Ausgabe 
2.5.1901
 
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Maler niemals verziehen, und er ist sehr stolz ans seinen Vater."

Nun denn, tote kam die Anknüpfung sonst zn stände?"

Herr von Restorp erschien vor einigen Monaten hier in meinem Bnreau, um wegen eines Prozesses Rücksprache mit mir zu nehmen. Später tmtßte ich ihn wiederholt anfsnchen, weil er durch ein Unwohlsein an das Zimmer gefesselt war, und so entwickelte sich die nähere Bekannt­schaft ganz von selbst."

Natürlich wie es eben zn gehen Pflegt, wenn der Vater eines armen, heiratsfähigen Mädchens auf einen ttnerfahreneit jungen Manu stößt, aus dem sich bei einiger Geschicklichkeit ein Bewerber machen läßt."

Pstti, Hanna! So darfst Du nicht von den Restorps sprechen, auch nicht im Scherz! Sie haben nicht nur keine Geschicklichkeit aufgewendet, um mich zu fesseln, sondern Inges Vater hat sogar erst nach längerem Zögern seine Einwilligung gegeben. Ein simpler bürgerlicher Rechts­anwalt ist als Schwiegersohn tut Grunde garnicht sonderlich nach seinem Geschmack."

Desto mehr wirst Du Dich vermutlich beeilen, Deinen glücklich errungenen Schatz in Sicherheit zu bringen. Zu wann muß ich meine Hochzeitstoilette bestellen?"

Du brauchst es nicht zu überstürzen. Wir machen uns auf einen ziemlich langen Brautstand gefaßt; denn meine Praxis gestattet mir vorläufig noch nicht, eine Familie zu gründen."

So hätten sie Dir auch nicht gestatten sollen. Dich zu verloben. Nichts für ungut, Bernhard aber es thnt mir leid, daß ich nicht schon ein paar Monate früher gekommen bin, wie es ja auch in der That meine Absicht war."

Wirklich? War es das? In Deinen Briefen hast Du niemals etwas davon verraten."

Es gießt Dinge, die sich brieflich nicht gut erörtern lassen. Würdest Tu es denn begriffen haben, wenn ich Dir geschrieben hätte, daß ich in hohem Maße unzufrieden mit Dir sei daß Du meine stolzen Erwartungen getäuscht hast, und Dich meiner Ansicht nach auf dem besten Wege befindest. Dein Leben gründlich zu verderben?"

Ich wäre davon allerdings einigermaßen überrascht worden; denn bis zu diesem Augenblick lebte ich in dem Wahn, so ungefähr meine Schuldigkeit zu thun."

Und Tu warst glücklich, wenn sich irgend ein Schuster oder Schneider einstellte, um seine Rechtshändel durch Dich ausfechten zu lassen, nicht wahr? Du wärst es ganz zu­frieden, wenn Tu nach zehn oder fünfzehn Jahren von Seiner mühselig zusammengescharrten Praxis in beschei­dener Gemächlichkeit leben könntest vielleicht mit der be­glückenden Aussicht, Dich als Siebziger zur Ruhe zu setzen. Sage doch aufrichtig, Bernhard; ist dies nicht das Bild der Zukunft, wie sie Dir bisher vor geschwebt hat?"

Daß sie sich wesentlich glänzender gestalten werde, wage ich allerdings kaum zu hoffen. Bis jetzt wenigstens sind keinerlei Anzeichen dafür vorhanden."

Weil Du selbst noch nicht das Geringste dazu gethan hast. Weil $u Dein Pfund vergräbst, statt damit zu wuchern."

Mein Pfund das sind vermutlich meine groß­artigen Talente?"

Großartig oder nicht sie sind immerhin bedeutend genug, Dir eine Stellung zu machen, Dir den Weg zu An­sehen und Reichtum zu ebnen. Tu hast Beredsamkeit, Schlag­fertigkeit und eine lebhafte Phantasie. Das ist alles, was man braucht, um ein gesuchter Anwalt, und vor allem, um ein berühmter Verteidiger zu werden. Bringe Deinen Namen in Verbindung mit einigen Sensationsprozessen, die das Publikum ein paar Tage oder Wochen lang in Atem halten gieb den Zeitungen Gelegenheit, Deinen Geist, Deinen juristischen Scharfsinn, das Feuer Deiner Rede zu rühmen und Tn bist ein gemachter Mann."

Ganz so leicht, wie Tu Dir's vorzustellen scheinst, ist das doch vielleicht nicht. Und dann, woher soll ich diese Sensationsprozesse nehmen?"

O, sie sind immer da. Man muß sich ihrer nur zu bemächtigen wissen. Wenn ich an Deiner Stelle wäre, bei Gott, ich hätte meinen Fuß längst aus der Leiter, die zu Reichtum und Macht emporführt."

