, als dieser Nebel aufkam?"

Wieder eine Pause und keine Antivort.

Sie hätten doch kleine Segel machen müssen, als Sie den Nebel kommen, sähen. Statt dessen halten Sie das Schiff in voller Fährt unter einem Großbramsegel. Ist das seemännisch gehandelt?"

Herr Heron antwortete nichts.

Nun", meinte Richard ruhig,dies ist die erste Reche, die wir zusammen machen. Ich, will hoffen, daß Sie mir nicht wieder Veranlassung geben, Ihnen zu sagen, was Sie in solchen Fällen zu thun haben, nämlrch daß Sre einen scharfen Ausguck halten, und darauf achten, daß er von anderen gehalten wird, und mich sofort benach­richtigen, wenn Umstände eintreten, wo Ihnen Ihre Er­fahrung als Seemann sagen muß, daß ich am Deck zu sein wünsche. In dickem, unsichtigem Wetter in der Nordsee will ich kein Vorwärtstreiben, Herr."

Da der Steuermann schwieg, schloß ich, daß er nichts entgegnen konnte. Nach seinen Mienen zu urteilen, würde er wohl ziemlich! scharf geantwortet haben, hätte er emen guten Entschuldigungsgrund gehabt. Mein Mann schien nicht bemerkt zu haben, daß ich nahe genug stand, um jedes Wort hören zu können. Das that mir um fo mehr leid, als der Steuermann meine Gegenwart sehr wohl bemerkt hatte. Dadurch erhielt der ihm gemachte Vor­wurf eine größere Schärfe, als notwendig gewesen wäre.

Ein paar Minuten später ging Herr Heron zu Mittag hinunter, und ich blieb bei Richard, der zwischen dem Ruder und dem Besanmast auf- und abging.

Die ganze Mannschaft befand sich an Deck. Die Leute blickten über die Reeling, oder gingen hurtig auf und ab. Ihre verschiedenen Anzüge erhöhten das Malerische oreses Seebildes. Einige waren in blauen Düffel gekleidet, andere trugen gelbes Oelzeug, noch andere nichts als das wollene Hemd, Segeltuchhosen und den Südwester, alle das unver­meidliche Scheidemesser an der Hüfte.

Dabei sah man die verschiedensten Gesichtsbildungen: einer mit dunkelm Vollbart, ein anderer ganz hellblond l wie ein Skandinavier, ein dritter mit einem Mulatten­gesicht. Bei einigen deutete die bronzene Hautfarbe, die Ohrringe, die vorstehenden Backenknochen, die glänzenden Augen auf den amerikanischen Matrosen hin.

(Fortsetzung folgt.)

Die Bedeutung des Winters für die menschliche Gesellschaft.

Von F. Clemens.

(Nachdruck verboten.)

Der Winter ist ein harter Mann", klagt das alte Kinderlied und in der That, beim ersten Anblick hat er nichts Verlockendes. Wenn man fröstelnd die vom Schnee­sturm gepeitschte Flur durchmißt und während der wenigen Tagesstunden noch nicht einmal die Sonne zu Gesicht be­kommt, so denkt manmit wehmütiger Sehnsucht des warmen, sonnigen heiteren Südens, der immergrünen Tropenwelt mit ihrem ewig blauen Himmel, ihren wunderbaren Blüten und ihrer in prismatischem Farbenglanze schimmernden Vogelwelt. Und doch entbehrt auch- er nicht der Schönheiten und Annehmlichkeiten, wie jeder Naturfreund, unter Hin­weis aus die im Demantschmucke eines Rauhfrostes prangende Winterlandschaft, und jeder Liebhaber des Schlitten-, Schlittschuh- und Schneeschuhsports uns be­stätigen wird, Und nicht zu vergessen auch jede junge Dame; denn ist der Winter nicht die Zeit der Bälle und Vergnügungen?

Kein Zweifel, die Naturfreunde, die Winterspvrtsinen und jungen Damen haben recht, aber was schön und an genehm ist, braucht darum nicht Bedeutung zu besitzendes braucht noch, keinen Nutzen zu gewähren. Wenn wir hier nur von den Reizen des kalten Eisgesellen reden wollen, so müßten wir auch gerechterweise berichten, daß die Gegen den, welche des Winters entbehren, den eigenartigen Schön heilen desselben ihrerseits ebensolche und nicht geringere gegenüberzustellen haben, für welche wir unter Umständen sowohl den Rauhfrost als die Eis- und Schlittenbahn inü Vergnügen hinaeben würden. Auch in mancherlei an ft* nützlichen dem Winter nachgerühmten Wirkungen liegt seine Bedeutung nicht. Daß er den Pflanzen eine Erholung?