Reichtum und Macht sind das denn wirklich die höchsten und erstrebenswertesten irdischen Ziele?"

Sie lachte $ur§ auf, und ihr Lachen hatte diesmal nicht beu holden, bestrickenden Klang, der Harro Boysen vorhin so entzückt hatte.

So fragt ein Knabe, Bernhard! Wer sich nicht in jämmerlicher Schwäche von vornherein damit abfindet, das Leben als ein armseliges Vegetieren anzusehen, ber kann kein anderes Ziel haben, als dies. Beglücke meinetwegen die Welt mit großen und erhabenen Ideen erweise Dich als ein Wohlthäter der Menschheit erst aber mache Dich zum Herrn über sie, damit sie Dich nicht als einen Narren unter die Füße trete! Nein, es gießt nichts Größeres und Herrlicheres, als die Macht, nichts Schimpflicheres, als jene Abhängigkeit, die Tag für Tag vor der Tuniinheit unb Erbärmlichkeit zu Kreuze kriechen muß. Herrschen allein ist leben! Ein verächtlicher Feigling ber_ Mann, besten Streben nicht bar auf gerichtet ist, über seine Umgebung zu herrschen."

Ihre Augen glänzten, unb ihre Wangen hatten sich höher gerötet. Bewunbernb blickte ber Bruber auf ihre Schönheit. Ihre leibenschaitlichen Worte aber nahm er dem Anschein nach nicht allzu ernst.

Tu hättest in den Tagen des Mittelalters leben müssen, Hanna! Vielleicht würde auch ich mich bann zu Tein er Auffassung bekannt haben. Heute aber lieber Gott, was für eine Art von Herrschaft sollte ich als einfacher Rechtsanwalt wohl erstreben?"

Daß Du so sprechen kannst, beweist, wie wenig Tu mich verstauben. Wir sinb keine mittelalterlichen Menschen leiber! Aber unsere werten Zeitgenossen sinb es glück­licherweise auch nicht. Tie Waffe, durch bie man zur Herrschaft über sie gelangt, ist nicht mehr bas Schwert, fonbern bas Gelb! Reich sein, unb klug sein bas heißt über ein Heer bemütiger Sklaven gebieten, bie Dir willig alles hingeben, was Tu von ihnen verlangst: ihr Gewissen unb ihre Ehre, ihren Leib unb ihre Seele."

Schlimm genug, wenn es sich so verhalt! Unb es verlangt mich herzlich wenig nach einer solchen Herrschaft. Tie Unabhängigkeit eines ehrlichen Mannes, bas ist alles, was ich für meine Person begehre."

Aber Tu wirst niemals unabhängig sein, so lange Tu nicht reich bist. Wer bie Ueberlegenheit seiner Kennt­nisse unb Fähigkeiten nicht biefem einzigen großen Zwecke nutzbar zu machen weiß, der lebt und stirbt als ein Knecht."

Unb Tu selbst, Hanna? Hast Du Dich dem Studium nur beshalb gewibmet, um burch Deine Wissenschaft Reich­tümer zu erwerben?"

Ich hatte mich für biefe Laufbahn entschieben, weil ich in einem thörichten Irrtum befangen war. Dadurch, daß ich mir die Bildung eines Mannes aneignete, wähnte ich, den Kampf um die Macht auch mit den Waffen eines Mannes führen zu können. Aber ich habe das Unsinnige dieses Glaubens längst erkannt. Ein paar glücklich bestandene Prüfungen und ein Doktorhut heben den Unterschied zwischen Mann und Weib nicht auf. Und es ist gut, daß es so ist; denn wehe dem Weibe, das sich bei dem Ringen um die Herrschaft auf andere Waffen verläßt, als auf die natürlichen seines Geschlechts!"

Darum also hast Du Dein Studium abgebrochen? Und nun was gedenkst Du nun zu beginnen?"

Ich fjabe noch keinen bestimmten Plan abgesehen davon, daß ich entschlossen bin, vorläufig hier zu bleiben. Du wirfst mich doch nicht hinaus?"

Welche Frage! Die Wohnung, die ich von meinem Vorgänger übernommen habe, ist für mich ohnedies viel zn groß- Du kannst zwei recht hübsche Zimmer haben, die so­weit abseits von den Bureauräumen liegen, daß Du durch­aus nicht gestört wirst."

Gut! Und wir werden den Haushalt von heute an auf gemeinschaftliche Kosten führen. Das ist eine Be­dingung, von der ich nicht abgehe. Du weißt, ich Hebe in solchen Dingen keine Unklarheit auch nicht zwischen Dir und mir."

Ja, bist Tu denn so wohlhabend? Ich meine, die Studienjahre müßten Dein kleines Erbteil nahezu auf­gezehrt haben."

(Fortsetzung folgt.)